Der jüngste Gastkommentar von Regina Polak vom 24. April bietet den Anlass, die bis heute wirkenden Wurzeln des Antisemitismus systematisch aufzuzeigen und zu analysieren. Werden doch in den meisten Auseinandersetzungen mit diesem Thema nur Teilaspekte behandelt.

Peter Diem (Jahrgang 1937) studierte Jus und Dolmetsch in Wien sowie Politikwissenschaft in den USA. Er war Leiter der Grundlagenforschung der ÖVP, Leiter der Medienforschung im ORF und Online-Forscher bei GfK. Sein aktuelles Hauptarbeitsgebiet ist die Symbolforschung. - © prvat
Peter Diem (Jahrgang 1937) studierte Jus und Dolmetsch in Wien sowie Politikwissenschaft in den USA. Er war Leiter der Grundlagenforschung der ÖVP, Leiter der Medienforschung im ORF und Online-Forscher bei GfK. Sein aktuelles Hauptarbeitsgebiet ist die Symbolforschung. - © prvat

Religiöse
Wurzeln

Das Urchristentum rekrutierte sich aus dem Judentum. Dieser Ursprung wurde bald vergessen, ja verleugnet. Es entwickelten sich verschiedene Formen religiös begründeter Judenfeindschaft. Anknüpfungspunkt war der als fix angenommene Verrat Jesu durch Judas Iskariot. Dass die Übergabe des Galiläers Jeschua durch den ortskundigen Judäer Judas an die Pharisäer eine unter Freunden abgesprochene Vorgangsweise zur Erfüllung des Heilsgeschehens und kein hinterlistiger Verrat war, spielte dabei keine Rolle.

Der Judenstern ist nur eine von vielen Facetten des Antisemitismus. - © dpa / Britta Pedersen
Der Judenstern ist nur eine von vielen Facetten des Antisemitismus. - © dpa / Britta Pedersen

Die Kirchenväter begannen die Juden zu verteufeln: "Das vierte Jahrhundert ist das fatale Jahrhundert für die Juden, hier werden die Feuer angezündet, die Feuer des christlichen Hasses und Tötens, die bis heute nicht erloschen sind", stellte Friedrich Heer 1967 fest. Der mittelalterlichen Kirche dienten die Juden als willkommenes Feindbild. Die Errichtung von Ghettos, Zwangstaufen und die Stigmatisierung der Verfemten mit spitzem "Judenhut" und gelbem "Judenfleck" (Vorläufer des NS-Judensterns) waren die Folge. Der Name "Judas" wurde zum Schimpfnamen; "Judaskuss" und "Judaslohn" wurden zu stehenden Redewendungen.

Die langfristigen Auswirkungen des frühen und mittelalterlichen christlichen Antijudaismus werden gerne unterschätzt. Sie reichen von den Grausamkeiten der Kreuzzüge über die Hinrichtung von mehr als 200 Jüdinnen und Juden in Wien-Erdberg wegen "Hostienfrevels" (1421) und die Vertreibung der Juden von der Iberischen Halbinsel (1492) bis hin zu den heute unvorstellbaren Hasstiraden und Gewaltaufrufen des Reformators Martin Luther gegen die frevelhaften "Gottesmörder", "Brunnenvergifter" und "Kindesmörder", die man notfalls "wie die tollen Hunde" verjagen müsse (1543). Erst in der beginnenden Neuzeit und im Zeitalter der Aufklärung ging der religiös begründete brutale Judenhass zurück. Jedoch wirken Begriffe wie "Gottesmörder" oder "Brunnenvergifter" bis heute nach.

Erst 1958 (!) ließ Papst Johannes XXIII. die Formulierung von den "treulosen Juden" ("Perfidis Judaeis") aus der Karfreitagsliturgie streichen. In "Nostra Aetate" (1965), der Erklärung über die Haltung der Kirche zu den nicht-christlichen Religionen, die das Zweite Vatikanische Konzil verabschiedete, beklagte der Vatikan zwar "alle Manifestationen des Antisemitismus, die sich zu irgendeiner Zeit und von irgendjemandem gegen die Juden gerichtet haben" - ein eindeutiges "Mea Culpa" ist das freilich nicht.

Wirtschaftliche
Wurzeln

Spätestens seit dem kanonischen Zinsverbot (1215) und dem mittelalterlichen Zunftzwang, der sie von wichtigen Handwerksberufen ausschloss, wurden die europäischen Juden immer stärker in Tätigkeiten auf dem kaufmännischen und finanziellen Sektor gedrängt. Das hatte langfristig zwei Auswirkungen: Einerseits konnten viele Juden durch Bank- und Kreditgeschäfte große Vermögen erwerben, die sie zu mächtigen Investoren in der frühindustriellen Zeit machten. Andererseits qualifizierten sich die von Kindheit an zum Lesen, Lernen und zu geistiger Auseinandersetzung erzogenen Juden immer stärker für gehobene Berufe.

Beides erklärt ihren gesellschaftlichen Aufstieg und die steigende Zahl jüdischer Wissenschafter, Rechtsanwälte, Ärzte, Industrieller und Banker im Verlauf des 19. Jahrhunderts. Leider aktivierte eines dieser Berufsbilder den biblischen Archetyp der Wechsler und Händler, die Jesus aus dem Tempel trieb. Eine der Auswirkungen der wirtschaftlichen Potenz des jüdischen Großbürgertums war die vom Wiener Bürgermeister Karl Lueger in dessen Wahlkämpfen ausgenutzte Angst der kleinen Gewerbetreibenden vor finanzieller Ausbeutung. Leider paarte sich dieser vorwiegend wirtschaftlich begründete Antisemitismus in der Folge mit einem auf rassischen Argumenten beruhenden Judenhass - eine äußerst explosive Mischung.

Rassistisch-nationalistische Wurzeln

Wir vergessen gerne, dass im österreichischen Raum neben dem "taktischen" Antisemitismus Luegers der mit Rassenunterschieden begründete "moderne" Antisemitismus seinen Nährboden hatte. Das "Linzer Programm" der Deutschnationalen (1882 veröffentlicht, 1885 von Georg von Schönerer überarbeitet) führte den "Arierparagraphen" ein, der vor allem von Burschenschaften und alpinen Vereinen übernommen wurde. Jahrzehnte später, im Jahr 1920, sollten der spätere Kanzler Engelbert Dollfuß und Nivard Schlögl, der deutschnational gesinnte Bibelübersetzer und Novizenmeister von Jörg Lanz (von) Liebenfels, versuchen, den "Arierparagraphen" auch im Cartellverband einzuführen - vergeblich.

Die Agitation Schönerers gipfelte im zutiefst diffamierenden Spruch: "Was der Jude glaubt, ist einerlei, in der Rasse liegt die Schweinerei." (Getaufte Juden wurden im mittelalterlichen Spanien als "Marranos" = Schweine bezeichnet. Skulpturen der Juden säugenden "Judensau" sind an etwa 30 Kirchen vor allem in Deutschland - unter anderem in Wittenberg, Köln und Brandenburg - bis heute zu sehen). Bis etwa 1933 fühlte sich auch der Großteil des österreichischen Klerus bemüßigt, an der antisemitischen Hetze teilzunehmen. Ein bekannter Vertreter dieses Ungeistes war der "tapfere Gottesstreiter" Pfarrer Josef Deckert (Wien-Weinhaus), der 1897 forderte: "Die Juden müssen für die christlichen Völker unschädlich gemacht werden; man muss sie unter ein Fremdengesetz stellen . . ."

Die auf lange Sicht schrecklichsten Folgen aber hatten die Publikationen des Ex-Zisterziensers und Okkultisten Lanz (von) Liebenfels. Zwischen 1905 und 1917 erschienen 89 Hefte seiner "Ostara", die auf "ariosophischer" Basis einen wütenden Rassismus vertrat. Die Juden wurden darin zu geilen "Äfflingen" gestempelt und den "reinblütigen Blond-Blauäugigen" gegenübergestellt. Es gilt als sicher, dass Adolf Hitler in seiner Wiener Zeit (1907 bis 1913) "Ostara"-Hefte las. Der Soziologe August Maria Knoll (1900 bis 1963) konnte mit Recht sagen: "Der Nationalsozialismus war jene Bewegung, die der österreichischen Narretei das preußische Schwert geliehen hat."

Tiefenpsychologische
Aspekte

Die Theologin Polak fordert in ihrem Gastkommentar mit Recht eine "vertiefte Auseinandersetzung mit den zahlreichen wandelbaren Formen des Antisemitismus". Eine vertiefte Auseinandersetzung ist mehr, als beständig an die Shoa zu erinnern und den aktuellen Rechtsextremismus zu beklagen. Der Wiener Sozialpsychologe Wilfried Daim (1923 bis 2016) hat in seiner viel zu wenig beachteten "Kastenlosen Gesellschaft" (1960) aufgezeigt, dass alle rassistischen Vorurteile auf unterbewusste Motive zurückgehen. Der Aggression gegen "den" Proletarier, "den" Migranten, "den" Farbigen oder "den" Juden liegt die Angst der "Oberkastigen" zugrunde, dass der "dunklere", "unsaubere" "Unterkastige" kraft seiner sexuellen Potenz eine Bedrohung für die Frauen der "Oberkastigen" darstelle.

In "Mein Kampf" instrumentalisierte Hitler diese Urangst, wenn er von der "Verführung von Hunderttausenden von Mädchen durch krummbeinige, widerwärtige Judenbankerte" spricht. Es ist eine tiefe Tragik, dass die damals noch selbst in einem religiösen Antijudaismus gefangene "Volkskirche" nicht massiv gegen das 1925/26 erschienene Machwerk Hitlers auftrat.

Was ist zu tun, um die Macht der "Familiennarrative" zu brechen?

Die Juden sind keine Gottesmörder. Die Juden waren auch nie Ritualmörder. Die Juden sind keine Rasse, sondern ein Volk mit gemeinsamer religiöser Basis und Schicksalsprägung - auch wenn die Männer wie Jesus von Nazareth beschnitten sind und die Frauen wegen der Speisegebote gerne zwei Geschirrspüler hätten. Von jüdischen Männern geht keine Gefahr für blonde Frauen aus. Ja, in Folge ihrer jahrtausendelangen Bedrohung haben die Juden ein starkes Zusammengehörigkeitsgefühl entwickelt und wurden kluge Netzwerker. Doch das ist keine "Weltverschwörung". Diesbezügliche unterbewusste Aggressionen sind ans Licht zu holen; dazu tradierte Vorurteile müssen wir uns aus dem Herzen reißen.

Der Aufruf Jesu zu universeller Geschwisterlichkeit verpflichtet die lokalen Kirchen, den jahrhundertelangen christlichen Antijudaismus zu bekennen und aufzuarbeiten. Ein "Roma locuta" genügt da nicht.

Daraus werden die Kirchen die Kraft schöpfen, in neuer Form auf das Judentum zuzugehen und damit zu dokumentieren, dass wir Christen die jüngeren Geschwister der Juden in der großen Völkerfamilie sind.

Unter der Führung der Kirchen muss auf die historischen und psychologischen Wurzeln besonders des österreichischen Judenhasses eingegangen werden. Es genügt nicht zu hoffen, dass das häufige Erinnern an die Gräuel des Nationalsozialismus die Reste des antisemitischen Ungeistes vertreiben wird.

Zugegeben, es ist keine leichte Aufgabe, im Unbewussten wurzelnde, im Volk immer noch verankerte Motivbündel an den Tag zu heben. Aber es muss sein. Es ist dies die besondere Verantwortung der älteren Generation und eine wichtige Aufgabe von Schule, Erwachsenenbildung und Medien.