Es ist so weit. Kultureinrichtungen können jetzt wieder ihren Betrieb wieder aufnehmen und Publikum im Rahmen von Live-Acts begrüßen. Für Künstlerinnen und Künstler ebenso wie für das Management endet damit eine schier unerträgliche lange Phase des Wartens. Die Hoffnung, damit wieder auf Normalbetrieb schalten zu können, ist groß. Und mit ihr scheint die Ahnung, dass es niemals wieder so sein wird wie vor dem März 2020, fürs Erste vergessen. In den langen Monaten des Lockdowns war viel von ungeduldigem Publikum die Rede, das unbedingt wieder seine geliebten Häuser besuchen wolle. Die Kultureinrichtungen haben sich auf die Wiederöffnung intensiv vorbereitet: Sie haben geplante Projekte umdisponiert, neue begonnen, weiter geplant, weiter geprobt. Und jetzt sitzen sie auf einem Berg an Programmangeboten, mit dem es gilt, den Wahrheitsbeweis anhand möglichst hoher Eintrittserlösen anzutreten.

- © stock.adobe.com / corradobarattaphotos
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Ein Blick auf die Verkaufszahlen zeigt, dass das Publikumsinteresse noch sehr überschaubar ist. Für die meisten der angebotenen Produktionen gibt es noch Karten; selbst prominent besetzte Premieren sind - trotz Corona-bedingt beschränktem Platzangebot - bisher nicht ausverkauft. Ein Grund mag darin liegen, dass viele, vor allem ältere Menschen der neuen Freiheit noch nicht trauen, sich in dieser Übergangszeit vor Ansteckung fürchten, Tests samt Überprüfung mühsam finden und sich keiner unnötigen Gefahr aussetzen wollen. Ein anderer Grund mag sein, dass die 15 Monate Lockdown doch nachhaltige Wirkungen auf das kulturelle Verhalten hatten; dass viele die Vorteile der digitalen Vermittlung in einem individuell gestalteten Ambiente erkannt haben und sich nicht mehr um jeden Preis den rigiden Regeln beim Besuch einer Kulturveranstaltung unterwerfen wollen.

Die Nachfrageseite wurde systematisch vernachlässigt

Michael Wimmer ist Gründer und Direktor des Forschungsinstituts Educult sowie an der Universität für angewandte Kunst, der Universität für Musik und darstellende Kunst und der Universität Wien tätig. Er war Mitglied der Expertenkommission des Unterrichtsministeriums zur Einführung der Neuen Mittelschule und hat auch den Europarat, die Unesco und die EU-Kommission beraten. - © Petra Rautenstrauch
Michael Wimmer ist Gründer und Direktor des Forschungsinstituts Educult sowie an der Universität für angewandte Kunst, der Universität für Musik und darstellende Kunst und der Universität Wien tätig. Er war Mitglied der Expertenkommission des Unterrichtsministeriums zur Einführung der Neuen Mittelschule und hat auch den Europarat, die Unesco und die EU-Kommission beraten. - © Petra Rautenstrauch

Noch entscheidender aber könnte sein, dass mit der Öffnung aller Kultureinrichtungen von einem Tag auf den anderen einfach ein Überangebot auf potenzielle Besucherinnen und Besucher hereinbricht, das ihre Bereitschaft zur Nutzung bei weitem übersteigt. War schon vor der Pandemie da und dort von einer "Überhitzung" des Sektors die Rede, spricht vieles dafür, dass ab 19. Mai die traditionelle Angebotsorientierung des Sektors noch einmal weiter unter Druck geraten wird.

Spätestens hier zeigen sich die negativen Auswirkungen einer Kulturpolitik, die sich ganz auf die Aufrechterhaltung ausgewählter Kulturinstitutionen und ihrer künstlerischen Angebote beschränkt hat. Die Nachfrageseite hingegen wurde systematisch vernachlässigt, mehr noch die Weiterentwicklung der geförderten Einrichtungen zu kulturellen Öffentlichkeiten, die die ganze gesellschaftliche Vielfalt widerzuspiegeln vermögen. Kein Wunder also, dass das durch die Pandemie erzwungene Ausbleiben des Publikums den Kulturbetrieb in besonderer Weise getroffen, ja viele Akteure in eine veritable Existenzkrise hat schlittern lassen.

Nachdem sich die Betroffenen unter dem Eindruck des Lockdowns zu verschiedentlichen Solidaritätsbekundungen zusammengefunden haben, steht jetzt zu befürchten, dass ein umso erbarmungsloserer Wettbewerb um öffentliche Ressourcen und Aufmerksamkeit einsetzen wird. Dies umso mehr, als bereits vor Ausbruch der Pandemie mehr als zwei Drittel der für den Betrieb nötigen Mittel auf den kompetitiven Kulturmärkten erwirtschaftet werden mussten (europaweit sind es 90 Prozent, so die Studie "Rebuilding Europe" von Ernst & Young), auf denen sich der Staat immer schwerer tut, wirksame komplementäre Maßnahmen zu setzen.

Konnten die staatlichen Unterstützungsmaßnahmen zur Sicherung des Sektors das Auseinanderdriften zwischen denen, die dank Kurzarbeit die Krise weitgehend unbeschadet überstanden haben, und denen, die sich in ihrer Existenz bedroht sahen, nur wenig beeinflussen, so spricht jetzt vieles dafür, dass die verschärften Wettbewerbsbedingungen einen weiteren Aderlass vor allem bei den freien, traditionell nur schwach abgesicherten Initiativen bewirken werden, sollte der Staat nicht massiv gegensteuern. Viele ihrer Betreiberinnen und Betreiber werden, ob sie wollen oder nicht, in andere Sektoren abwandern, vor allem dann, wenn ihr sozialer Background ihnen keine Sicherheit ihrer künstlerischen Existenz ermöglicht. Dies ist umso bedauerlicher, da gerade in diesem Sektor mutig (und nur zu oft an den eigenen finanziellen Interessen vorbei) neue innovative Settings und Formate entwickelt wurden, um neue Kommunikations- und Interaktionsformen mit dem Publikum zu erproben. Sie haben damit einen wesentlichen Beitrag zur vorsichtigen Reorientierung der Kulturpolitik weg von der Angebots- hin zur Nachfrageseite geleistet.

Schwächung oder Bereitschaft zur Solidarität

Das aber bedeutet, dass wir kulturpolitisch um die Frage nicht herumkommen werden, wie viele Kulturangebote sich ein wieder geöffnetes Österreich im sozialen, wirtschaftlichen und möglicherweise auch politischen Ausnahmezustand leisten will und kann. Keine theoretische Frage, wenn Kulturpolitik angesichts leerer Kassen und sinkenden Publikumsinteresses um Schwerpunktsetzungen nicht herumkommen wird. Ein erstes Indiz dafür könnte schon die nächste Runde der Aufnahmeprüfungen an den Kunstuniversitäten bieten, wenn sich potenzielle Studierende intensiver als bisher überlegen werden, worauf sie sich mit ihrem Berufswunsch angesichts eines schrumpfenden und dementsprechend heiß umkämpften Marktes einlassen.

Die verschärften Konkurrenzverhältnisse werden privilegierte Einzelkämpferinnen und Einzelkämpfer belohnen und damit den Zusammenhalt eines vielfach zersplitterten Sektors weiter schwächen. Das Gegenmittel heißt Politisierung des Kultursektors und damit die Bereitschaft zur Solidarität untereinander und darüber hinaus mit all jenen, die geschwächt aus der Krise gehen. Initiativen wie jene der Bundestheater, künftig verstärkt die Kooperation mit dem freien Bereich zu suchen oder sich als Teil eines wesentlich umfassenderen Non-Profit-Bereichs zur gemeinsamen Lösung brisanter gesellschaftlicher Probleme zu positionieren, weisen in die richtige Richtung.

Der Kulturpolitik stehen schwierige Zeiten bevor. Viele der Problemlagen reichen weit vor den Ausbruch der Pandemie zurück, haben sich aber durch den erzwungenen Stillstand weiter verschärft. Mehr denn je sind neue Entscheidungsstrukturen gefragt, die sich nicht in einer obrigkeitlichen Gewährenshaltung erschöpfen, sondern die Szene in Gestalt möglichst aller Beteiligten aktiv in die überfälligen Entscheidungsprozesse zugunsten einer Neuen Agenda für Kulturpolitik einbeziehen. Mit dem europäischen Symposium "Konfrontation statt Repräsentation", das am 20. Mai von der Universität für angewandte Kunst ausgerichtet wird, könnten begonnen werden, die Weichen neu zu stellen.

Info zum Symposium "Konfrontation statt Repräsentation":
www.dieangewandte.at/konfrontation_und_kooperation_statt_repraesentation