Bei der Frage, wie Klimaschutz vernünftigerweise organisiert werden soll, spielen unabhängig von der ideologischen Verortung der jeweils handelnden Politiker Technologie und Innovation eine ganz zentrale Rolle: Egal ob Sonne oder Wind, Wasserstoff oder synthetische Treibstoffe - beim Versuch, die klimaschädlichen CO2-Emissionen zu reduzieren, steht die Technik stets im Mittelpunkt. Dissens besteht zwar über die Methoden, nicht aber über den Grundsatz, dass unsere heutige Form des Lebens und Wirtschaftens grosso modo beibehalten werden soll, nur eben klimakompatibler. Nur einige wenige randständige Gruppierungen unter dem Label "Degrowth" meinen, für den Klimaschutz sei eine Art geplanter Verarmung der vor allem westlichen Welt nötig.

Doch sollten in Deutschland im Herbst die Grünen stärkste Partei werden und die Kanzlerin stellen, etwa zusammen mit SPD und postkommunistischer Linkspartei, könnten die "Degrowth"-Thesen an Einfluss gewinnen - mit wenig angenehmen Folgen. Ein erstes Signal in diese Richtung könnte eine Studie der Heinrich-Böll-Stiftung - einer Art Thinktank der Grünen - sein, die vor ein paar Monaten erstellt, aber wohl aus Taktikgründen medial kaum verwertet wurde. Die Studie mit dem Titel "Societal Transformation Scenario" geht davon aus, dass die Klimaziele nicht allein durch Technologiesprünge zu erreichen seien, sondern, wie schon der Titel andeutet, durch notwendige Änderungen in unserem Alltag - und zwar gewaltige: "Bis 2050 sinkt der Autoverkehr in den Städten der Industrieländer um 81 Prozent; der Wohnraum pro Einwohner schrumpft um 25 Prozent; die Zahl der Elektrogeräte wie Waschmaschinen wird halbiert; der Fleischkonsum geht schon bis 2030 um 60 Prozent zurück; und in ein Flugzeug steigen die Bürgerinnen eines Industrielandes nur noch alle drei Jahre", zitierte die linke deutsche Wochenzeitung "Freitag" den Sukkus der Studie.

Nun ist so etwas nicht einmal in Deutschland und nicht einmal unter einer grünen Kanzlerin zu erwarten - aber Studien wie diese bereiten den Boden für eine Politik, die grundsätzlich Wohlstand und Wachstum preiszugeben bereit ist, wenn dies ein tatsächlicher oder auch nur angenommener unmittelbarer Klimanotstand zu erfordern scheint. Insofern kann man die Corona-Krise bis zu einem gewissen Grad als Probelauf sehen, der zeigt, was alles möglich ist.

Es ist freilich eine extrem dystopische Welt, die da von der Böll-Stiftung entworfen wird. Ein Flug nur alle drei Jahre (ausgenommen werden natürlich, wie immer, die Herrschenden und ihre Umgebung sein) und eine Rationierung von Waschmaschinen und Toastern (mit den nämlichen Ausnahmen) - das ist eine Welt der erzwungenen Armut, des zur Tugend umgeschminkten Mangels und der permanenten Kontrolle. Da braucht es dann Klima-Blockwarte, die der Obrigkeit illegale Küchenmaschinen melden. Immerhin dürften die Studienautoren über etwas subtilen Humor verfügen, wenn sie meinen: "Wir beschreiben da eine Welt, wo die Leute vielleicht nicht mehr so viele Dinge zum Konsumieren haben, aber viel mehr Sicherheit und viel mehr Zeit, um ihr Leben zu genießen." Auf diese Art von Genuss können wir aber wohl eher verzichten.