Dem Artikel von Mathias Ziegler über neue Bücher zur Bibel war eine Illustration von Carl Heinrich Bloch mit drei bemerkenswerten Fragen beigefügt: "Wie liest man die Bibel richtig? Was hat Jesus wirklich gesagt? Was würde er uns heute sagen?" Schon die erste Frage, wie man "die Bibel richtig liest", lässt sich nicht so einfach mit ein paar Sätzen beantworten. Die Bibel besteht ja aus dem Alten und dem Neuen Testament, und viele Menschen sehen das Alte Testament eher als einen Vorläufer, in dem es die zumeist schönen Geschichten aus dem Religionsunterricht oder der Sonntagsschule gibt.

Hinzu kommt, dass wir "Christen" heißen, weil wir im Namen Jesu Christi getauft wurden. Von diesem Jesus Christus handelt das Neue Testament. Seit dem 2. Jahrhundert, als sich der Kanon der neutestamentlichen Schriften herausbildete, wurde immer wieder die Frage gestellt: Brauchen wir denn das Alte Testament noch? Aus heutiger Sicht muss man diese Frage eher umkehren: Was wüssten wir von Gott, wenn wir das Alte Testament nicht hätten? Was könnten wir glauben ohne das Alte Testament? Woher wüssten wir, was wir tun sollen, hätten wir nicht die Schriften der hebräischen Bibel?

Hätten wir nur das Neue Testament, wüssten wir alles über Jesus, was wir wissen müssen. In den Evangelien erfahren wir von seinen Taten und seiner Lehre. Die Briefe erklären uns die Bedeutung der Sendung Jesu, besonders seines Kreuzestodes und seiner Auferweckung, und sie ziehen Folgerungen für das Leben der Gemeinden und der einzelnen Menschen darin. Allerdings sehen wir auch, dass weder von evangelischer noch katholischer, liberaler, konservativer, orthodoxer sonst irgendeiner Lehrrichtung die Rede ist, wie auch jegliche Vereinnahmung in eine bestimmte Richtung - von feministischer bis hin zur Befreiungstheologie - unmöglich erscheint. Aber wir erfahren, dass Jesus seine Nachfolger zu beten lehrt: "Unser Vater im Himmel!" (Matthäus 6,9). ("Papi unser" zu beten, das wären eigene Überlegungen.)

Und wieder die Frage: Was wüssten wir von diesem Vater ohne das Alte Testament? Es beginnt mit dem Schöpfungsbericht. Wir erfahren, dass Gott der Schöpfer der Welt ist. Wir erfahren zwar nicht, wie er das angestellt hat; aber wir lernen aus dem ganzen Alten Testament, dass die Welt und alles Leben der Kreaturen Gottes Willen entspringt und kein Zufall ist. Uns wird vermittelt, dass Gott diese Welt, die er ins Sein gerufen hat, nicht gleichgültig ist, sondern dass er sie liebt und trägt. Und wir hören, dass diese Welt in Gott ihr letztes Ziel hat, in dem neuen Himmel und der neuen Erde, von denen der Prophet Jesaja (Kapitel 65) spricht.

Friedrich E. Starp ist Diplom-Informatiker, Laborplaner und war Lehrbeauftragter für interaktive Medien. Er ist Ältester einer evangelischen Freikirche. - © privat
Friedrich E. Starp ist Diplom-Informatiker, Laborplaner und war Lehrbeauftragter für interaktive Medien. Er ist Ältester einer evangelischen Freikirche. - © privat

Gott lenkt durch Menschen

Es ist das Alte Testament, aus dem wir erfahren, dass Gott den Lauf der Geschichte nicht unbeteiligt geschehen lässt. Sowohl das Exilsgeschick seines Volkes Israel als auch das Leid der Armen und Elenden, das die Propheten vielfach beklagen, lassen ihn nicht kalt. Gott lenkt die Geschichte nicht wie der große Strippenzieher oder oberste Befehlshaber auf dem himmlischen Thron, auch wenn man sich das früher manchmal so vorgestellt hat. Gott lenkt die Welt, indem er Menschen in Verantwortung ruft. Das können bedeutende Anführer sein wie Mose oder Könige wie David oder Propheten und Prophetinnen, die seinen Willen verkündigen. Es können aber auch einfache Männer und Frauen sein wie der wandernde Hirte Abraham mit seiner Frau Sara oder die zunächst kinderlose Hanna, die zur Mutter des Propheten Samuel wird (1. Buch Samuel).

Wenn wir all das nicht wüssten, wie könnten wir eigentlich zu "unserem Vater im Himmel" beten? Das Neue Testament erzählt von Jesus, der Sünden vergibt. Was wüssten wir von der Sünde und der Vergebung der Sünden, wenn wir das Alte Testament nicht hätten? In seinen ersten Kapiteln erzählt das Alte Testament, wie die Sünde in die Welt kam. Als Kain, frustriert, weil sein Opfer nicht angenommen wurde, seinen Bruder Abel umbringen wollte, warnte Gott ihn eindringlich: "Die Sünde lauert vor der Tür, du aber herrsche über sie!" (1. Buch Mose 4). Doch Kain würdigt Gott nicht einmal einer Antwort, sondern geht hin und begeht den Brudermord. Seitdem ist die Sünde ein ständiger Begleiter des Menschengeschlechts.

Das Alte Testament erzählt in den vielfältigsten Facetten, wie Sünde aussehen kann: der Betrug Jakobs an Esau, das Verhalten der älteren Brüder gegenüber Josef, der Ehebruch Davids mit Batseba, die Sünden der Könige Israels und Judas und vieles mehr. Die Anklagen der Propheten decken religiöses, soziales und politisches Unrecht auf. Und all das verlangt immer wieder die Vergebung Gottes, die er seinem Volk und den Einzelnen zukommen lässt. Wie könnten wir ohne diese Texte ermessen, was es heißt, dass Jesus Sünden vergibt? Und wie würden wir beten ohne die Psalmen des Alten Testaments?

Natürlich haben wir das Vaterunser. Aber als Jesus in höchster Not ist, betet er am Kreuz Psalmen: "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?" (Psalm 22) Und: "Ich befehle meinen Geist in deine Hände." (Psalm 31) Die Psalmen des Alten Testaments sind eine Sprachschule auch für das christliche Beten. Hätten wir nur das Neue Testament, wie sollten wir erkennen, "was Gottes Wille ist" (Römerbrief 12)? Wir finden ihn im Alten Testament, in den zehn Geboten, aber keineswegs nur in ihnen. Deshalb fordert Jesus, auch nicht den kleinsten Buchstaben des Gesetzes gering zu schätzen (Matthäus 5,19). Und als er gefragt wird, welches das höchste Gebot sei, zitiert Jesus zwei Stellen aus dem Alten Testament: Gott zu lieben und den Nächsten zu lieben (Markus 12).

Zwei Gebote als Schlüssel

Diese zwei Gebote sind nach Jesus der Schlüssel zur Tora, zur Weisung Gottes. Was aber nützt ein Schlüssel, wenn wir das Haus nicht kennen, das er aufschließt? Grundaussagen über Gott und den Menschen finden wir im Alten Testament. Ohne das Alte Testament hinge das Neue völlig in der Luft, wie ein Obergeschoß, dem das untere Stockwerk fehlt - eine absurde Vorstellung. Aber Jesu Auferstehung von den Toten, woran wir zu Ostern gedenken - davon spricht doch nur das Neue Testament!

Jesus selbst erzählt die Beispielerzählung von dem reichen Mann und dem armen Lazarus. Als der Reiche in der Hölle ist, bittet er Abraham, man solle seine Brüder warnen, damit sie nicht das gleiche Schicksal wie er erleiden. Abraham antwortet: "Sie haben Mose und die Propheten; die sollen sie hören." Und als der Reiche bittet, einer von den Toten solle zu ihnen gehen, sagt Abraham: "Hören sie Mose und die Propheten nicht, so werden sie sich auch nicht überzeugen lassen, wenn jemand von den Toten auferstünde."

Aus dieser Zusammenfassung lässt sich ablesen, dass weder angebliche, vermeintliche oder tatsächliche Übersetzungsfehler einzelner Teile der Bibel etwas am inneren Zusammenhalt der Schriften etwas ändern. Vor diesem Hintergrund werden Fragen nach der wortwörtlich "korrekten" Übersetzung einzelner Passagen unerheblich, selbst wenn ein halbes Leben lang - mit manchmal missionarischem Eifer - versucht wurde, die Bibel "neu zu schreiben".