Vorige Woche musste ich für einen Tag nach Graz. Eine solche Eintagesreise ist in Zeiten der Pandemie beinahe eine Sensation. Um es vorweg zu sagen: Es war wunderbar.

Ralf Beste ist seit September 2019 deutscher Botschafter in Österreich. Davor war der studierte Historiker als Journalist tätig, unter anderem für die "Berliner Zeitung" und den "Spiegel". - © Deutsche Botschaft Wien
Ralf Beste ist seit September 2019 deutscher Botschafter in Österreich. Davor war der studierte Historiker als Journalist tätig, unter anderem für die "Berliner Zeitung" und den "Spiegel". - © Deutsche Botschaft Wien

Besonders in Erinnerung wird mir die Visite bei AVL List bleiben, einem Pionier der Automobilforschung. Ich fühlte mich einmal wie bei Daniel Düsentrieb, einmal wie bei James Bonds Tüftler Q zu Gast, als mich der Firmenchef Professor List von Simulator zu Prototyp zu Prüfstand führte. Die Gebäude stehen dicht gedrängt auf dem engen Betriebsgelände, wo sich gegen Feierabend auffällig viele der jungen Autopioniere auf zwei Rädern auf den Heimweg machten. Professor List legt Wert auf den Standort mitten in der Stadt: Wozu braucht man überhaupt eine Stadt, fragte er rhetorisch, wenn nicht als Standort für Forschung und Entwicklung?

Graz wirkt urban, sympathisch, fahrradfreundlich, und das wissen auch viele Nicht-Österreicher zu schätzen. In der bildschönen Oper habe ich mit der Schweizer Intendantin und dem Chefdirigenten aus Dresden geredet; auch Wirtschaftsvertreter berichteten mir, wie attraktiv die steirische Hauptstadt für deutsche Arbeitnehmer ist.

Großstädte wie Linz und Graz sind aber auch eine Ausnahme, fiel mir im Kontrast zu Deutschland auf: Denn Österreich ist eigentlich kein Land der Städte. Hinter dem riesigen Wien, das fast ein Fünftel der Bevölkerung ausmacht, rangieren sie mit weitem Abstand, die nächsten Landeshauptstädte Innsbruck und Salzburg sind deutlich kleiner. Dann ist Schluss mit Großstadt.

Der Grad der Urbanisierung in Österreich liegt mit 58 Prozent deutlich unter dem EU-Schnitt, in dem sich Deutschland mit 77 Prozent befindet. Industrieländer wie die Niederlande, Dänemark oder Schweden, mit denen man sich hierzulande öfters vergleicht, rangieren gar um die 90 Prozent.

Deutschland ist noch dazu weniger auf die eine Metropole ausgerichtet als Österreich. Neben den anderen Millionenstädten wie München oder Hamburg prägen Ballungsräume wie das Ruhr- und das Rhein-Main-Gebiet das Land. Das österreichische Selbstgefühl dagegen, so scheint es mir, ist deutlich ländlicher: Städte sind okay, aber die Ausnahme.

Als Kind des Ruhrgebiets fällt mir das vielleicht besonders auf. Ich war in dem Gefühl aufgewachsen, dass eine Großstadt ohne Schlote und Autobahnnetze eigentlich keine ist. Auch insofern war Graz ein schöner Kontrast, für einen Radfahrer noch dazu.