Mit Recht schrieb Robert Sedlaczek in seiner Glosse am 28. April, dass in der germanistischen Sprachwissenschaft das Österreichische Deutsch im Rahmen der plurizentrischen Theorie als eine von mehreren Varietäten der deutschen Schrift- und Standardsprache gilt. Auch Deutschland bildet da keine Einheit, sodass es etwa ein Rheinländisch und ein Berlinisch gibt. Derartige regionale Ausdrucksweisen sind keineswegs Dialekt. In der 4. Auflage von Jakob Ebners "Wie sagt man in Österreich?" (2009), das der deutsche Duden-Verlag angeregt hat und herausgibt, sind etwa 8.000 Austriazismen verzeichnet. Nun wirft der in Kanada wirkende Oberösterreicher Stefan Dollinger in seinem saloppen polemischen Buch "Österreichisches Deutsch oder Deutsch in Österreich?" (2021) deutschen Germanisten Sprachnationalismus vor. Demnach gelte nur eine einzige deutsche Sprachnorm, und regionale Varianten seien nicht als Standard anerkannt, sodass die Standardform Österreichisches Deutsch in Frage gestellt werde.

Peter Wiesinger ist emeritierter Universitätsprofessor für deutsche Sprachwissenschaft an der Universität Wien. - © privat
Peter Wiesinger ist emeritierter Universitätsprofessor für deutsche Sprachwissenschaft an der Universität Wien. - © privat

Wie der Standardgebrauch in Österreich aber tatsächlich aussieht und was im schriftsprachlichen Alltag gilt, bestimmt nicht die sprachwissenschaftliche Theorie, sondern das redende und schreibende Volk. Hier stellt sich bezüglich der Varianten - da österreichische, dort bundesdeutsche Ausdrucksweise - die Frage, wie sich die Österreicher verhalten und ob sie die angestammte österreichische Ausdrucksweise weiter verwenden oder ob der andersartige bundesdeutsche Sprachgebrauch aufgegriffen wird. Eine von mir 2012/13 in allen neun Bundesländern und in Südtirol mit Studierenden von durchschnittlich 21 Jahren durchgeführte Abfragung einschlägiger Beispiele auf allen sprachlichen Ebenen (publiziert 2015 in A. N. Lenz u. a.: "Dimensionen des Deutschen in Österreich") gibt Auskunft über das aktuelle Sprachverhalten. Dabei überrascht, dass in einer Reihe von Beispielen der bundesdeutsche Gebrauch überwiegt, so bei Bub (38 Prozent), Junge (55 Prozent) und Bursche (7 Prozent); Stiege (41), Treppe (45) und Stufen (9); Vorgangsweise (34) und Vorgehensweise (66); Kópi-e (30) und Kopíe (70); das E-Mail (36) und die E-Mail (64); die Mayer (6) und die Mayers (94), auf Besuch (11) und zu Besuch (89); auf etwas vergessen (13) und etwas vergessen (87); bei der Kassa/e einzahlen (10) und an der Kassa/e einzahlen (90).

Ursachen für diesen Wandel sind die verschiedenen Auswirkungen der Globalisierung mit verstärkter Mobilität und ausgeweiteter Kommunikation durch die verschiedenen Audio-, Print- und elektronischen Medien. Übersetzungen fremdsprachiger Filme, Theaterstücke und Literatur erfolgen in Deutschland. Im höchst erwünschten Tourismus kommen große Mengen an Deutschen nach Österreich etc. All diese Kontakte machen die Österreicher täglich mit bundesdeutschem Sprachgebrauch bekannt, was besonders bei der aufgeschlossenen Jugend zu einem Aufgreifen führt. Zwar gibt es auch noch relativ stabilen österreichischen Sprachgebrauch - wie Kassa (67) und Kasse (33); das Joghurt (88), der Joghurt (11) und die Joghurt (1); Schweinsbraten (84), Schweinebraten (15) und Bratl (1); kaufen um (85) und kaufen für (15); die Stiege hinauf (78), hoch (15) und [he]rauf (7) gehen - aber Rückgänge sind programmiert, und das Österreichische Deutsch ist kein unveränderlicher hieratischer Block. Die Jugend und nicht die Sprachwissenschaft bestimmt die sprachliche Zukunft.