Wer sich ein wenig für Psychologie interessiert, kennt das Experiment: Eine Versuchsperson bekommt sechs Streichhölzer und die Aufgabe, damit vier gleichseitige Dreiecke darzustellen (die Lösung kommt gleich). Menschen, die imstande sind, dieses etwas knifflige Problem - auf einer Schreibtischplatte kann man mit den verdammten Streichhölzern fuhrwerken, wie man will, das klappt nie, außer man wendet brachiale Gewalt an, was aber jetzt nicht zählt - zu lösen, verfügen über eine ausgeprägte Gabe des lateralen Denkens. Also der Fähigkeit, aus dem Gefängnis der alten Ideen auszubrechen und neue zu entwickeln. Oder wie Eduard de Bono, der Erfinder des Konzeptes, meinte: "Solange man ein bestehendes Loch tiefer gräbt, kann man kein zweites Loch an einer anderen Stelle graben."

Blöderweise neigen wir alle mehr oder weniger dazu, in diesem Gefängnis der alten Ideen zu verharren; besonders dann, wenn diese alten Ideen sich grundsätzlich bewährt haben. Die Corona-Krise ist ein gutes Beispiel dafür. Das bestehende Loch wird immer tiefer und tiefer gegraben, Lockdown folgt auf Lockdown, der Aufwand wird immer größer, der Erfolg leider immer kleiner. Laterales Denken beweist hier hingegen gerade mit Erfolg Tübingens Bürgermeister Boris Palmer, ein schlauer Grüner.

In Tübingen hat man sich ein "Corona-Tagesticket" ausgedacht. Man bekommt es an jeder der dutzenden im Stadtgebiet verteilten Teststationen, es bescheinigt seinem Besitzer (gratis) für einen Tag, Corona-negativ zu sein.

Gleichzeitig wurde in Tübingen praktisch alles wieder aufgesperrt, was pandemiebedingt geschlossen war, auch Gastronomie (vorerst freilich nur außen), alle Geschäfte, Kinos, Theater und alle anderen Kulturbetriebe, wenn auch mit Einschränkungen, etwa reduzierter Anzahl von Kunden oder Zuschauern. Benutzt und besucht werden kann all dies freilich nur von "Corona-Tagesticket"-Besitzern. Gleichzeitig werden besonders vulnerable Gruppen besonders geschützt; etwa durch Taxi-Fahrten zum Öffi-Tarif.

Okay, das ist jetzt nicht genau das gute alte Leben, wie wir es kennen, aber doch die wahrscheinlich größtmögliche derzeit mögliche Annäherung daran, die für ein paar Monate akzeptabel erscheint. Sie hat eigentlich nur Vorteile: Die Unternehmen kommen wieder einigermaßen in die Gänge, für die Bewohner werden die verbliebenen Restriktionen leichter erträglich, und die dadurch erreichte extreme Testdichte erschwert die Ausbreitung des Virus.

Nun werden ja einzelne Elemente des Tübinger Wegs auch in Wien und anderen Gegenden Österreichs ausprobiert - aber das Tübinger Konzept geht um eine entscheidende Meile weiter, es ist nicht bloß Stückwerk, sondern ein konsistenter Plan und wird nicht dauernd verändert, sondern bis dato konsequent durchgezogen.

Bis jetzt mit Erfolg, sowohl in epidemiologischer und ökonomischer Hinsicht als auch vom Lebensgefühl der Stadt her.

Übrigens: Die vier gleichseitigen Dreiecke bekommt man nur, wenn man aufhört, in der Fläche zu denken und stattdessen eine Pyramide baut, bei der alle Kanten gleich lang sind. Ganz einfach. Man muss nur aus dem Gefängnis der alten Ideen ausbrechen.