Vor gut einem Jahr taumelte Großbritannien in die Corona-Krise, und Premierminister Boris Johnson geriet selbst nahe an den Abgrund, doch inzwischen hat er sich gefangen. Vor einem Jahr begann indes sein Absturz, nachdem er die Wucht der Seuche zunächst unterschätzt hatte. Erst in der letzten Märzwoche 2020 ordnete der Johnson widerstrebend die Schließung aller Geschäfte und Gastronomiebetriebe an. London wurde zur Geisterstadt. Anfang April kam dann die Nachricht, dass der Premier selbst erkrankt war. Mehrere Tage rang der übergewichtige Politiker auf der Intensivstation des St. Thomas Hospitals am südlichen Themseufer um Luft.

Philip Plickert ist seit 2019 London-Wirtschaftskorrespondent der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Zuvor war er zwölf Jahre in der Frankfurter Redaktion tätig. Der promovierte Ökonom lehrte als Dozent an deutschen Universitäten. - © privat
Philip Plickert ist seit 2019 London-Wirtschaftskorrespondent der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Zuvor war er zwölf Jahre in der Frankfurter Redaktion tätig. Der promovierte Ökonom lehrte als Dozent an deutschen Universitäten. - © privat

Das Krisenmanagement der britischen Regierung wirkte hilflos, inkompetent, chaotisch. Es fehlte an Schutzkleidung in Krankenhäusern, an Beatmungsgeräten und an Intensivbetten; das angekündigte "weltbeste" Corona-Testprogramm der britischen Regierung kam nicht vom Fleck. Besonders in Pflege- und Altenheimen wütete das Coronavirus. Gesundheitsminister Matt Hancock wurde das Gesicht einer Politik von Pleiten, Pech und Pannen. Bezogen auf die Bevölkerungszahl haben nur Tschechien, Belgien, Ungarn und Slowenien mehr Covid-Tote zu beklagen. Jüngst läuteten die Glocken für 126.000 Opfer, die auf der Insel an und mit Covid verstorben sind. Vom Turm der Kathedrale von Canterbury spielten sie die Melodie zu Alfred Tennysons Gedicht: "Ring out old shapes of foul disease." Auch die ökonomische Rezession hat auf der Insel härter eingeschlagen als in vielen anderen Ländern. Um fast 10 Prozent ist die Wirtschaftsleistung im vergangenen Jahr geschrumpft.

30 Millionen Briten wurden mit der ersten Dosis immunisiert

Während andere Regierungschefs in Europa erklärt haben, sie würden sich den Impfstoff von AstraZeneca verabreichen lassen, ließ Boris Johnson bereits vorige Woche Taten sprechen. - © afp / Frank Augstein
Während andere Regierungschefs in Europa erklärt haben, sie würden sich den Impfstoff von AstraZeneca verabreichen lassen, ließ Boris Johnson bereits vorige Woche Taten sprechen. - © afp / Frank Augstein

Im Herbst 2020 galt Johnson als erledigt. In Umfragen zeigten unterirdisch schlechte Werte, der 56-Jährige erschien als Premierminister auf Abruf. Auch konservative Medien spekulierten über eine baldige Ablösung des Regierungschefs, der erst im Dezember 2019 mit dem Schlachtruf "Get Brexit done!" einen Erdrutschsieg über den sozialistischen Labour-Parteichef Jeremy Corbyn erzielt hatte. Dieser Triumph zerrann, Johnson wackelte, und der jugendlich-sympathische Finanzminister Rishi Sunak, der mit einem Füllhorn Corona-Hilfsprogramme ausschüttete, galt als wahrscheinlich baldiger Nachfolger.

Doch das politische Schicksal des Boris Johnson hat sich gewendet - und dies hängt vor allem mit dem äußerst erfolgreichen Impfprogramm zusammen, das seine Regierung auf die Beine gestellt hat. Schon fast 30 Millionen Briten sind mit der ersten Dosis immunisiert worden, das sind deutlich mehr als 50 Prozent der Erwachsenenbevölkerung - rund viermal so viele wie in den EU-Ländern. Früher als die EU-Kommission hatte Brexit-Britannien schon frühzeitig, im Mai 2020, mit der Impfstoffbeschaffung begonnen. Kate Bingham, eine erfahrene Risikokapitalgeberin mit exzellentem Netzwerk in der Pharmabranche, wurde damit beauftragt und hat den Job mit Bravour gemeistert. Mit militärischer Präzision plante dann ein General einer Logistikbrigade die Immunisierungskampagne und Lieferketten für 250 Impfzentren des Gesundheitsdienstes NHS. Tausende Hausärzte und rund hunderttausend Freiwillige helfen mit. Es wird schnell und unbürokratisch geimpft - "wie am Fließband", sagt der Chef des britischen Hausärzteverbands.

Die Lage entspannt sich,
der Brexit wird neu beurteilt

Großbritannien steuert auf eine vollständige Impfung der Bevölkerung Mitte Juli zu - etwa drei Monate vor den meisten EU-Ländern. Seit Jänner sind die neuen Corona-Infektionen und Todesraten steil gefallen, die Krankenhäuser leeren sich. Während Deutschland und anderen Länder mit der dritten Pandemiewelle kämpfen, entspannt sich die Lage auf der Insel. Johnson hält dabei an seinem vorsichtigen Ausstiegsplan mit schrittweisen Lockerungen fest - auch gegen den Druck einiger Tory-Rebellen, die ein schnelleres Lockdown-Ende fordern. Großbritannien sei "auf der Straße in die Freiheit", verkündet Johnson, aber die Bürger wollten "Sicherheit vor Schnelligkeit". Erst Mitte April können alle Geschäfte wieder öffnen, Pubs und Restaurants dürfen zunächst nur im Außenbereich Gäste empfangen. Mitte Juni sollen sämtliche Einschränkungen des sozialen Lebens enden.

Mit dem Erfolg der britischen Corona-Impfkampagne hat sich auch die Beurteilung des Brexits verändert. Laut aktuellen Umfragen sagt eine relative Mehrheit der Bevölkerung, der EU-Austritt habe dem Königreich eine "bessere Reaktion" auf die Corona-Krise erlaubt. Das Versagen der EU bei der Impfstoffbeschaffung gilt als symptomatisch. Nicht nur EU-kritische Blätter wie der "Telegraph" mokieren sich über die "sowjetische Inkompetenz" in Brüssel. Auch die EU-freundliche "Financial Times" befand, wegen des EU-Impfdesasters seien eigentlich Rücktritte in fällig. Die Zankereien mit Brüssel um den Impfstoff von AstraZeneca - in der britischen Presse heißt er meist "die Oxford-Spritze" - haben zu verhärteten Fronten geführt. Das Magazin "The Spectator" (Johnson war dort selbst einmal Chefredakteur) zeigt in einem giftigen aktuellen Titelblatt "Europas Panik": grotesk verzerrte Karikaturen von Ursula von der Leyen, Angela Merkel und Emmanuel Macron, die wie Junkies verzweifelt nach Spritzen greifen.

In London sitzt dagegen Johnson fest im Sattel. Die Tories führen seit einigen Wochen wieder deutlich vor Labour. Mittlerweile liegen die Zustimmungswerte zu Johnson auch wieder mit großem Abstand vor Oppositionsführer Keir Starmer, dem soliden, aber auch etwas langweilig wirkenden Labour-Chef, der versucht, die Partei auf einen Mitte-Kurs zu lenken und die linksradikale Clique seines Vorgängers Corbyn abzuschütteln. Von den europhilen Liberaldemokraten, die einst vollmundig den Brexit zu stoppen versprachen, ist kaum noch etwas zu hören.

Nächste Bewährungsprobe: die Parlamentswahl in Schottland

Aus EU-Sicht scheint ernüchternd, dass Johnson, den man jahrelang als lachhaften Clown und Lügner abtat, nun still vergnügt als Corona-Sieger posiert, der in der wichtigsten Frage der Pandemiebekämpfung in Führung geht. Ihm ist die Wiederauferstehung geglückt. Das Auf und Ab der Corona-Krise überschattet dabei alle anderen Fragen, auch den zäh umstrittenen Brexit. Seit Anfang 2021 hat Großbritannien den Austritt aus dem EU-Binnenmarkt endgültig vollzogen, was einige Schwierigkeiten für die Wirtschaft mit sich bringt. Importeure und Exporteure stöhnen über die neue Zollbürokratie, das Handelsvolumen brach im Jänner ein. Andererseits sind manche Horrorszenarien - etwa die befürchteten kilometerlangen Lkw-Staus am Ärmelkanal - nicht eingetreten. Aus Sicht der Mehrheit der Bevölkerung ist der Brexit vollzogen und weitgehend abgehakt. Derweil nutzt die rechtskonservative Innenministerin Priti Patel die neue EU-Unabhängigkeit für eine Verschärfung der Asyl- und Zuwanderungspolitik, was bei Brexit-Wählern in Mittel- und Nordengland gut ankommt.

Die nächste Bewährungsprobe für Johnson nähert sich indes: die Parlamentswahl in Schottland Anfang Mai. Ministerpräsidentin Nicola Sturgeon möchte einen Sieg als Sprungbrett für ein zweites Unabhängigkeitsreferendum nutzen. Doch hat sich die Stimmung zuletzt etwas gedreht, und eine klare Mehrheit für das Unabhängigkeitslager scheint nicht mehr gesichert. Johnson, der nach dem Brexit um die Einheit des Königreichs kämpft, könnte auch hier dank seines Impferfolgs davonkommen.