Betrachten wir es grundsätzlich: Seit dreieinhalb Milliarden Jahren gibt es auf der Erde einzellige Lebensformen, seit zwei Millionen Jahren den aufrecht gehenden Menschen. Wir haben uns, wie jede andere komplexe Lebensform, in eine Umwelt hineinentwickelt, die seit Urzeiten von Mikroorganismen beherrscht wurde und wird. Dass wir darin existieren können, verdanken wir einzig und allein unserem Immunsystem. Ohne dieses könnten wir keinen Tag überleben. Ein perfektes Immunsystem dagegen wäre ein entscheidender Beitrag zur Unsterblichkeit. Unsere biologische Realität liegt irgendwo dazwischen.

Peter Kern ist Immunologe und Professor an der Philipps-Universität Marburg sowie Direktor der Rheumatologie im Klinikum Fulda. - © www.rammler.com
Peter Kern ist Immunologe und Professor an der Philipps-Universität Marburg sowie Direktor der Rheumatologie im Klinikum Fulda. - © www.rammler.com

Den Schutz, den unser Immunsystem gegen einen angreifenden Erreger, also eine Infektion, entwickelt, nennen wir Immunantwort. Diese ist immer ganz spezifisch für diesen einen Erreger, und nur durch sie überleben wir. Mit jeder Infektion entsteht eine neue Immunantwort. Das gilt seit zwei Millionen Jahren für abertausende Erreger, die uns bedrohen - und nun eben auch für Sars-CoV-2. Dabei gibt es nur eine einzige Alternative zur Infektion: die Impfung. Sie ist nichts anderes als eine imitierte Infektion, die zwar immun, aber eben nicht krank macht.

Sars-CoV-2 ist seit einem Jahr in unserer Welt und wird nun für immer hier bleiben. Die Chance, ihm zu entgehen, ist minimal. Bei den Infektionsraten der "zweiten Welle" wären innerhalb eines Jahres 50 Prozent der Bevölkerung infiziert. Die vielzitierte Herdenimmunität würde eine weitere epidemische Ausbreitung verhindern, Einzelinfektionen dagegen nicht. Wer nicht immun ist, den wird das Virus finden, auch wenn es viele Jahre dauert. Nur ganz vereinzelt ist es gelungen, Krankheitserreger komplett auszurotten, etwa die Pocken.

Eine Immunantwort ist praktisch nie ein 100-prozentiger Schutz. Entweder verdämmert sie mit der Zeit (siehe Tetanus), kann die Erreger nicht eliminieren (wie bei Herpes) oder diese mutieren und entziehen sich damit der Immunantwort (etwa Grippe). Eine Impfung gegen Sars-CoV-2 erzeugt derzeit einen 95-prozentigen Schutz. Ob eine Immunität durch Infektion dauerhafter oder effektiver ist, wissen wir noch nicht, aber es wäre gut möglich. Letztlich brauchen wir neben der Impfung auch effektive Therapieverfahren gegen die Krankheit Covid-19. Bisher sind aber keine verfügbar.

Die Impfung allein, selbst wenn sie einmal flächendeckend ist, löst also unser Problem nur zum Teil, zumal wir ja dafür andere Schutzmaßnahmen aufgeben wollen. Der Handel "Impfung gegen Lockdown" wird noch über viele Monate signifikante Infektionszahlen produzieren, bei risikoadaptierter Impfstrategie allerdings rasch weniger schwere und fatale Covid-19-Verläufe. Die Debatte um die dauerhafte Beibehaltung zumindest eines Teils der Schutzmaßnahmen steht uns aber noch schmerzhaft bevor, zumal sie auch vor anderen Erregern schützen. Das zeigen bereits jetzt deren sinkende Infektionszahlen (und damit auch Todesfälle).

Wir werden bewusst entscheiden müssen, mit welcher Opferrate wir leben wollen. Die Hoffnung auf die "weiße Null" (kein Todesfall mehr) ist eine naive Sentimentalität, bei diesem wie bei jedem anderen Lebensrisiko. Immerhin haben wir eine gewisse Wahl.