Zwangsräumungen von Palästinensergebieten sind nichts Neues. - © afp / Gali Tibbon
Zwangsräumungen von Palästinensergebieten sind nichts Neues. - © afp / Gali Tibbon

Dieser Text ist ein Versuch, durch ein dichtes Minenfeld zu manövrieren und für einen Frieden zwischen Israel und Palästina beizutragen. Wobei Schritte in Richtung Frieden momentan unerreichbar erscheinen. Ich bin in Damaskus aufgewachsen, und dort hat man Juden unsere Cousinen genannt. Ein Blick auf die Geschichte zeigt die fundamentalen Gemeinsamkeiten des Judentums und des Islams. Nicht nur religiös und geschichtlich, Israelis und Araber sind genetisch eng verwandt. Leider wird der Blick auf diese Gemeinsamkeiten aufgrund der unzähligen kriegerischen Auseinandersetzungen immer mehr verstellt.

Die Tatsache, als Araber über die Lage in Palästina und Israel zu schreiben, wird wahrscheinlich von vielen in ein parteiisches Licht gerückt, was die Objektivität erschwert. Weil ich mich bemühen möchte, diese Objektivität zu wahren, muss ich mir selbst meines arabischen Hintergrundes bewusst sein. Dies führt dazu, dass allein aufgrund der Sprachgleichheit die Konfrontation mit der palästinensischen Perspektive durch die Sozialen Medien und durch mein soziales Umfeld viel präsenter ist.

Seit Tagen beschäftigen mich die andauernd aufscheinenden Berichte, Fotos und Videos aus Israel und Palästina. Mir brennt der Atem, und ich fühle mich ohnmächtig. Die Unterdrückung von Palästinenserinnen und Palästinensern, die die unmenschliche Siedlungspolitik Israels erleiden und in Gaza unter schwerer Bombardierung standen, geht mir sehr nahe. Ebenfalls die Unterdrückung von Zivilisten in Israel angesichts der der lebensbedrohlichen Angriffe der Hamas. Aber auch die Unterdrückung von Jüdinnen und Juden in Österreich und Deutschland, die wieder einmal zur Zielscheibe von abscheulichem Antisemitismus geworden sind. Gleichzeitig bekomme ich viele Aufforderungen aus meinem Freundeskreis, Stellung zu den gewaltsamen Vorgängen zu beziehen, da ihre Perspektive im deutschsprachigen Raum medial überhaupt nicht vertreten sei.

Jad Turjman ist im Jahr 2014 aus Syrien nach Österreich geflüchtet. Er lebt und arbeitet als Schriftsteller und Stand-up-Comedian. - © privat
Jad Turjman ist im Jahr 2014 aus Syrien nach Österreich geflüchtet. Er lebt und arbeitet als Schriftsteller und Stand-up-Comedian. - © privat

Gefährliches Schweigen

Ich erlebe auch, dass sich viele Intellektuelle mit muslimischem und arabischem Hintergrund den Kopf zerbrechen, wie sie Stellung zu den Geschehnissen nehmen können, aber aus Angst, dass sie Privilegien oder Jobs verlieren könnten, nichts tun. Aber durch Schweigen gefährden wir unsere Demokratie. Die Politik des Staates Israel zu kritisieren, ist nicht antisemitisch. Wir müssen darüber reden. Die Auseinandersetzungen in Israel und Palästina gehören zu den kompliziertesten und komplexesten der Menschheit. Es gibt kaum einen Krieg, der eine dermaßen aufgeladene Intensität und Emotionalität über eine so lange Zeit hinweg entwickelt hat.

Was wir dringender denn je brauchen, ist ein Dialog, in dem alle Perspektiven gleichermaßen vertreten sind. Ausgenommen Antisemiten, die die Existenz von Israel in Frage stellen, Extremisten und Terroristen wie die Hamas oder radikale Siedler. Um die jüngsten Eskalationen in Jerusalem im Viertel Sheich Jarrah so objektiv wie möglich darzulegen, habe ich diesen Text gemeinsam mit der Integrationsforscherin Alina Knoflach von der Universität Salzburg geschrieben. Sie hat sich längere Zeit in Israel aufgehalten.

Zwangsräumungen von Palästinensergebieten sind nichts Neues. Vor allem seit der Gründung des Staates Israels 1948 folgte eine schrittweise ethnische Säuberung. Um nur ein Beispiel zu nennen, wurden im Jahr 2009 mehrere Dutzend Palästinenserinnen und Palästinenser aus ihren Häusern vertrieben, die sie im Jahr 1956 von jordanischen Verwaltern bekommen hatten, weil sie von anderen Teilen Jerusalems vertrieben worden wahren. Sie hatten dazu nie eine Besitzurkunde erhalten. Ein israelisches Gericht entschied, diese Häuser israelischen Siedlern zu überlassen.

Alina Knoflach ist Integrationforscherin an der Universität Salzburg. Sie studierte unter anderem "Arab-Israeli-Relations" an der Universität Haifa. - © privat
Alina Knoflach ist Integrationforscherin an der Universität Salzburg. Sie studierte unter anderem "Arab-Israeli-Relations" an der Universität Haifa. - © privat

Die Tatsache, dass die Palästinenserinnen und Palästinenser ohne jegliche Perspektive gezwungen sind, ihre Häuser zu verlassen, und damit zu Obdachlosen werden, macht sie zu Flüchtlingen in ihrer eigenen Heimat. Die Annahme, sie würden ihre Häuser freiwillig verlassen, obwohl sich noch persönliche Gegenstände darin befinden und Fotos an den Wänden hängen, ist keine Seltenheit.

Gewalt und Menschenrechte

Dies ist nur ein Aspekt eines vielschichtigen Konfliktes. Wir können immer noch einen Schritt weiter zurückgehen und die nie endende Ursachen-und-Wirkungs-Kette verfolgen. Die Schuldfrage wird uns hier nicht weiterbringen. Es sollte uns nicht beschäftigen, wer angefangen hat, sondern wer zuerst aufhört. Sicher ist, dass die Vorgehensweise der politischen Machthaber weiterhin nicht zu einem beidseitigen Frieden beitragen wird. Wer Macht hat, hat auch Verantwortung. Und Israels Armee gehört zu den stärksten der Welt. Die Ohnmacht gegenüber dem eigenen Leben und Schicksal kränkt, macht krank und führt oft zu unberechenbaren Folgen.

Um der Gewaltspirale und den Aggressionen entgegenzuwirken, bedarf es nicht einer Reduzierung der Gewalt, sondern einer Zusprechung von Menschenrechten. Es geht dabei nicht um mehr oder weniger als das, was jedem Menschen zusteht: die grundlegende Menschenwürde zu wahren, wie Zugang zu sauberem Wasser, eine Staatsbürgerschaft, das gleiche Recht auf Besitz und die Wahrung von persönlichem oder vererbtem Eigentum, Anerkennung des Menschseins mit einer genauso langen historischen Hintergrundgeschichte.

Wer möchte schon ein Leben lang in seine Heimat und in sein Zuhause investieren, um dann die Traumatisierung zu erleiden, daraus vertrieben zu werden? Diese Perspektive findet im deutschsprachigen Raum kaum Platz. Aber ohne sie miteinzubeziehen, werden wesentliche Schritte in Richtung Frieden verwehrt. Und ganz wichtig ist es, sich bewusst zu machen, dass das, was sich seit Jahren in Israel und Palästina abspielt, mittlerweile als Normalität wahrgenommen wird. Aber was in Israel und Palästina passiert, ist nicht normal.