Eine Arbeitslosenquote von 9,4 Prozent (Stand: März 2021) ist trotz leichtem Rückgang kein Grund zur Freude. Die Zahl ist immer noch erschreckend hoch. 90.000 Menschen mehr als zu Vor-Corona-Zeiten sind arbeitslos, und es ist zu erwarten, dass diese Zahl noch weiter steigen wird. Besonders stark betroffen sind Menschen aus niederschwelligen Arbeitsbereichen, wie zum Beispiel Hilfskräfte. Sie - und nicht die permanent gesuchten IT-Fachleute - sind es, die in die Langzeitarbeitslosigkeit abrutschen und den harten Kern der wachsenden Sockelarbeitslosigkeit darstellen.

Bernhard Ehrlich ist Gründer der Initiative "10.000 Chancen zur Arbeitsmarktintegration", die sich zum Ziel gesetzt hat, 10.000 benachteiligte Menschen mit einem fairen Job in den ersten Arbeitsmarkt zu vermitteln und dem Staat dabei zu helfen, rund 100 Millionen Euro an Sozialausgaben zu sparen. - © David Visnjic
Bernhard Ehrlich ist Gründer der Initiative "10.000 Chancen zur Arbeitsmarktintegration", die sich zum Ziel gesetzt hat, 10.000 benachteiligte Menschen mit einem fairen Job in den ersten Arbeitsmarkt zu vermitteln und dem Staat dabei zu helfen, rund 100 Millionen Euro an Sozialausgaben zu sparen. - © David Visnjic

Jetzt sind bereits die ersten Corona-Langzeitarbeitslosen da. Wer seit mindestens einem Jahr arbeitslos ist, gilt als extrem schwer vermittelbar und hat kaum Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Das hat die Erfahrung im Rahmen unserer Jobinitiative "10.000 Chancen zur Arbeitsmarktintegration" deutlich gezeigt. Mit jedem Tag sinkt für diese Menschen die Hoffnung. Gleichzeitig steigt die Notwendigkeit für lang andauernde finanzielle Unterstützung durch staatliche Institutionen.

Wir alle müssen den Tatsachen ins Auge sehen und erkennen, dass im Digitalisierungszeitalter kaum neue Arbeitsplätze im niederschwelligen Bereich entstehen werden - auch dann nicht, wenn die Corona-Pandemie vorbei sein und die Gesamtwirtschaft wieder in Schwung kommen wird.

Es ist fünf nach zwölf. Wir müssen jetzt handeln. Es genügt nicht, arbeitslosen Menschen Schulungen anzubieten. Das sieht zwar in der Statistik besser aus, nützt aber nichts, wenn sie nach ihrem Abschluss trotzdem keinen neuen Job finden. Es ist wichtig, mit der Wirtschaft eng zusammenzuarbeiten, etwa, indem man mit Unternehmen vereinbart, dass Kandidaten übernommen werden, wenn sie eine bestimmte Schulung absolvieren.

Hier fehlt ein Bindeglied zwischen der Arbeitsvermittlung und der Wirtschaft. Denn viele Unternehmen melden ihre Jobs nicht über das Arbeitsmarktservice, sondern suchen neue Mitarbeiter über ihre eigenen Kanäle. Hinzu kommt, dass sich gerade durch die Corona-Krise die Möglichkeiten für Jobsuchende und Unternehmen, zueinander zu finden, stark reduziert haben. Denn Job-Events und andere Präsenzveranstaltungen sind in Pandemiezeiten eben nicht durchführbar, und Online-Veranstaltungen finden nicht in großem Ausmaß statt. Gemeinsame Lösungen müssen her.

Besonders ärgerlich ist, dass im Laufe der Pandemie immer wieder darüber diskutiert wurde, dass Lösungen gegen die Langzeitarbeitslosigkeit entwickelt werden müssen. Geschehen ist aber wenig. Es gibt weiterhin kein bundesweites staatliches Beschäftigungsprojekt, nicht einmal einen akkordierten Fahrplan zu einem solchen. Wir müssen gemeinsam kreative Lösungen entwickeln. Es braucht beispielsweise funktionierende, einfache Plattformen, die es engagierten Jobsuchenden ermöglichen, mit potenziellen Arbeitgebern in Kontakt zu treten. Und wir müssen Unternehmen praxisorientierte Lösungen bieten, um jene Kandidaten anzusprechen, die sie wirklich brauchen. Mit punktuellen Maßnahmen werden wir unser Ziel, die steigende Langzeitarbeitslosigkeit einzudämmen, nicht erreichen. Es ist Zeit, gemeinsam an einem Strang zu ziehen.