Was waren das für anregende und kontroverse Debatten bis weit nach Mitternacht: Die Umsetzung der Idee einer Diskussion ohne Zeitbegrenzung trug kulturelle Früchte. Denn diese Rahmenbedingung war die Voraussetzung dafür, dass die eingeladen Experten nicht nur ihre Meinung zu einem Thema kundtaten, sondern tatsächlich aufgefordert waren, miteinander zu diskutieren. Voraussetzung dafür waren kompetente Teilnehmer und exzellente Moderatoren. Diese schafften es manchmal auch bei einem unglücklichen Verlauf eines Gesprächs, kluge Fragen zu stellen, Argumente und Fakten den Teilnehmerinnen so zuzuspielen, dass diese zurück in die Debatte fanden, und den Abend mit ihren Beiträgen in ihrer individuellen Art bereichern konnten.

Christian Vranek ist Kulturmanager. 2009 gründete er das Beratungsunternehmen Culture Creates Values, davor war er unter anderem am Aufbau des Festspielhauses St. Pölten beteiligt und an der Musikuniversität Wien in leitenden Funktionen tätig. - © Gerlinde Miesenböck
Christian Vranek ist Kulturmanager. 2009 gründete er das Beratungsunternehmen Culture Creates Values, davor war er unter anderem am Aufbau des Festspielhauses St. Pölten beteiligt und an der Musikuniversität Wien in leitenden Funktionen tätig. - © Gerlinde Miesenböck

Bei den für mich wirklich großen Diskussionen wurde ja gemeinsam über den ursprünglichen Standpunkt hinaus etwas weiterentwickelt, verfeinert oder in Streitfragen eine gemeinsame Position zu einem Thema gefunden. Das gelang nicht immer, oft fand man auch keinen Weg, weil die Weltanschauungen oder Auffassungen zu konträr waren, die Themen dies nicht zuließen oder aber die Teilnehmerinnen dies auch nicht wollten. Aber sehr oft gab es den Versuch, über die unterschiedlichen Blickwinkel der Diskussionsteilnehmerinnen sich einem Thema anzunähern und zumindest Brücken des gegenseitigen Verständnisses zu bauen - auch das hatte seinen Wert. Und es war dieser gegenseitige Respekt der Diskutanten, gepaart mit einem Willen zur Konstruktivität, welcher zu diesen oft hochinteressanten Diskussionen samt ihren Ergebnissen führte.

- © stock.adobe.com / alotofpeople
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Die Rede ist vom "Club 2", der von 1976 bis 1995 zweimal die Woche vom ORF ausgestrahlt wurde und die Diskussionskultur im damaligen Österreich maßgebend über das Fernsehen hinaus prägte. Diese repräsentierte einerseits in Form der eingeladenen Gäste Diversität und versuchte andererseits doch nach Gemeinsamkeiten zu suchen. Als Schüler durfte ich bei interessanten Themen bis nach Mitternacht die Sendungen verfolgen - am nächsten Tag wurde dann in der Schule angeregt weiterdiskutiert. Als nach einer Programmreform der "Club 2" um Mitternacht endete, war es um die Sendung geschehen - sie wurde zur Talkshow im wahrsten Sinne des Wortes. Qualitative Auseinandersetzung benötigt eben auch Zeit. Die geänderten Rahmenbedingungen führten dazu, dass es oft nicht mehr darum ging, ein Thema zu diskutieren, sondern seinen Standpunkt zu vertreten und damit sich beziehungsweise die Gruppierung, die man repräsentierte, darzustellen.

Konstruktivität und solidarische Gemeinschaft

Dieses ausgewählte Beispiel zeigt anschaulich, wie fragil Kultur ist und wie schnell sie sich nachhaltig verändern kann. Der "Club 2" in seiner ursprünglichen Form hatte auch Vorbildwirkung, mit einem gewissen Stil an Probleme gemeinsam heranzugehen. Heute leben wir aber in einer anderen Zeit. Doch gerade in Krisenzeiten wie diesen vermisse ich in vielen Fragen ein gewisses Maß an Konstruktivität und einen Geist, der eine Gesellschaft - wenn auch in all ihrer Unterschiedlichkeit - als solidarische Gemeinschaft sieht. Die Corona-Pandemie zeigt auf, wie wir voneinander abhängig sind, um diese bewältigen zu können.

Doch diese Tatsache und die Komplexität des Coronavirus überfordern anscheinend viele Menschen. So zeigen sich große Defizite in den Bereichen Solidarität, Bildung und Empathie und welch große Gefahr von Dummheit ausgehen kann. Und es zeigt sich auch, dass digitale Medien großen Teilen der Bevölkerung mehr der Unterhaltung und Information als zur Bildung dienen. Die Früchte einer Unterhaltungsgesellschaft ernten wir jetzt. Der Preis des kulturellen Verfalls ist so gesehen ein sehr hoher und auch zu einem Teil dem Umstand geschuldet, dass viele Menschen unter Kultur bloß Kunst und Brauchtum verstehen und nicht mehr. Dieser enge und oft praktizierte Kulturbegriff hat auch dazu beigetragen, dass sich Medien, Universitäten etc. von ihrer kulturellen Verantwortung freigespielt haben.

Kunst kann Kultur nicht alleine tragen

Die Kunst ist ein wunderbarer - vielleicht der wunderbarste - Teil des Menschseins, aber sie ist völlig überfordert, die Kultur alleine zu tragen, und je weiter sich die Menschen von eigenem Urteilsvermögen, kritischem Denken, Reflexion, Empathiefähigkeit etc. entfernen, desto schwieriger wird es auch hier, einem gewissen Niveau gerecht zu werden. Die Corona-Pandemie sollte uns daher ermutigen, der Kultur, also dem "Wie", wieder einen höheren Stellenwert einzuräumen - in allen Lebensbereichen - ansonsten wird es wohl schwer möglich sein, die Herausforderungen der Zukunft etwa betreffend dem Umweltschutz, Bildung, Digitalisierung etc. zu bewältigen.

Dafür ist aber auch eine Verantwortung gefragt, nicht alles der Trivialität und Banalisierung preiszugeben. So gesehen ist es höchst an der Zeit, öffentliche Förderungen nach ihrem kulturellen Mehrwert zu entrichten. Wenn es gelingt, die Menschen wieder für unter anderem Qualität, Inhalt und Hintergründe zu interessieren und nicht nur für Unterhaltung, dann gibt es eine Perspektive für die Zukunft. Frei nach dem Motto: Kultur für möglichst viele. Daran sollten wir arbeiten, durchaus im eigenen Interesse.