Österreichs Schüler gehen seit dieser Woche wieder in die Schule - die älteren verbringen allerdings mehr als die Hälfte Unterrichtszeit weiter daheim. Sollen die Eltern ihnen beim Lernen helfen, sie informell unterrichten? Von Schul- und Lernpsychologen - viele sind Verfasser von Beratungsliteratur - kommt hier Ablehnung. "Der größte Wert der Mehrzahl der Elternratgeber zu Schule und Erziehung ist ihr Heizwert", meint dazu der deutsche Bildungsexperte Josef Kraus süffisant. Einige wenige Blicke machen klar, ob ein elternberatendes Druckwerk über pädagogischen oder kalorischen Nutzwert verfügt. Werden Pauschalratschläge erteilt und wird undifferenziert über "die Kinder" gesprochen, dann sollte dieses Elaborat zum Altpapier wandern. Theresia Nußhold, eine Expertin für praktische Kinderpsychologie, die neben ihrer beruflichen Tätigkeit insgesamt elf Kinder großgezogen hat, resümierte schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts: "Jedes Kind ist anders." Daran hat sich bis heute nichts geändert.

Ernst Smole war Berater der Bildungsminister Fred Sinowatz, Herbert Moritz und Helmut Zilk. Er koordiniert den "Unterrichts:Sozial:Arbeits- und Strukturplan für Österreich 2015 - 2030" (www.ifkbw-nhf.at). - © privat
Ernst Smole war Berater der Bildungsminister Fred Sinowatz, Herbert Moritz und Helmut Zilk. Er koordiniert den "Unterrichts:Sozial:Arbeits- und Strukturplan für Österreich 2015 - 2030" (www.ifkbw-nhf.at). - © privat

Kinder brauchen nicht nur zu Zeiten von Corona von den Eltern Unterschiedliches. Eigenmotivierte Kinder wollen beim Lernen oft schlicht in Ruhe gelassen werden, andere brauchen die sanfte, aber konsequente pädagogisch-fachliche, also helfende Zuwendung der Eltern. Hilfsfähige Eltern, die erstens ihre Kinder wirklich mögen, zweitens über ein gerüttelt Maß an Reflexions- und Selbstkritikfähigkeit verfügen und drittens noch Erinnerungen an die eigene Schulzeit haben, können mit viel Selbstvertrauen und mit Erfolg als eine Art Heimlehrer ihrer Kinder - und vielleicht auch des einen oder anderen Mitschülers, der nicht mit heimunterrichtsfähigen Eltern gesegnet ist - fungieren.

"Eltern sind keine Lehrer" - diese Feststellung liest und hört man immer wieder. Versteht man aber unter Lehrersein, den Kindern informelle Hilfe und Zuwendung im Interesse des Erwerbs von Wissen, reflektierter Lebenserfahrung und Erkenntnisfähigkeit zu geben und als positive Vorbilder zu wirken, dann können Eltern sehr wohl als Lehrer im besten Sinne fungieren. Wenig bekannt ist, dass Schulen in den frühesten Hochkulturen meist Einrichtungen ausschließlich für elternlose Kinder waren. Nicht zufällig stellt das "Schema Israel", das traditionelle Glaubensbekenntnis der Juden, einen umfassenden Lehrauftrag an die Eltern dar. Immerhin entstammen dieser Schicksalsgemeinschaft mehr als 40 Prozent aller Nobelpreisträger. "Erziehung wird nicht outgesourct!", titelte jüngst die "Jüdische Allgemeine, das bedeutendste jüdische Print-Periodikum.

Auch die Feststellung, "die Lehrer" würden stets Hervorragendes leisten, ist eine unzulässige Verallgemeinerung. In einer viel Aufsehen erregenden Studie aus dem Jahr 2014 attestierten sich 55 Prozent der befragten Lehrer, ihr Unterricht scheitere aus verschiedenen Gründen größtenteils. Dies ist ein Hilferuf sowohl an die Eltern als auch an die Bildungspolitik Kehren wir zu mehr Realitätssinn, Differenziertheit und Chancenwahrnehmung zurück - im Interesse der jungen Individuen, die uns anvertraut sind. Das kompetente, unaufdringliche Helfen der Eltern kann ein entscheidender Beitrag dazu sein, negative Folgen etwa von Covid abzumildern.

Ernst Smole