Nach wie vor liegt der Fokus von Wirtschaftsforschung und Medien klar in der Analyse der Auswirkungen der Corona-Pandemie: Lockdowns, Impfkurven, massive Staatshilfen und deren Konsequenzen für Unternehmens- und Verbraucherverhalten sind zweifelsohne dominante Treiber der künftigen Wirtschaftsentwicklung. Die wichtigsten positiven Impulse kommen aktuell aus dem Industriesektor.

Stefan Fink ist Chefökonom beim Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsunternehmen KPMG Österreich. - © KPMG
Stefan Fink ist Chefökonom beim Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsunternehmen KPMG Österreich. - © KPMG

Abseits des medialen Fokus tauchen gerade im digitalen Industriebereich konjunkturelle Schatten auf. Dabei trifft eine stärkere industrielle Dynamik auf zunehmende Knappheit in den Vorleistungen. Besonders kritisch entwickelt sich die Situation bei den Computerchips.

Die mit der Knappheit einhergehenden ökonomischen Folgen, speziell in der Digitalisierungsbranche, spitzen sich immer weiter zu. Laut Schätzungen wird weltweit allein in der Automobilindustrie mit Umsatzeinbußen von mehr als 50 Milliarden Euro gerechnet. Doch nicht nur Automobilhersteller stoppen oder reduzieren die Produktion: Die Knappheit bei Computerchips zieht weite Kreise, insbesondere leidet die gesamte Digitalisierungsbranche. Jegliches digitale Produkt beinhaltet Chips, seien es Spielekonsolen, Laptops oder Haushaltsgeräte.

Die Corona-Pandemie ist jedoch nur bedingt für dieses Problem verantwortlich. Die Kluft zwischen Angebot und Nachfrage bei den Computerchips ist auf ein Zusammenwirken mehrerer Faktoren zurückzuführen. Dazu zählen die im Jahr 2018 im asiatischen Raum verhängten Strafzölle, die die Nachfrage nach Chips empfindlich und in der Folge das Produktionsvolumen der Halbleiterhersteller verringerten. Auf dieses deutlich reduzierte Angebot traf als Konsequenz aus der Corona-Pandemie samt Lockdowns und Homeoffice ein sprunghafter Anstieg der Produktbestellungen in der Computer- und der Unterhaltungselektronik sowie - wider Erwarten - der Automobilbranche.

Die Krise offenbart aber auch ein großes strukturelles Risiko in den Lieferketten: Die Produzenten leiden unter der Abhängigkeit von Chipherstellern. Diese sehen sich nicht nur mit einer stärkeren Nachfrage konfrontiert, sondern sie sind zum Beispiel auch einer historischen Dürre ausgesetzt, die die Produktion zusätzlich belastet. Eine Lösung des Problems ist derzeit nicht absehbar, und die Lieferverzögerungen sind schon jetzt enorm. Die Lieferzeiten für Chips, die bis vor kurzem ein bis zwei Wochen nach Bestellung verfügbar waren, betragen nun teilweise mehr als ein Jahr.

Viele Experten betonen bereits, dass für die betroffenen Branchen die negativen Auswirkungen jene der Corona-Pandemie noch übertreffen. Ein schwerer Schlag für den Digitalisierungssektor, der - wie auch im Comeback-Plan der Bundesregierung betont wird - ein ganz zentrales Element des Aufschwungs darstellen soll. Eine Lösung des Problems ist daher von höchster Wichtigkeit - und die aufgrund von Covid-19 häufig diskutierte notwendige Reduktion der Abhängigkeit von (asiatischen) Zuliefermärkten könnte - und sollte - Teil der Lösungsstrategie sein. Rasche strategische Entscheidungen sind dabei ein zentraler Erfolgsfaktor.