Das Eigenheim ist zum Gegenstand klimapolitischer Diskussionen geworden. Der Co-Fraktionsvorsitzende der deutschen Grünen, Anton Hofreiter, wurde kürzlich wie folgt in der Presse zitiert: "Einparteienhäuser verbrauchen viel Fläche, viele Baustoffe, viel Energie, sie sorgen für Zersiedelung und damit auch für noch mehr Verkehr." Inhaltlich ist diese Aussage grundsätzlich zutreffend: Pro Quadratmeter Wohnfläche oder pro Kubikmeter umbautem Raum verbrauchen Einfamilienhäuser mehr Ressourcen als Mehrfamilienhäuser. Da die Wohnfläche pro Kopf in Einfamilienhäusern im Durchschnitt des Gebäudebestands größer ist als bei Wohnungen in Mehrfamilienhäusern, verschlechtert sich auch hierdurch die Umweltbilanz.

Eric Heymann ist Volkswirt bei Deutsche Bank Research, einer unabhängigen Denkfabrik unter dem Dach der Deutschen Bank.  - © Martin Joppen
Eric Heymann ist Volkswirt bei Deutsche Bank Research, einer unabhängigen Denkfabrik unter dem Dach der Deutschen Bank.  - © Martin Joppen

Zudem ist der Flächenverbrauch bei Einfamilienhäusern deutlich größer als bei Mehrfamilienhäusern, die in Geschoßbauweise errichtet werden. Beim Bau von Einfamilienhäusern in Stadtrandlagen und ländlichen Regionen nehmen damit Zersiedlung und Verkehrsleistung gegenüber Mehrfamilienhäusern in hochverdichteten urbanen Zentren ebenfalls zu. Hofreiters Aussage wurde in der politischen Debatte als Verbot von (neuen) Eigenheimen interpretiert.

Jochen Möbert ist Volkswirt bei Deutsche Bank Research und beschäftigt sich mit den Themen Makroökonomie und Finanzmärkte, Immobilien sowie Kryptowährungen und Blockchain. - © Martin Joppen Photografie GmbH
Jochen Möbert ist Volkswirt bei Deutsche Bank Research und beschäftigt sich mit den Themen Makroökonomie und Finanzmärkte, Immobilien sowie Kryptowährungen und Blockchain. - © Martin Joppen Photografie GmbH

Die Diskussion, ob und in welchem Ausmaß Eigenheime stärker zum Klimawandel beitragen oder mit höherem Ressourcenverbrauch einhergehen als Wohnungen in Mehrfamilienhäusern, lenkt aber zum einen von der eigentlichen energie- und klimapolitischen Herausforderung im Gebäudesektor ab. Zum anderen zeigt sie, dass klimapolitische Forderungen häufig nicht zur Lebenswirklichkeit beziehungsweise zu den Konsumwünschen von Millionen von Menschen passen.

Ein sehr ambitioniertes Ziel mit politischer Brisanz

Die energetische Sanierungsrate von Gebäuden müsste mehr als verdoppelt werden. - © stock.adobe.com / rades
Die energetische Sanierungsrate von Gebäuden müsste mehr als verdoppelt werden. - © stock.adobe.com / rades

Schauen wir zunächst auf die klimapolitischen Herausforderungen. Die Politik verfolgt das Ziel eines nahezu klimaneutralen Gebäudebestands bis 2050. Unabhängig von der Bauform müssen enorme Hürden überwunden werden, um dies auch nur ansatzweise zu erreichen. So müsste die energetische Sanierungsrate von Gebäuden, die seit Jahren bei etwa 1 Prozent liegt, mehr als verdoppelt werden. Schon das ist kein leichtes Unterfangen, weil es die Handwerker für die dafür nötigen Arbeiten schlicht nicht gibt. Da große Teile des Bau- und Ausbauhandwerks seit Jahren über Mangel an qualifiziertem Nachwuchs klagen, könnte sich die Situation angesichts sinkender Ausbildungszahlen in vielen Berufsgruppen sowie vermehrter Pensionierungen in den kommenden Jahren sogar zuspitzen.

Hinzu kommt, dass alte Gebäude durch umfassende energetische Sanierungen zwar im Extremfall bis zu 80 Prozent weniger Energie verbrauchen und damit auch weniger CO2-Emissionen verursachen als zuvor. Dabei lassen sich derart große Einsparungen nur dann erzielen, wenn das Gebäude ursprünglich in einem energetisch sehr schlechten Zustand war. Entscheidend ist jedoch, dass sanierte Gebäude in aller Regel nicht klimaneutral sind. Das Umweltbundesamt weist zudem auf die fehlende Berücksichtigung von CO2-Emissionen bei Erstellung, Modernisierung und Rückbau von Gebäuden hin.

Politisch brisant ist auch die Frage, wie man mit jenen Eigentümern von Eigenheimen oder Wohnungen umgehen will, die ihre Gebäude aus finanziellen oder sonstigen Gründen nicht sanieren wollen oder können. Wird man sie mit strengem Ordnungsrecht oder massiv erhöhten CO2-Preisen dazu zwingen? Oder werden die Subventionen dafür so lange erhöht, bis fast alle Eigentümer freiwillig in den Klimaschutz investieren?

Strengeres Ordnungsrecht und deutlich höhere CO2-Preise dürften an fehlenden politischen Mehrheiten scheitern. Man stelle sich ein Rentnerpaar oder eine alleinstehende Rentnerin mit überschaubarem Finanzvermögen vor - welche Partei würde hier mittels Ordnungsrecht eine umfassende energetische Sanierung erzwingen, die rasch einen höheren fünfstelligen Euro-Betrag verschlingt? Auch bei CO2-Preisen oder Steuern auf den Energieverbrauch wird die Politik soziale Aspekte berücksichtigen. Stark steigende Subventionen wiederum werden an den finanziellen Restriktionen der öffentlichen Hand scheitern. Sie würden zudem die Angebotsknappheit im Bauhandwerk noch erhöhen und/oder zu höheren Baupreisen führen.

Der Weg zu einem nahezu klimaneutralen Gebäudebestand ist auch deshalb schwierig, weil dieser groß und damit träge ist. In Deutschland etwa wurden zwei Drittel aller Wohnungen vor 1979 errichtet. Fast die Hälfte wird mit Gas beheizt, ein Viertel mit Öl und 14 Prozent mit Fernwärme, die ja aus thermischen Kraftwerken stammt. Holz, Wärmepumpen und Strom machen also nur rund ein Zehntel aus. Selbst in neuen Wohngebäuden wird noch zu mehr als einem Drittel eine Gasheizung eingebaut, bei einem weiteren Drittel sind es Wärmepumpen, Fernwärme macht ein Viertel und Holz 4 Prozent aus. Es ist offenkundig, dass erneuerbare Energien im Wärmemarkt noch keine große Rolle spielen.

Fortschritte der erneuerbaren Energien noch bescheiden

Laut aktuellen Zahlen des Umweltbundesamtes entfielen 2020 gut 15 Prozent des Endenergieverbrauchs für Wärme (und Kälte) auf erneuerbare Energien. Dabei dominieren die verschiedenen Formen von Bioenergien (vor allem Holz) mit einem Anteil von über 85 Prozent. Es erfordert immense Investitionen, alle Wohnungen bis 2050 auf CO2-arme oder CO2-freie Energieträger umzurüsten (übrigens sind auch Bioenergien im eigentlichen Sinne nicht klimaneutral).

Neben den Investitionskosten könnten auch die technologischen Hürden für eine Umrüstung prohibitiv hoch sein. So leicht lässt sich ein Gebäude, das bisher mittels Gastherme oder Fernwärme beheizt wird (also letztlich mit warmem Wasser, das durch Rohre fließt), nämlich nicht auf Strom umrüsten. Bestimmte Heiztechnologien aus Klimaschutzgründen zu verbieten, sollte nur dann eine politische Option sein, wenn es ähnlich kostengünstige, leistungsfähige und komfortable Alternativen gibt. Die bisher dominierende Energiequelle im Wärmemarkt, Holz beziehungsweise Bioenergie, bietet jedenfalls rein mengenmäßig nur ein begrenztes Potenzial und lässt sich in vielen Gebäuden nicht nachrüsten.

Hier noch zwei Zahlen zu den klimapolitischen Herausforderungen im Wärmemarkt: Die energiebedingten Treibhausgasemissionen in Deutschland, die auf Gebäude entfallen, sind von 2000 bis 2021 um 28 Prozent auf 120 Millionen CO2-Äquivalente gesunken. Ein Teil davon ist auf mildere Winter und damit weniger Heizwärmebedarf zurückzuführen. Pro Jahr entspricht dies lediglich einem Rückgang von gut 1,6 Prozent oder 2,35 Millionen Tonnen - dieses Tempo müsste bei weiter zunehmender Wohnfläche deutlich erhöht werden, wollte man sich einem klimaneutralen Gebäudebestand nähern.

So lautet das offizielle Zwischenziel, die Emissionen im Gebäudebereich bis 2030 auf 70 Millionen Tonnen zu senken. Das wäre also eine Reduktion um 5 Millionen Tonnen pro Jahr - mehr als doppelt so viel wie bisher. Die zweite Zahl ist noch viel ernüchternder: Im Jahr 2019 lag laut dem Energieministerium der Endenergieverbrauch für Raumwärme und Warmwasserbereitung in Deutschland nur um etwa 7 Prozent unter dem Durchschnitt der Jahre 2008 bis 2012, wobei auch hier die milderen Winter eine Rolle spielen.

Viel wichtiger ist aber die Einordnung des absoluten Endenergieverbrauchs für Raumwärme und Warmwasser: Dieser übersteigt die gesamte Bruttostromerzeugung nämlich um mehr als 30 Prozent und die Bruttostromerzeugung aus erneuerbaren Energien in deren Rekordjahr 2020 um mehr als 200 Prozent. Will man künftig diese Wärmeenergie primär auf Basis von erneuerbarem Strom bereitstellen, wäre also alleine hierfür selbst bei höherer Energieeffizienz der Gebäude etwa eine Verdreifachung der heutigen erneuerbaren Bruttostromerzeugung notwendig (Wandlungsverluste ausgeblendet). Dann wäre aber kein erneuerbarer Strom mehr für Industrieprozesse, digitale Anwendungen, Haushaltsstrom, Beleuchtung, Elektroautos oder die Produktion von grünem Wasserstoff übrig. Nicht nur die zunehmenden Widerstände der Bevölkerung gegen den Ausbau von Windkraftanlagen an Land oder neue Stromtrassen lassen hier Zweifel aufkommen.

Eine klimapolitische Schimäre

Die zuvor genannten Argumente sind nicht neu. Die Zahlen stammen aus verlässlichen Quellen. Sie zeigen, wie "ambitioniert" das offizielle Ziel eines nahezu klimaneutralen Gebäudebestands ist. Vielleicht wird dieses Ziel vor allem deshalb nicht stärker politisch hinterfragt, weil es erst für das Jahr 2050 gilt? Deutlich wird jedoch, dass das Anprangern des Eigenheims zumindest aus klimapolitischer Sicht eine Schimäre ist. Es ist also wenig überraschend, dass hier auch andere Motive vermutet werden.

Umfragen zeigen, dass bei vielen der Wunsch nach einem Haus mit eigenem Garten in der Corona-Krise noch größer geworden ist. Ein Verbot von Eigenheimen entspräche also nicht den mehrheitlichen Präferenzen der Menschen. Dennoch hat der Zuzug in die Großstädte in den vergangenen Jahren zugenommen. Dass dort der Platz immer enger wird, ist eine logische Folge. Insofern ist die Zahl der neu gebauten Wohnungen in Mehrparteienhäusern zuletzt stetig gewachsen, während sie bei Ein- und Zweifamilienhäusern heute deutlich unter dem Niveau der 1990er und 2000er Jahre liegt.

Die Menschen sind nicht naiv. Ist der Wunsch, in der Stadt zu wohnen, größer als jener nach einem eigenen Haus, fällt die Wahl auf eine Wohnung in einem Mehrparteienhaus. Hier ist der Markt in vielen Städten ja ebenfalls eng genug. Die Diskussion Eigenheim versus Mehrfamilienhaus muss man daher auch regional differenzieren. In den bereits hochverdichteten zentralen Lagen der Großstädte sind Baugenehmigungen für Einfamilienhäuser die Ausnahme. Hier sind auch politische Mehrheiten nicht unrealistisch, die angesichts des begrenzten Platzes keine Baugebiete für Eigenheime mehr ausweisen; eine solche Entscheidung in einem Hamburger Stadtbezirk war ja der eigentliche Auslöser der Debatte.

In der Folge werden Eigenheime im Bestand noch knapper und dürften tendenziell teurer werden. In ländlichen Regionen sieht dies jedoch gänzlich anders aus: Wer sich hier (aus Gründen des Klimaschutzes) pauschal gegen Neubaugebiete für Eigenheime ausspricht, dürfte dafür auf lange Zeit keine politische Mehrheiten bekommen. Wer auf dem Land leben möchte, schätzt gerade mehr Platz im eigenen Haus plus Garten und nimmt dafür längere Wege oder andere Nachteile in Kauf. Die politische Diskussion um ein etwaiges Verbot von Einfamilienhäusern zeigt daher auch, warum die Grünen in städtischen Gebieten mehr politischen Zuspruch erfahren als auf dem Land.

Eine Langfassung dieses Textes finden Sie hier.