Auf dem Weg zum Terroranschlag vom 2. November 2020 gab es nicht nur eine Kette von Pannen, sondern auch den entscheidenden Augenblick, in dem das Unglück hätte verhindert werden können. Und es ist schon sehr seltsam, dass davon zwar am Rande die Rede war, aber viel zu schnell gerade darüber hinweggegangen wurde. Denn bei all den Überlegungen, wie solchen Tragödien vorgebeugt werden kann, müsste sich auf genau diesen Moment die volle Aufmerksamkeit richten. In diesem Moment ist das Unheil nämlich passiert.

Wie es eigentlich sein sollte

Hellmut Butterweck war Journalist mit den Schwerpunkten Kultur und Zeitgeschichte und schrieb mehrere Bücher, zuletzt "Staat, wach auf - warum die Wirtschaft einen externen Regulator braucht" (Wien 2019). - © privat
Hellmut Butterweck war Journalist mit den Schwerpunkten Kultur und Zeitgeschichte und schrieb mehrere Bücher, zuletzt "Staat, wach auf - warum die Wirtschaft einen externen Regulator braucht" (Wien 2019). - © privat

Ein österreichischer Beamter erfährt, dass ein österreichischer Staatsbürger versucht hat, in der Slowakei Munition für ein Sturmgewehr AK 47 zu kaufen. Was sollte er tun? Und was tut er? Was er tun sollte, ist eigentlich selbstverständlich. Er müsste sofort zu seinem Vorgesetzten laufen, und beide würden alles liegen und stehen lassen, denn wenn sie Profis sind, wissen sie, dass ein Anschlag droht oder zumindest drohen kann. Er muss sich nicht ereignen, aber die Gefahr, dass es dazu kommt, ist akut. Wann? Vielleicht nächste Woche, vielleicht in drei Monaten, aber vielleicht auch schon morgen. Sie erwägen kurz die Möglichkeit, dass es nur ein Waffennarr sein könnte, der im Wald auf Scheiben schießt. Aber kann man sich darauf verlassen? Nein, und es passt auch nicht zum Namen des Mannes.

Bei der Aufarbeitung des Anschlags lag der Fokus nicht dort, wo er liegen hätte sollen. - © apa / Schlager
Bei der Aufarbeitung des Anschlags lag der Fokus nicht dort, wo er liegen hätte sollen. - © apa / Schlager

Sie arbeiten in einem Nachrichtendienst, der vor allem dazu da ist, alles zu wissen und für sich zu behalten. Der überall seine Ohren hat und Informationen hortet, aber nicht weitergibt, weil er längst zum reinen Selbstzweck geworden ist. Aber da sie in einem solchen Moment auch an ihre Frauen, Kinder und Freunde denken, die zufällig dort sitzen könnten, wo der Mann mit seiner Waffe erscheint, sitzen sie zehn Minuten später - vielleicht sind es auch zwanzig Minuten, aber sicher nicht viel mehr, denn die Bombe tickt - beim Nächsthöheren. Auch zu dritt gelangen sie, was ja nicht schwer ist, zum gleichen Ergebnis. Vielleicht hatte der Mann längst Munition und wollte bloß noch mehr kaufen. Damit müssen sie zumindest rechnen. Sicher wird jetzt auch der Alleroberste informiert. Alle in Frage kommenden Stellen müssen gewarnt werden; die Polizei; vielleicht weiß die Justiz etwas über den Gefährder. Die Zeit läuft; hektische Tätigkeit. Das wäre die selbstverständliche Reaktion in so einem Fall.

Undenkbar, dass einer mauert in einer Hierarchie gestandener Nachrichtendienstleute, die alle sofort wissen, welche Gefahr da drohen kann. Wenn aber doch, dann wird der Erste, der die Meldung bekommen hat, das ganze Haus rebellisch machen und keine Ruhe mehr geben, weil er selbst keine mehr findet mit dem Wissen, dass ein Österreicher in der Slowakei Munition für eine AK 47 kaufen wollte. Weil er weiß, was das bedeutet.

Wie es offenbar leider war

Zurück an den Anfang: Ein österreichischer Beamter erfährt, dass ein Staatsbürger versucht hat, in der Slowakei Munition für ein Sturmgewehr zu kaufen. Wir wissen nun, was er tun soll und tun muss, wenn er über einigermaßen intakte Reaktionen verfügt. Und was tut er? Er schickt eine Meldung, die gleichbedeutend mit der Warnung vor einem möglichen Terroranschlag ist, auf den Dienstweg. Und da dieser Dienstweg offenbar ein kafkaesker ist, auf dem die Meldung keinem Menschen mit einigermaßen intakten Reflexen unter die Augen kommt, geschieht monatelang nichts. Und dann geschieht, was in einem Land mit einem solchen Dienst geschehen muss. Vier Menschen sterben, eine Anzahl weiterer erleidet Verletzungen, von denen sich vielleicht nicht alle wieder völlig erholen werden.

Auf den Reaktionen beziehungsweise Nichtreaktionen aller, denen die Meldung aus der Slowakei unter die Augen gekommen ist und die nicht sofort gehandelt haben, müsste der Fokus der Untersuchung liegen. Doch genau da lag er offenbar nicht. Selbstverständlich muss das BVT reformiert werden. Denn wenn auch die Nachrichtendienste aller Länder auf ihre Macht und eigenen Interessen fixierte Staaten im Staate sind, so ist das BVT unter ihnen doch noch ein besonders trauriger Fall. Es wird also reformiert werden, mit neuen Chefs, neuen Diagrammen, Dienstvorschriften und allem Blabla.

Was das BVT braucht

Bei der großen Personaldebatte sollte ein Gesichtspunkt nicht untergehen, auch wenn es traurig ist, dass er überhaupt erwähnt werden muss: Wenn dort wiederum nur Leute sitzen, die eine Meldung wie jene aus der Slowakei nicht wie der Blitz trifft, dann wird das neue BVT vielleicht keine Skandale mehr produzieren, aber ein nutzloser Selbstzweck sein wie die meisten dieser Dienste. Daher dürfen die "bewährten Mitarbeiter" nicht unter sich bleiben. Das neue BVT braucht einen kräftigen Schuss frischer Kräfte, die noch nicht verlernt haben, was man in solchen Diensten offenbar im Lauf der Zeit verlernt: ein Mensch zu sein. Ein Mensch mit gesunden Reflexen, der in der Nacht schweißgebadet aufwacht, wenn ihm einfällt, dass er die Warnung vor einem möglichen Terroristen auf den Dienstweg geschickt hat, wo sie womöglich dann hängen bleibt.