Unser öffentliches Leben hat sich durch das Virus stark verändert und weitgehend reduziert. In unserer Freizeit beschränkt sich das öffentliche Leben auf Spaziergänge mit Bekannten oder im besten Fall - in Ländern, wo das erlaubt ist - auf Restaurantbesuche in kleinen Gruppen. Etwas komplizierter gestaltet sich das öffentliche Leben im Berufsalltag. Ein wichtiger Aspekt ist das tägliche Pendeln mit den Öffis. Obwohl das Homeoffice mittlerweile in sehr vielen Branchen Einzug gehalten hat, gibt es doch noch einige Berufsgruppen, die nicht von daheim arbeiten können. Unter ihnen wiederum gibt es Personen, die auf den öffentlichen Verkehr für den täglichen Weg zur Arbeit nicht verzichten können. In der öffentlichen Wahrnehmung und auch gemessen an den Zahlen hat der öffentliche Verkehr stark an Attraktivität verloren. In Wien ist die Öffi-Nutzung im Jahr 2020 um gut 40 Prozent zurückgegangen, in Washington DC spricht man sogar von einem Rückgang von 90 Prozent.

Denis Teoman ist Doktorand an der Virginia Tech University und arbeitet im Feld der vergleichenden Verkehrsforschung. - © privat
Denis Teoman ist Doktorand an der Virginia Tech University und arbeitet im Feld der vergleichenden Verkehrsforschung. - © privat

Die Frage nach der Zukunft des öffentlichen Verkehrs kann nicht einfach und generalisierend beantwortet werden, weil er auch immer das gesellschaftliche Leben und den Dualismus zwischen öffentlichem und privatem Raum widerspiegelt. Die USA und die meisten europäischen Länder vertreten hier zwei gegensätzliche Pole. Während in vielen europäischen Ländern der öffentliche Raum eine große Bedeutung hat, ist dies in der Masse der US-Städte nicht der Fall.

In US-Busse steigen heute vornehmlich Nicht-Weiße ein, die sich kein eigenes Auto leisten können. - © afp / getty images / Drew Angerer
In US-Busse steigen heute vornehmlich Nicht-Weiße ein, die sich kein eigenes Auto leisten können. - © afp / getty images / Drew Angerer

Das Leben in den USA ist in vielerlei Hinsicht viel privater als in Österreich und vielen anderen europäischen Ländern. In den USA sind die Vororte (Suburbs) die Ursache und zugleich das Resultat dieser privaten Lebensweise. Viele US-Bürger erledigen die meisten Wege im täglichen Leben mit dem Auto, auch in den Städten. In vielen europäischen Städten hingegen ist der öffentliche Verkehr ein zentraler Anker des öffentlichen Lebens. Menschen kommen in öffentlichen Verkehrsmitteln zusammen, und U-Bahn-Stationen sind in vielerlei Hinsicht mehr als nur reine physische Strukturen.

Im Gegensatz zu US-Städten haben öffentliche Räume, also etwa Fußgängerzonen oder große Plätze, in vielen europäischen Städten einen hohen Stellenwert für die städtische Bevölkerung. In US-Städte (ausgenommen sind natürlich Metropolen wie New York, Chicago oder Boston) sind sie in gewisser Weise mehr Durchfahrtsroute, also Plätze, an denen man nicht verweilen möchte, sondern nur vorbei muss, um sein Ziel zu erreichen. Der öffentliche Raum in den USA wird oft skeptisch gesehen, da in ihn auch großteils nicht ausreichend investiert wird. In den USA haben es lokale Regierungen leider versäumt, Räume zu schaffen, die der Bevölkerung wichtig sind. James Howard, Künstler, renommierter Autor und Kritiker der US-Stadtplanung, hat einmal festgestellt, dass die USA zu viele Plätze hätten, die "es nicht wert sind, beachtet oder gepflegt zu werden".

Durch Covid-19 hat sich das Leben noch stärker privatisiert, und dadurch werden öffentliche Räume noch weniger benutzt. Dadurch, dass öffentliche Räume erst durch die Zusammenkunft vieler Personen ihren besonderen Charakter erhalten, sind sie in der Krise natürlich besonders betroffen. Hier stellt sich die Frage, wie sich der öffentliche Raum im Zuge dieser Krise verändert hat und ob die Veränderungen eher nachhaltiger Natur oder eher kurzfristige, krisenbedingte Ausprägungen sind.

Der Bus als Verkehrsmittel der ärmsten Bevölkerungsschichten

Ein wichtiger Faktor, der zu einer langfristigen Belebung und Beibehaltung des öffentlichen Lebens beitragen kann, ist der öffentliche Verkehr. Der große Unterschied zu europäischen Städten ist, dass öffentliche Verkehrsmittel (vor allem Busse) in den USA fast ausschließlich von den ärmsten Bevölkerungsschichten benutzt werden. Abgesehen davon sind Busse mehrheitlich ein Verkehrsmittel der nicht-weißen Bevölkerung und demnach im Bewusstsein vieler Amerikaner nicht so annähernd präsent wie in europäischen Köpfen.

Hier wird auch schon das Problem des öffentlichen Verkehrs und insbesondere des Busverkehrs deutlich: Der Bus (und in gewisser Weise auch die U-Bahn) wird in den USA mehrheitlich nur als ein Verkehrsmittelangebot für niedrigere Einkommensschichten gesehen, aber nicht als attraktives öffentliches Verkehrsmittel für verschiedene Einkommensgruppen. Den Bus benutzen in den USA hauptsächlich Personen, die sich kein Auto leisten können. Obwohl der U-Bahn in den USA an sich eine größere soziale Durchmischung zugesprochen wird, erkennt man, dass der starke Rückgang etwa in Washington bei der Nutzung der U-Bahn auch zu einem ähnlichen Effekt wie beim Bus führen kann. Für viele Menschen in US-Städten war der öffentliche Verkehr eben nie eine ebenbürtige Alternative zum Individualverkehr. Durch Covid-19 hat sich dieser Trend noch verstärkt.

Wenn man sich in den USA Städte anschaut, in denen das öffentliche Leben eine starke Rolle spielt, erkennt man sofort, dass dies gleichzeitig Städte mit einem erhöhten und vor allem demografisch gesehen diversifizierten öffentlichen Verkehr ist. Man kann daher sagen, dass durch die Covid-19-Krise das öffentliche Leben in US-Städten nicht nur stark reduziert wurde, sondern auch stark an Diversität verlieren dürfte, da der öffentliche Raum nun hauptsächlich von Personen benutzt wird, die auf die Öffis angewiesen sind. Diese Krise kann daher auch eine stärkere Segregation und eine räumliche Trennung verschiedener Bevölkerungsgruppen in US-Städten antreiben, was natürlich sehr negativ zu sehen ist.

In ländlichen Gegenden und Suburbs der USA, die sehr durch das Auto geprägt sind, spielen öffentlich zugängliche Räume, in denen Menschen sich eng aneinander aufhalten, schon immer eine untergeordnete Rolle. Dadurch werden die Städte dementsprechend mehr Veränderungen verspüren als die Suburbs. US-Städte drohen aber auch immer "privater" zu werden und sich gewissermaßen den Suburbs anzugleichen. In Österreich, speziell in Wien, kann und wird voraussichtlich diese Entwicklung zum Privaten hin zwar stattfinden, aber weniger ausgeprägt und durch die stärkere Bedeutung des öffentlichen Verkehrs für größere und verschiedene Bevölkerungsteile etwas gebremst werden.

Die öffentlichen Räume werden wertvoller, je mehr Personen aus unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen sie benutzen. Wenn wir an eine Stadt denken, dann können wir diese nicht nur als Konglomerat physischer Strukturen und ihre räumliche Beziehung zueinander verstehen, sondern eher als das, was wir Menschen aus ihr machen und wie wir sie mitgestalten. Der öffentliche Verkehr kann daher helfen, den öffentlich zugänglichen Räumen in Städten wieder mehr Aufmerksamkeit zu geben.