Die Zahl der Insolvenzen ist in Österreich im Pandemiejahr um 40 Prozent gesunken, in der Schweiz dagegen nur um 19 Prozent. Kein Grund zur Freude, wie eine vergleichende Analyse zeigt. Denn was die Schweiz mit ihrem liberalen Wirtschaftsweg in den vergangenen zwölf Monaten bereits verarbeitet hat, rollt nun geballt auf Österreich zu. Wir sollten uns auf schwierige Zeiten einstellen, die in den nächsten ein bis zwei Jahren vor uns liegen, bis unser Wirtschaftsgefüge wieder in die Normalität einschwingt. Es braucht so rasch wie möglich zielgerichtete Fördermaßnahmen für Unternehmen mit Potenzial und Transformationswillen, sodass die vorhandenen Mittel optimal für die Zukunft eingesetzt werden.

Daniel Knuchel ist Equity-Partner bei der Wiener Advicum Consulting GmbH, einem eigentümergeführten Beratungs- und Investmentunternehmen. - © Advicum
Daniel Knuchel ist Equity-Partner bei der Wiener Advicum Consulting GmbH, einem eigentümergeführten Beratungs- und Investmentunternehmen. - © Advicum

Wer ist bisher besser durch die Krise gekommen? Die Schweiz rechnet mit einem Wirtschaftsrückgang im ersten Quartal 2021 von rund 1 bis 1,5 Prozent. In Deutschland sagen die Wirtschaftsweisen einen Rückgang von rund 2 Prozent voraus. Für Österreich sehen die Prognosen nicht besser aus - die harte Lockdown-Politik hat unserer Wirtschaft bereits nachhaltig geschadet. Die veröffentlichten Zahlen weisen sogar ein Minus von rund 8 Prozent für die ersten zehn Wochen des heurigen Jahres aus. Österreichs Insolvenzstatistik hat sich währenddessen vom "echten" Leben völlig entkoppelt und ist nur durch die unspezifisch großzügigen und immer wieder verlängerten Stundungs- und Fördermaßnahmen zu erklären.

Die Frage ist nur noch: Wann dreht sich der Pendeleffekt? Die Schweiz funktioniert aus mehreren Gründen anders als Österreich. Zum einen verfolgt sie einen liberalen Wirtschaftsweg und rettet in der Krise nicht alle und jeden, unabhängig von dessen vorhandener Leistungskraft. Die Schweizer Förderpolitik setzt auf freie Wirtschaft und Unternehmertum. In diesem Umfeld wurden Zombie-Unternehmen nicht so stark geschützt wie hierzulande, und die Insolvenzstatistik spiegelt dies wider. Zum anderen ist die Schweizer Wirtschaft durch eine gewisse Robustheit gekennzeichnet, sie verfügt auch in Krisenzeiten über Selbstreinigungskraft. Dies kann am Naturell der Schweizer liegen oder einfach an der Überzeugung, dass dieser Prozess immer dazugehört. Jedenfalls zeigen die Zahlen, dass die Schweizer Wirtschaft während der Pandemie insgesamt besser läuft als die österreichische.

Bei uns wird eine Pleitewelle immer wahrscheinlicher. Immer wieder Lockdown, Appelle und Durchhalteparolen samt quartalsweisem Insolvenzaufschub - das kann nicht des Rätsels Lösung sein. Die Gefahr eines Insolvenz-Tsunamis erhöht sich von Tag zu Tag, das fürchten auch zahlreiche Gläubigerschützer und Wirtschaftsexperten. Ein Blick auf unsere westlichen Nachbarn lohnt sich daher: Die Schweiz hält an ihrem verhältnismäßig liberalen Kurs fest und setzt im Vergleich zu Österreich und Deutschland relativ leichte und kurzlaufende Maßnahmen. Auch angesichts der dritten Corona-Welle verhält sich die Schweizer Regierung recht ruhig und gelassen. Österreich und Deutschland verschärfen dagegen die Corona-Maßnahmen weiter und versuchen so die Welle zu brechen. Aber um welchen Preis für die Zukunft der Wirtschaft?