Vor etwa zwei Jahrzehnten verstörte die damalige Unterrichtsministerin Elisabeth Gehrer mit dem Eingeständnis, dass sie um die Zukunft der grundlegenden Kulturtechniken - Lesen, Schreiben, Rechnen - bange. Es war die Zeit, als die Überfrachtung der Schule mit zusätzlichen Inhalten getreu dem Motto "Die Schule kann alles, die Schule macht alles" volle Fahrt aufgenommen hatte - bei gleichzeitiger Reduktion der Unterrichtsstunden.

Bereits in den 1980ern (!) hatte das Wiener Institut für Höhere Studien (IHS) auf ein Absinken der Lese-, Schreib- und Rechenfähigkeit junger Menschen hingewiesen. Bis zu 25 Prozent der heutigen jungen Menschen sind aktuellen Berichten zufolge Kunden der Schuldnerberatungsstellen. Ihnen mangelt es nicht an elaborierter Finanz- und Wirtschaftsbildung, sondern an viel Grundsätzlicherem: am basalen Rechnen, Lesen und Schreiben. Ohne dieses Können entwickelt sich auch kein Gefühl, kein Instinkt für Zahlen, Proportionen und Größenordnungen. Auch die zu Recht berühmte, oft hilfreiche innere Stimme bleibt mangels Input stumm oder erteilt gar verhängnisvolle Ratschläge.

Die Talfahrt des Lesens, Schreibens und Rechnens

Ernst Smole war Berater der Bildungsminister Fred Sinowatz, Herbert Moritz und Helmut Zilk. Er koordiniert den "Unterrichts:Sozial:Arbeits- und Strukturplan für Österreich 2015 - 2030" (www.ifkbw-nhf.at). - © privat
Ernst Smole war Berater der Bildungsminister Fred Sinowatz, Herbert Moritz und Helmut Zilk. Er koordiniert den "Unterrichts:Sozial:Arbeits- und Strukturplan für Österreich 2015 - 2030" (www.ifkbw-nhf.at). - © privat

Der Mathematikunterricht - besser gesagt, das Rechnen - hat eine lange Geschichte als schulischer Problemgegenstand. Seine Punzierung als Angstfach hat durchaus reale Hintergründe. Diese im Detail auszuführen, würde hier zu weit führen. Die Folge der zutreffenden Diagnose "Angstfach" war um die Jahrtausendwende der Schlachtruf: "Das Rechnen, der Mathematikunterricht braucht einen direkten Bezug zur Lebenswelt der Schüler! Weg mit der abstrakten, lebensfernen Zahlenklauberei!" Die logische Folge: Textbeispiele erlebten einen Boom. Zum Beispiel: "Wenn auf deiner Pizza fünf Zutaten jeweils eine gleich große Fläche bedecken sollen, wie viel Prozent der Gesamtoberfläche darf jede Zutat für sich beanspruchen?"

Auf eine Verbesserung der Rechenfähigkeit durch lebenspraktische Textgebundenheit aber hatte man vergeblich gehofft, was unterschiedliche Tests schmerzhaft offenbarten. Ursachenforschung war angesagt. "Die Rechenprobleme sind in Wahrheit primär Probleme im sinnerfassenden Lesen der Textangaben", so lautete der wenig überraschende Befund der Mathematiklehrer. Es folgten Kontroversen zwischen Deutsch- und Mathematiklehrkräften - Letztere schoben Ersteren die Verantwortung für das systemische Leseversagen zu. Diese konterten mit dem berechtigten Hinweis, dass das Lesen in Österreichs Schulsystem ein sogenanntes Unterrichtsprinzip ist, sprich: sinnerfassendes Lesen hat in allen Unterrichtsgegenständen durchgehend präsent zu sein.

Auch gab es teils berechtigte Kritik an so mancher sinnwidrigen Textangaben, was Zweifel an der Formulierungskompetenz von deren Autoren nährte. Doch man wusste sich zu helfen: Im Zuge von Pisa-Vorbereitungscoachings für tausende Mathematiklehrkräfte gab man diesen die Beispiele des Tests vorab bekannt. Die Folge war eine nur geringfügige Verbesserung des Pisa-Ergebnisses, die die Bildungspolitik als grandiose "Trendwende" abfeierte, obwohl es sich in Wahrheit um eine Optimierung lediglich im Bereich der statistischen Schwankungsbreite handelte.

Diese Affäre führte immerhin zu einer parlamentarischen Anfrage, deren Beantwortung diese Fakten bestätigte. Sicher, Pisa ist nicht alles, denn es handelt sich bei diesen Tests primär um Momentaufnahmen. Doch wenn die noch vor Corona veröffentlichte, knapp zwei Jahrzehnte abbildende Langzeitgesamttrendkurve von Pisa für Österreich nur in eine Richtung zeigt - nämlich durchgehend nach unten -, darf dies nicht länger ignoriert werden.

Und heute - oder besser gesagt: in der jüngsten Vor-Corona-Zeit? Laut einer Untersuchung der Wiener Wirtschaftskammer aus dem Jahr 2019 beherrschen 66 Prozent der lehrstellensuchenden Pflichtschulabgänger das Lesen, Schreiben und Rechnen nicht auf lehr- und berufsnotwendigen Niveau. Bereits Jahren davor hatte man in Salzburg die Schreib-, Lese- und Rechenprobleme vieler Maturanten beklagt, die sich der Aufnahmeprüfung der lehrerbildenden Hochschulen gestellt hatten. Und jüngst klagte ein renommierter Mathematikdidaktiker der Universität Wien: "Viele Maturanten überblicken und bewältigen den Zahlenraum bis 100 ohne Digitalgeräte nicht mehr!" Eine Folge: Universitäten sind nun gezwungen, "Nuller-Kurse" zum Nachholen der schulischen Rechenkenntnisse zu führen. Das Wörtchen "Null" erhält so eine geradezu groteske Mehrfachbedeutung.

Falsch eingesetzte
digitale Lernhilfen

Seit den 1970ern wurde die Schule mit Aufgaben überfrachtet, die früher im Familien- beziehungsweise im Freizeitbereich angesiedelt waren. Man hat übersehen, dass Können - und genau darum geht es beim Lesen, Schreiben und Rechnen - nur über regelmäßiges, zeitlich dichtes Üben erwerb- und sicherbar ist. Das Versprechen, coole, smarte, bunte Digitalgeräte könnten das Üben und jede Anstrengung ersetzen oder vermeiden, hat sich als geradezu kriminelle Irreführung erwiesen.

Es gibt deutliche Hinweise, dass seit dem Einzug der Digitalgeräte in den Schulalltag die Fertigkeiten Lesen, Schreiben und Rechnen verstärkt gelitten haben - auch, da wegen Ressourcenmangels (Unterrichtsstunden) die dem Lesen, Schreiben und Rechnen und anderen wichtigen Unterrichtsfächern zur Verfügung stehende Unterrichtszeit teils in die Digitalbildung umgeleitet werden muss. Diese unverantwortliche "Lösung" wird weder den Chancen, die Digitalisierung bietet, noch den Schülern gerecht, die so nicht zu Nutznießern, sondern zu Opfern einer grotesken digitalbezogenen Nicht-Strategie werden.

Digitalgeräte in den Händen positiv starker, geschickter und beherzter Lehrpersonen können sehr wohl das Erlernen des Lesens, Schreibens und Rechnens optimieren - doch Ausdauer, Konsequenz, Anstrengungsbereitschaft sowie schulische Struktur- und Ressourcenprobleme hinwegzudigitalisieren, ist schlichtweg nicht möglich.

Widerstände gegen Leuchtturmschulen

"Lesen, Schreiben und Rechnen sind weder Bildung noch Ausbildung, sondern durch nichts ersetzbare Voraussetzungen für beides", hat der Philosoph Konrad Paul Liessmann zu Recht festgestellt. "Sinnvolle pädagogische Innovation, die nicht Eingang in das System findet und so Nutzen für alle Schüler bringt, ist weitgehend sinnlos", meint der Bildungswissenschafter Stefan Hopmann und findet Bestätigung in der Schulpraxis, denn sogenannte Leuchtturmschulen - die sich meist im schulrechtlichen Graubereich bewegen - machen aus unterschiedlichen Gründen oft eher Angst, als dass sie inspirieren und zu positiver Nachahmung anregen, und provozieren schulintern immer wieder erhebliche Widerstände. Solche schulischen Leuchtturmprojekte werden nicht selten wesentlich von außerschulischen, nicht dem System angehörenden Kräften getragen, denen seit nunmehr einem Jahr wegen Corona das Betreten von Schulen offiziell untersagt ist. Dies weist auf eine erhebliche Instabilität solcher Leuchtturmschulen hin.

Das konsequente Erlernen des Lesens, Schreibens und Rechnens hat für junge Menschen eine wichtige Bedeutung für das Erlernen des Arbeitens an sich. Arbeiten definiert sich im Zusammenhang mit Schule als konsequentes, aber auch hürdenreiches Verfolgen eines Zieles, das aus der Sicht junger Menschen meist in einiger Ferne liegt. Nicht zufällig weisen jene, die beim Lesen, Schreiben und Rechnen scheitern, meist auch erhebliche Schwächen in Bezug auf Arbeitshaltung und Verlässlichkeit auf. Unverzichtbar sind Lesen, Schreiben und Rechnen besonders auch für die generelle Zukunftsfähigkeit, denn die Grundkompetenzen stellen eine zentrale Schule des Abstraktionskönnens dar - und nichts ist so abstrakt wie die Zukunft.

Das Zeitfenster für die optimale Aneignung von Lesen, Schreiben und Rechnen schließt sich meist knapp nach dem ersten Lebensjahrzehnt. Alle Bemühungen um eine gehobene Finanz- und Wirtschaftsbildung werden scheitern, wenn es nicht gelingt, allen Schülern in den frühen Pflichtschuljahren die in den sehr vernünftigen gesetzlichen Regelwerken definierten Kenntnisse in diesen drei Grundkompetenzen zu vermitteln. Der Weg dorthin ist steinig, und es muss ein gemeinsamer Marsch vieler Institutionen und Individuen sein. Dennoch: Er muss beschritten werden.