Seien wir einmal ehrlich zu uns selbst: Begegnen wir nicht der Pandemie wie ein Kaninchen der Schlange und starren wir nicht wie gebannt in den Fernseher oder auf das Smartphone, um ja nur auf dem aktuellsten Stand zu sein, wie viele Menschen gerade vom grassierenden Virus infiziert sind und was die neueste Maßnahme der Regierung gegen die aktuellste Mutante des Virus ist? Auch wenn es richtig und wichtig ist, informiert zu sein, so gilt es doch für Körper und Seele Balance zu halten. Wer uns dabei hilft, ist der Geist samt Willen.

Thomas Köhler ist Geisteswissenschafter und Psychotherapeut in Wien (www.lebenmitsinn.at). - © privat
Thomas Köhler ist Geisteswissenschafter und Psychotherapeut in Wien (www.lebenmitsinn.at). - © privat

Ob alt oder jung, Frau oder Mann: Gerade angesichts permanenter "Messages" und "Challenges" in der Pandemie benötigen wir dringend ein Maß, mit dem wir unsere Mitte nicht als Objekt, sondern als Subjekt suchen und finden; mit dem wir weniger fremd- als selbstbestimmt denken und handeln; mit dem wir weiter beziehungsweise wieder Herrin oder Herr unserer Existenz sind, so es unsere persönliche Autonomie trotz normativer Begrenzung zulässt.

Dazu ist neben Physiohygiene, zu der wir tagtäglich mit Händewaschen, Abstandhalten und Ähnlichem angeleitet werden, ebenso Psychohygiene notwendig. Darunter werden verschiedene Techniken verstanden, um neben dem Körper ebenso die Seele zu "reinigen", sie also möglichst frei von Belastung und frei zur Erbauung zu machen. Das tut gerade jetzt not, da wir angesichts der Lawinen an Nachrichten dazu neigen, Negatives sehr wohl, Positives aber kaum noch zu bemerken.

Waren wir heute früh zum Beispiel gut oder schlecht gelaunt? Dann hängt das womöglich damit zusammen, mit welchen Gedanken und Gefühlen wir gestern Nacht zu Bett gegangen sind. All das ist freilich nicht statisch, sondern dynamisch. Wenn uns also das eine oder andere Ereignis widerfahren ist, sind wir kraft unseres Geistes sehr wohl in der Lage zu entscheiden, wie wir es werten: positiv(er) oder negativ(er). Das gilt tagsüber generell immer, speziell aber nachts: Wie wir einschlafen, entscheidet nämlich, wie wir aufwachen.

Schon die weise und kluge Stoa sprach in der Antike davon, nicht die Dinge an sich seien gut oder schlecht, sondern unsere Vorstellungen davon. Von den Vorstellungen wiederum hängen unsere inneren Ein- und äußeren Aufstellungen ab. Tatsächlich ist es leichter, uns außen gerade zu halten, wenn wir innen im Lot sind, und tatsächlich ist es leichter, "psychophysisch" ein Gleichgewicht zu wahren, wenn wir dazu - so anstrengend es gerade im Zeitraum einer Krise wie Corona ist - willens sind.
Es ist ein Wille zum Trotz.

Dass es der Wille des Geistes ist, der trotz aller Krisen und Plagen Berge versetzt, ist nicht nur eine Redensart. Vielmehr bewies der große österreichische Psychiater und Neurologe Viktor Frankl mit seinem (Über-)Leben (des Konzentrationslagers), dass wir damit wenn auch nicht allen, so doch vielen Problemen, denen wir gegenüberstehen, im besten Sinn des Worts widerstehen können und damit aus unserer Psyche - wenn wir es regelmäßig tun, sogar epigenetisch wirksam - ein wunderbares Signal der Hygiene an unsere Physis senden, das uns gerade im ungefähren Zeitraum einer Pandemie widerstandsfähig(er) macht; gerade hier und jetzt.