Gold gilt als sicherer Hafen in Krisenzeiten und als Schutz vor Inflation. Zuletzt hat das Edelmetall aber trotz steigender Teuerung an Wert verloren. Verantwortlich für diese fast paradoxe Situation waren ein starker Zinsanstieg in den USA, der US-Anleihen für Investoren wieder attraktiver machte, sowie der anhaltende Risikoappetit der Investoren. Mittelfristig hat Gold aber wieder Aufholpotenzial.

Alexander Eberan leitet das Private Banking Wien bei der Steiermärkischen Sparkasse. - © Steiermärkische Sparkasse / Thomas Raggam
Alexander Eberan leitet das Private Banking Wien bei der Steiermärkischen Sparkasse. - © Steiermärkische Sparkasse / Thomas Raggam

Mitte des vorigen Jahres - genauer gesagt: am 6. August 2020 - hatte der Goldpreis sein bisheriges Allzeithoch von knapp über 2.060 US-Dollar (1.746 Euro) für die Feinunze erreicht. Seither hat das Edelmetall bis Mitte März rund 16 Prozent verloren.

Die Ursachen sind vielfältig: Vor allem hatten die höheren US-Zinsen auf den Goldpreis durchgeschlagen. Beispielsweise lag die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen im August 2020 bei rund 0,5 Prozent, zuletzt notierte sie bei mehr als 1,7 Prozent. Anleihen von Staaten mit hoher Bonität, wie etwa den USA oder Deutschland, werden in Krisenzeiten aufgrund ihrer Stabilität verstärkt nachgefragt und gelten - ähnlich wie Gold - als sicherer Hafen. Im Unterschied zu Gold bieten diese aber auch Zinsen. Je höher die Zinsen, umso eher greifen Investoren zu diesen Papieren als zur zinslosen Alternative Gold. Dies manifestiert sich auch in Abflüssen aus börsennotierten Goldprodukten.

Außerdem ist die Nachfrage nach "safe havens" im Angesicht einer baldigen Überwindung der Corona-Krise aufgrund der Impfstoffe gesunken. Die Risikofreude kennt momentan kaum Grenzen, was sich in immer neuen Rekordständen an den Aktienmärkten widerspiegelt. Die Wahl Joe Bidens zum US-Präsidenten hat zudem die politischen Risiken gemindert, wenngleich der Handelskonflikt mit China oder die Iran-Krise immer noch aktuell sind. Die Hoffnungen auf ein für beide Seiten vorteilhaftes Abkommen mit China und eine Beruhigung im Iran-Konflikt sind aber unter Biden gestiegen.

Mittelfristig sollte das wirtschaftliche Umfeld die Bedingungen für eine Kehrtwende des Goldpreises begünstigen. Die Inflation wird in näherer Zukunft deutlich nach oben klettern. Die Gründe: erstens die aufgestaute Konsumnachfrage, zweitens der erwartete kräftige Konjunkturaufschwung infolge des anhaltenden Unterstützungskurses der Staaten und Notenbanken, der erst jüngst durch die US-Notenbank Federal Reserve bestätigt wurde, sowie drittens Basiseffekte aufgrund des massiven Einbruchs des Ölpreises vor rund einem Jahr. Weil aber die Realzinsen (Zinsen abzüglich Inflation) nach wie vor auf einem sehr niedrigen, ja sogar negativen Wert, liegen, bedeutet die Investition in Anleihen einen realen Kaufkraftverlust, und Gold wird wieder vermehrt in den Fokus der Anleger rücken. Zudem wird bei einer stärkeren Konjunktur die Nachfrage nach Gold von industrieller Seite steigen. Weniger Unterstützung für den in US-Dollar notierenden Goldpreis ist von der Währungsseite zu erwarten. Die massive Abschwächung des "Greenback" im Vorjahr machte Gold für Anleger außerhalb des Dollar-Währungsraumes billiger. Beim US-Dollar ist jetzt eine gewisse Stabilisierung zu erwarten.