Machen wir uns nichts vor. Und lassen wir uns, bitte, nicht länger jede Blamage schönreden und uns für blöd verkaufen. Das Impfmanagement als Kernstück der Seuchenbekämpfung ist in Österreich nicht bloß mittelmäßig.

Bernd Marin ist Direktor des Europäischen Bureau für Politikberatung und Sozialforschung (www.europeanbureau.net). Im Jänner ist sein neues Buch "Die Welt danach" (Falter-Verlag, 140 Seiten, 12 Euro) erschienen. - © CC BY 3.0 / Werner Bregar
Bernd Marin ist Direktor des Europäischen Bureau für Politikberatung und Sozialforschung (www.europeanbureau.net). Im Jänner ist sein neues Buch "Die Welt danach" (Falter-Verlag, 140 Seiten, 12 Euro) erschienen. - © CC BY 3.0 / Werner Bregar

Ein hausgemachtes "Ösi-Desaster", kaum ein EU-Versagen

Zwischenresultate nach dem ersten Vierteljahr sind objektiv messbar: Sie zeigen ein veritables Debakel. Und zwar, im Jargon des deutschen Boulevards, ein hausgemachtes "Ösi-Desaster", kaum ein EU-Versagen. Zwar hat auch die EU, die der Pharmaindustrie nur als Kunde statt wie die US-Präsidenten Donald Trump und Joe Biden als Co-Investor entgegentritt, ihre Strategie verpeilt. Aber den meisten Misserfolg haben die Mitgliedsländer und nicht die EU-Kommission zu verantworten. Die Staaten haben zwar - ein großer Lernschritt seit März 2020 - eine gemeinsame Beschaffung durch die Kommission bestellt, sie aber durch Opt-out in einzelstaatliche Impfstoffkörbe gleich wieder ausgehöhlt: nationale Impfgreißlerei statt europäischer Impfpolitik und globaler Pandemiediplomatie.

Außerhalb von Altersheimen warten die meisten Senioren immer noch vergeblich auf ihre Corona-Impfung. - © afp / T. Frey
Außerhalb von Altersheimen warten die meisten Senioren immer noch vergeblich auf ihre Corona-Impfung. - © afp / T. Frey

Österreich hat bei dieser kleinstaatlerischen Eigenbrötelei zudem noch besonders einfältig agiert. So wurden gerade die besten Angebote von BioNTech/Pfizer bis Johnson&Johnson zu 10 bis 37 Prozent ausgelassen - und der breitest und billigst bestellte AstraZeneca-Impfstoff ward meist gar nicht erst geliefert. Dadurch verlieren auch ohne AstraZeneca-Lieferflops weitere 1,55 Million-en Österreicher bis Juni die versprochene Impfchance. Schieres Pech und Unglück der Wahl wurde durch Ungeschick der Entscheidungen der Bürokraten und Regierungssimpel bedrohlich gesteigert.

Die Alten
bleiben schutzlos

Österreich verfehlt erstens konkrete Ziele - und pathetische Heilsversprechen -, wer wann geimpft sein sollte, zweitens den einzigen vernünftigen Impfplan, nämlich die Priorisierung und Reihung nach sieben Risikoklassen des Nationalen Impfgremiums, und drittens internationale Vergleiche. "Our World in Data" bietet tagesfrische Besichtigungen bescheidener Bilanzen. Das gilt nicht nur gemessen an Impfchampions wie Israel, den Emiraten, Großbritannien und nun sogar den USA; wir sind auch hinter Serbien, Ungarn und der Türkei.

Die Regierung hat nicht nur bis zum Sommer Millionen Dosen zu wenig geordert, sondern danach auch die Mangelverwaltung vergurkt. Nur einer Minderheit der 1,8 Millionen Gefährdetsten wird bis Ostern Erste Hilfe zuteil. Zwar hat eine Mehrheit der Bewohner geriatrischer Zentren, Alten- und Pflegeheime zumindest einen ersten Stich erhalten, aber nur jede(r) Vierte bis Fünfte (!) der Hochbetagten über 85 Jahre ist voll immunisiert. Die überwiegende Mehrheit wartet weiterhin auf sicheren Impfschutz.

Doch die übergroße Mehrheit der über 80-Jährigen lebt nicht in Heimen und hat noch keinerlei lebensrettenden ersten Impfstich erhalten. Zwar sind die Zahl intensivmedizinisch Behandlungsbedürftiger sowie die Sterblichkeit und die Todesfälle unter hochaltrigen Infizierten leicht abgesunken. Aber das Problem der vulnerablen Alten wurde nur zur nächsten Kohorte verschoben. Die Mehrheit der Älteren ab 65 Jahren bleibt abnormaler Übersterblichkeit ausgesetzt. Obwohl ich verabscheue, gleichsam in eigener Sache argumentieren zu müssen, gehöre ich doch zufällig zur Vor-"Boomer"-Generation (Jahrgang 1942 bis 1956). Während man den Schutz der Alten als Risikogruppen ständig beschwört, wird er de facto völlig vernachlässigt. Das war von Anbeginn beim Massensterben in den Altersheimen der Fall und setzt sich im Fehlen lebensrettender Impfungen für private Pensionistenhaushalte nahtlos fort.

Impfversprechen
und Impfversagen"

Die drei von sieben Risikoklassen der 65- bis 79-Jährigen (von zweiter "hoher" bis vierter "moderat erhöhter" Priorität") sind bisher kaum geimpft. Diese Risikogruppe ist mit Frühlingsbeginn (21. März) immer noch zu 97,6 Prozent (!) nicht immun und zu 93,5 Prozent noch nicht auch nur ein einziges Mal geimpft. Das ist, in krassem Gegensatz zum öffentlichen Gerede, weniger Schutz als in jeder anderen auch viel jüngeren Alterskohorte, mit Ausnahme der jüngsten Erwachsenen unter 24 Jahren. Demnach sind (neben zunehmend Jüngeren infolge der Mutanten) derzeit ganze 45 Prozent (!) der Intensivpatienten aus dieser Generation der 65- bis 79-Jährigen - und zwar die mit den geringsten Überlebenschancen, weil ja die über 80- bis über 90-Jährigen trotz fortbestehender Impflücken doch bereits vielfach höher immunisiert sind.

Wann dürfen wir mit einer vollständigen und wann mit einer ausreichenden, etwa 75-prozentigen Durchimpfung der Bevölker-ung rechnen? Die Hausärztin hat in der 14. Woche seit Impfbeginn weder Impfstoff noch irgendwelche Informationen der Behörden. Das Impfservice kann leider gar nichts sagen. Was sagt ein mechanischer Impfrechner? Nach dem Impftempo des ersten Vierteljahres müssten wir derzeit bis zu den Kalenderwochen 39/40 - das sind die letzte und die vorletzte September-Woche -, aber 2022 (!), also etwa weitere eineinhalb Jahre, auf eine volle 100-prozentige Durchimpfung warten. Eine 75-prozentige Durchimpfung, mit der Fachleuten zufolge der ganze Spuk vorbei wäre, dürften wir in der Kalenderwoche 16, also zu Ostern, 2022 (!) erwarten. So viel bisschen mehr Geduld ist doch wohl zumutbar - oder nicht?

Zu dumm: penny-wise, pound-foolish

Haben "Impfweltmeister" wie Israel oder die Arabischen Emirate Impfstoffe zu teuer eingekauft und den reichen, aber knausrigeren Europäern einfach vor der Nase weggeschnappt? Tatsächlich hat Israel mit 660 Millionen Euro deutlich mehr bezahlt als Österreich mit 388 Millionen. Doch beides ist Kleingeld, maximal 1 bis 2 Prozent der 1,8 Billionen Euro an Finanzausgaben samt Corona-Wiederaufbaufonds der EU. Und die Mehrausgaben der spendablen Israelis gegenüber den geizig "frugalen" Österreichern decken gerade einmal die Lockdown-Kosten für ein, zwei Sperrtage Quarantäne in Österreich.

Es waren also höchst kluge Humaninvestitionen, zigfach selbstfinanzierend, die Israel durch vermeintlich unnötige Mehrkosten tätigte. So dumm so sehr am falschen Platz zu sparen wie unsere allzu schlichten, "frugal" Regierenden, entlarvt sie als höchst verschwenderische Sparefrohs. Der Mathematiker Robert Burton von der Oxford University hat diese besondere Form der Dummheit, "penny-wise but pound-foolish", bereits vor 400 Jahren in "The Anatomy of Melancholy" (1621) analysiert. Dem ist nichts hinzuzufügen. Außer vielleicht, dass wir die Torheit der Machthaber, die uns selbst so schadet, mit unserem Steuergeld auch noch alimentieren; und abertausende vornehmlich Alte mit dem eigenen, von Impfungen ungeschützten Leben weiterhin Tag für Tag bezahlen dürfen. Wer wird die Verantwortlichen für diese Schande zur Rechenschaft ziehen?