Jüngst postulierte Walter Hämmerle in seinem Leitartikel das mögliche Ende der Volkskirchen. Einem praktizierenden Christen, Kommunionshelfer und Leiter von Wortgottesfeiern stellt sich hier im Angesicht der Corona-Krise die Frage: Ist die Zeit der Volkskirchen tatsächlich zu Ende?

Bernhard Wurzer ist Generaldirektor der Österreichischen Gesundheitskasse (ÖGK) und engagiertes Mitglied der Pfarre St. Johannes Kapistran in St. Pölten. - © ÖGK / Katharina Gossow
Bernhard Wurzer ist Generaldirektor der Österreichischen Gesundheitskasse (ÖGK) und engagiertes Mitglied der Pfarre St. Johannes Kapistran in St. Pölten. - © ÖGK / Katharina Gossow

Auf den ersten Blick mag dies wohl so erscheinen: Zarte Versuche von Online-Predigten und YouTube-Priestern kamen kaum in die breite Öffentlichkeit, scheiterten am Technikverständnis unserer Hirten und auch an einem Gefühl der Ohnmacht mancher Hauptamtlichen. So gewöhnten wir uns sonntags an langes Ausschlafen, genossen den ausgiebigen Brunch mit der Familie statt Kirchenglocken und Ministrantendienst. Die ohnehin nicht sehr jugendliche Kirche verliert gerade ihre Nachwuchsliga.

Dabei wäre die Zuflucht im Glauben für viele einsame Menschen ein Lichtblick im Lockdown. Gerade jetzt hätte die Kirche die Chance, in der Tristesse zwischen Arbeitslosigkeit und Verzweiflung Halt zu geben. Dabei wird bald jeder jemanden kennen, der . . .

Und doch, so negativ darf man es nicht sehen: Denn genau diese Chance wurde auch wahrgenommen. Es haben sich von Laien organisierte Gebetsrunden etabliert, Online-Runden und sogar gemeinsame Gottesdienste über Zoom sind entstanden. Viele Laien, vor allem Frauen, haben wieder einmal den Anker der Gläubigen zu Gott gebildet. WhatsApp, Signal und andere Kommunikationsplattformen haben Einzug auf Smartphones von Handy-Usern jenseits der 70 gehalten. Die Volkskirche lebt also - im Verborgenen wie einst im alten Rom, zu Hause am Esstisch und im Wohnzimmer.

Papst Franziskus hat erklärt: "Heilig sein ist kein Privileg für wenige, sondern Berufung für alle!" Diese Chance sollte die katholische Kirche wahrnehmen, sie ist einmalig. Sie kann die Menschen zurückgewinnen. Es gibt so viele engagierte Frauen und Männer, Familienmütter und -väter, Homosexuelle und Heterosexuelle, die anderen Menschen die Botschaft der Nächstenliebe näherbringen wollen und das auch überzeugend können. Sie teilen das Brot gemeinsam am Esstisch und beten füreinander sowie miteinander.

Die Kirche wurde immer aus Krisen stark und erlebte Erneuerung. Wenn die aktuelle Krise vorbei ist, besteht die einmalige Gelegenheit, die Kirche zu erneuern: allen Frauen und Männern den Zugang zur Priesterweihe zu gewähren, sich für Menschen aller sexuellen Orientierungen einzusetzen und gleichzeitig die Chance wahrzunehmen, transparent die Fehler der Vergangenheit aufzuarbeiten sowie sich offen dafür zu entschuldigen; und auch, Messen anders als vorwiegend am Sonntagmorgen auf die immer gleiche Art zu feiern.

Die Kirche hat jetzt die Wahl: Sie muss sich fragen, ob sie weiterhin auf eine Zukunft weniger Privilegierter setzt, die in der Krise zu Hause an den Altar gebunden sind - oder ob sie sich für Frauen und Männer öffnet, die bereit sind, den christlichen Glauben von innen heraus zu erneuern.