Neulich habe ich im Radiosender Ö1 ein schönes, langes Interview mit Herbert Prohaska gehört. Natürlich kannte ich den ehemaligen Fußballprofi, auch wenn ich statt seines Vornamens eher einen anderen Namen präsent hatte: "Schneckerl" Prohaska, der vielleicht beste österreichische Fußballer, der es vom Automechaniker bis in die italienischen Topklubs gebracht hat. Im Radiointerview erfuhr ich auch einiges über seine Vorliebe für Musik und über seine Entscheidung, es lieber beim Kicken zu belassen, statt das Singen zu versuchen. Ein kluger Mann also.

Ralf Beste ist seit September 2019 deutscher Botschafter in Österreich. Davor war der studierte Historiker als Journalist tätig, unter anderem für die "Berliner Zeitung" und den "Spiegel". - © Deutsche Botschaft Wien
Ralf Beste ist seit September 2019 deutscher Botschafter in Österreich. Davor war der studierte Historiker als Journalist tätig, unter anderem für die "Berliner Zeitung" und den "Spiegel". - © Deutsche Botschaft Wien

Mich erinnerte das Interview an einen meiner Mitschüler, der in Anlehnung an Prohaska den Spitznamen "Schneckerl" trug.
Er war der beste Kicker in meinem Freundeskreis, ein bisschen ballverliebt vielleicht. Ich habe überlegt, wie der Spitzname zustande kam. Vielleicht war "Diego" als Ehrentitel dann doch zu hoch gegriffen. Gleichzeitig haperte es mit den Alternativen: Ende der 1970er Jahre hießen die möglichen deutschen Idole schließlich Horst, Dieter und Karl-Heinz. Dennoch: Dass man im Ruhrgebiet damals ausgerechnet einen Österreicher zum Idol wählte, überrascht Sie vielleicht. Aber dafür ist diese Kolumne auch ein bisschen gedacht.

Mich dagegen hat es beim Hören des Interviews überrascht, warum Prohaska eigentlich "Schneckerl" hieß; ich habe das sofort bei Wikipedia nachgeschlagen. Der Spitzname sollte gar nichts mit seinem Tempo zu tun haben, sondern spielte auf seine lockige Mähne an? Wenn ich mich an meinen Mitschüler und dessen glatte, kurze Haare erinnere, würde ich ausschließen, dass viele meiner Freunde damals verstanden hatten, was Österreicher mit "Schneckerl" meinten. Das wiederum dürfte Sie, liebe österreichische Leserinnen und Leser, überraschen.

"Schneckerl" ist also nicht gleich "Schnecke". Womit wir wieder ein Beispiel dafür gefunden hätten, wie Deutsche und Österreicher wunderbar nebeneinander her leben können und dabei die gleichen Wörter für unterschiedliche Dinge verwenden. Und das womöglich vom jeweils anderen nicht wissen. Diese Wörter heißen im Englischen "Falsche Freunde", weil sie die Beteiligten in der falschen Wahrnehmung wiegen, das Gleiche zu meinen. Das "Deutsche Eck" ist ein anderer dieser Begriffe, der in beiden Ländern Unterschiedliches meint; ich hatte darüber einmal geschrieben.

Was Sie vielleicht noch mehr überrascht: Ich habe meine Kolumne über Prohaska geschrieben, ohne über gewisse WM-Spiele seiner Zeit auch nur ein Wort zu verlieren. War nicht ganz einfach. Das hole ich nach, versprochen.