Die Ergebnisse der Wissenschaft sind unwiderlegbar und weltweit einheitlich: Um zu verhindern, dass die Klimakrise zu einer dauerhaften Katastrophe wird, müssen wir die globale Erwärmung auf 1,5 Grad Celsius begrenzen. Um dies zu erreichen, müssen wir bis Mitte des Jahrhunderts zu einem Netto-Null-Ausstoß von Treibhausgasen kommen. Diejenigen Länder, die etwa zwei Drittel der Weltwirtschaft ausmachen, haben sich dazu verpflichtet. Das ist ermutigend, aber es müssen sich dringend jedes Land, jede Stadt, jedes Unternehmen und jede Finanzinstitution dieser Koalition anschließen und konkrete Pläne für den Übergang zu Netto-Null-Emissionen verabschieden.

António Guterres ist Generalsekretär der Vereinten Nationen. - © afp / ted
António Guterres ist Generalsekretär der Vereinten Nationen. - © afp / ted

Noch dringender ist, dass die Regierungen diesen langfristigen Ambitionen jetzt konkrete Taten folgen lassen, da Billionen Dollar zur Überwindung der Corona-Pandemie mobilisiert werden. Volkswirtschaften wieder zu stärken, ist unsere Chance, unsere Zukunft neu zu gestalten. Die Welt hat einen starken Handlungsrahmen: das Pariser Abkommen, in dem sich alle Länder verpflichtet haben, ihre eigenen nationalen Klimaaktionspläne aufzustellen und diese alle fünf Jahre zu verstärken.

Die Vereinten Nationen werden weiterhin ihre blaue Flagge der Solidarität und Hoffnung hissen. - © afp / Hazem Bader
Die Vereinten Nationen werden weiterhin ihre blaue Flagge der Solidarität und Hoffnung hissen. - © afp / Hazem Bader

Mehr als fünf Jahre später und mit dem erdrückenden Beweis, dass wir unseren Planeten zerstören werden, wenn wir nicht handeln, ist es Zeit für entschlossenes und effektives Handeln, wenn die Vereinten Nationen alle Länder im November in Glasgow zur nächsten Weltklimakonferenz "COP26" zusammenrufen. Durch die neuen nationalen Pläne muss der globale Treibhausgasausstoß um mindestens 45 Prozent bis 2030 im Vergleich zum Stand von 2010 reduziert werden. Viele Pläne wurden bereits vorgestellt und enthalten klarere Maßnahmen zur Anpassung an die Folgen des Klimawandels und zur Förderung des Zugangs zu erneuerbaren Energien. Aber bisher erreichen sie weniger als eine Reduzierung der Emissionen um 1 Prozent. Dies ist für die Menschen und den Planeten absolut alarmierend.

In den kommenden Monaten, beginnend mit dem bevorstehenden Gipfel der Staats- und Regierungschefs in den USA, müssen die Regierungen ihre Ambitionen drastisch erhöhen - vor allem die Länder mit den höchsten Emissionen, die den größten Teil der Krise verursacht haben. Der Ausstieg aus der Kohleverstromung ist der wichtigste Einzelschritt, um das 1,5-Grad-Ziel zu erreichen. Sofortiges Handeln, um den schmutzigsten und umweltschädlichsten fossilen Brennstoff aus dem Stromsektor zu entfernen, bietet unserer Welt eine Chance zum Kampf.

Ausstieg aus der Kohle

Der weltweite Kohleverbrauch in der Stromerzeugung muss bis 2030 um 80 Prozent unter das Niveau von 2010 sinken. Das bedeutet, dass die Industriestaaten sich verpflichten müssen, bis 2030 aus der Kohle auszusteigen; andere Länder müssen dies bis 2040 tun. Es gibt einfach keinen Grund, irgendwo neue Kohlekraftwerke zu bauen. Ein Drittel der globalen Kohlekraftwerke ist schon jetzt im Betrieb teurer als der Bau neuer Speicher für erneuerbare Energien. Die "COP26" muss ein Signal für das Ende der Kohle sein.

Während sich die Welt hin zu sauberer Luft und erneuerbarer Energien bewegt, ist es wichtig, dass wir einen gerechten Übergang sicherstellen. Beschäftigte in den betroffenen Industrien und im informellen Sektor müssen unterstützt werden, wenn sie ihren Arbeitsplatz wechseln oder sich umschulen lassen. Wir müssen auch die enorme Kraft von Frauen und Mädchen freisetzen, um den Wandel voranzutreiben, auch als gleichberechtigte Teilnehmerinnen an Regierungsführung und Entscheidungsfindung.

Die Länder, die am wenigsten zum Klimawandel beigetragen haben, leiden unter vielen der schlimmsten Folgen. Viele kleine Inselstaaten werden nicht mehr existieren, wenn wir die Maßnahmen nicht verstärken. Die Industrieländer müssen ihre Zusagen einhalten, jährlich 100 Milliarden Dollar bereitzustellen und zu mobilisieren, indem sie:

die derzeitige Klimafinanzierung verdoppeln;
die Hälfte der gesamten Klimafinanzierung für die Anpassung bereitstellen;
die internationale Finanzierung von Kohle stoppen;
Subventionen für fossile Brennstoffe auf erneuerbare Energien verlagern.

Der G7-Gipfel im Juni bietet den reichsten Ländern der Welt die Gelegenheit, sich zu engagieren und die notwendigen finanziellen Zusagen zu machen, die den Erfolg der "COP26" sicherstellen. Während die Regierungen die Führung übernehmen müssen, haben Entscheidungsträger überall eine wichtige Rolle zu spielen. Ich fordere alle multilateralen und nationalen Entwicklungsbanken auf, bis zur "COP26" eine klare Politik zur Finanzierung der Corona-Erholung und des Übergangs zu widerstandsfähigen Volkswirtschaften in den Entwicklungsländern unter Berücksichtigung der lähmenden Verschuldung und des enormen Drucks auf die nationalen Haushalte zu entwickeln.

Viele lokale Regierungen und private Unternehmen haben sich zu Netto-Null-Emissionen bis 2050 verpflichtet und ihre Geschäftsmodelle einer gründlichen Überprüfung unterzogen. Ich fordere alle auf, sich ehrgeizige Ziele und Strategien zu setzen. Ich ermutige junge Menschen auf der ganzen Welt, weiter ihre Stimme zu erheben, damit gegen den Klimawandel gehandelt, die biologische Vielfalt geschützt, der Krieg der Menschheit gegen die Natur gestoppt und die Bemühungen um die Ziele für nachhaltige Entwicklung beschleunigt werden.

Die Zeit läuft ab, und es liegt noch viel harte Arbeit vor uns, aber es ist nicht die Zeit, die weiße Flagge zu hissen. Die UNO wird weiter die blaue Flagge der Solidarität und Hoffnung hissen. In den entscheidenden Monaten, die vor uns liegen, fordere ich alle Nationen und alle Menschen auf, in diesem Moment gemeinsam aktiv zu werden.