Mehr als ein Jahr ist es her, dass das Coronavirus erstmals die Welt erschüttert hat. Eine solche Pandemie hat die moderne, integrierte Weltwirtschaft noch nicht erlebt. Dahinter verbergen sich vor allem menschliche Tragödien. Aber auch die wirtschaftlichen Folgen sind in ihrem Ausmaß einzigartig - ebenso die Wachstumschancen, die die staatlichen Gegenmaßnahmen eröffnet haben.

Jörg Zeuner ist Chefvolkswirt und Leiter Research & Investment Strategy bei Union Investment sowie Mitglied des Union Investment Committee. - © Union Investment
Jörg Zeuner ist Chefvolkswirt und Leiter Research & Investment Strategy bei Union Investment sowie Mitglied des Union Investment Committee. - © Union Investment

Die Kapitalmärkte haben auf die Pandemie reagiert. Die rasante Achterbahnfahrt an den Börsen ist Ausdruck des Schocks, einer wichtigen Erkenntnis im Sommer 2020 sowie einer bemerkenswerten Corona-Politik. Einem scharfen Einbruch folgten ein steiler Anstieg auf Rekordhochs an den Aktienmärkten und eine Abkehr von den absoluten Zinstiefs. Dieser Verlauf ist nicht zufällig. Er liegt in der Natur der Krise und der wirtschaftspolitischen Reaktion darauf begründet.

Wachstumsförderung als wirtschaftspolitisches Gebot

Corona ist eine Pandemie. Die Wirtschaftseinbußen resultierten aus der Sorge um Leben und Gesundheit der Menschen - entweder in Form von individueller Vorsicht oder durch das politisch verordnete Einfrieren von ökonomischer Aktivität. Gleichzeitig unterstützten Regierungen und Notenbanken die Wirtschaft in der ersten Lockdown-Phase mit beispiellosen Hilfen. Umsätze in den Unternehmen wurden (und werden) staatlich kompensiert, um Produktionskapazitäten zu erhalten. Kredite wurden aus demselben Grund staatlich garantiert, das Insolvenzrecht wurde gelockert. Haushaltseinkommen derjenigen, die nicht in Beschäftigung gehalten werden konnten, werden seither staatlich ausgeglichen.

Finanziert wurden die Maßnahmen durch die Aufnahme neuer Schulden am Kapitalmarkt, der über hochschnellende private Ersparnisse durchaus aufnahmefähig war, und von den Notenbanken. Das geschah zunächst ohne das Wissen um ein absehbares Ende der Pandemie. Es war also mehr in der Hoffnung auf Besserung begründet. Dennoch war es richtig, um Zeit zu gewinnen.

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Heute wissen wir, dass die Pandemie bald zu Ende gehen wird. Neu ist, dass auf die Schuldenaufnahme für die Krisenbewältigung nicht unmittelbar eine Sparpolitik der öffentlichen Haushalte folgen soll, mit sinkenden Haushaltsdefiziten sowie einer strafferen Geldpolitik. Im Gegenteil: Die USA machen es vor mit dem "American Rescue Plan" und mehr noch mit dem "American Jobs Plan". Die EU möchte mit dem Wiederaufbaufonds nachziehen. Die Politik setzt auf öffentlich finanziertes Wachstum. Das wird viele private Investitionen nach sich ziehen, bis die Arbeitsmärkte auch wirklich leergefegt sind. Die USA und die EU wollen nicht mehr nur neue Schulden aufnehmen, sondern die Wettbewerbsfähigkeit ihrer jeweiligen Wirtschaft stärken.

USA sind dabei, China als Wachstumsmotor abzulösen

Die großen Volkswirtschaften haben sich bereits 2020 in rasantem Tempo vom Corona-Schock erholt. Dabei blieb das Tempo abhängig vom Infektionsgeschehen. In den USA bremste eine schleppende Pandemiebekämpfung die Konjunktur zunächst deutlich ab. Erst mit dem Einsetzen der Impfkampagne mit "Warp Speed" konnten die USA ihre volle Dynamik entfalten. Wo - wie in China - eine erfolgreiche Eindämmung des Virus zusätzlich auf umfangreiche Staatshilfen traf, fiel der Aufschwung besonders dynamisch aus. China ist daher bereits heute das einzige Land, dass eine echte V-förmige Erholung vorweisen kann.

Die USA sind nun dabei, China als globaler Wachstumsmotor abzulösen, und werden noch heuer ihr Vorkrisen-BIP-Niveau erreichen - der "Rescue Plan" lässt grüßen. Europa hinkt etwas hinterher. Die Zeichen stehen aber gut, dass sich das chinesische und das US-Beispiel wiederholen werden. Das finale Urteil steht aber noch aus, da der Wiederaufbaufonds der EU erst noch an den Start gehen muss.

Derzeit ist der Turbozyklus - eine tiefe, schnelle Talfahrt der Konjunktur, gefolgt von einem raschen Wiederanstieg - also in vollem Gang. Die Früh- oder Erholungsphase wird sehr kurz ausfallen. Die staatlichen Hilfsprogramme, gepaart mit aufgestauter Nachfrage nach Konsum- und Investitionsgütern sowie günstigen Finanzierungsbedingungen, wirken wie ein Booster für die Weltwirtschaft. Zumal die Krisenursache erkannt und durch medizinischen Fortschritt weitgehend gebannt ist. Die entscheidende Frage ist aber: Was kommt dann?

Initialzündung für
einen Dauerboom

Im Unterschied zum vergangenen Zyklus, der lang und flach verlief, könnte uns nun ein langer und steiler(er) Konjunkturverlauf bevorstehen. Die Erholung kann also durchaus in einen überdurchschnittlichen Wachstumspfad münden. Denn: Der kurzfristigen Politik der Einkommenskompensation während der Krise folgt in allen drei großen Wirtschaftsräumen eine öffentlich getriebene Aufbau- und Investitionspolitik. Diese soll die Nachfrage nicht nur erhalten, sondern erhöhen.

Dieser Umschwung in der staatlichen Fiskalpolitik, der auf eine Stärkung der Wachstumskräfte setzt, kann zur Initialzündung für einen überdurchschnittlich langen, kräftigen und für die Kapitalmärkte positiven Konjunkturzyklus werden. Die Prognosen von Union Investment zum BIP der großen Wirtschaftsräume bis Ende nächsten Jahres stimmen optimistisch. Das gilt auch für die Kapitalmärkte:

Historische Anlagemuster laufen zu Beginn sehr schnell ab, vor allem Aktien erholen sich rasch.

In der Folgephase bleiben Aktien und Rohstoffe gut unterstützt.

An den Bond-Märkten kommt die Diskussion über die Richtung von Inflation und Geldpolitik schneller in Gang als nach anderen Krisen.

Langfristige Zinsen lösen sich schon jetzt von ihren Tiefs, bleiben aber niedrig.

Auf den Kapitalmärkten zahlt sich Abwarten nicht aus

Die Corona-Krise ist in der modernen Wirtschaftsgeschichte eines der einschneidendsten Ereignisse, was Schnelligkeit, Art, Ausbreitung und Bekämpfung angeht: Die Weltwirtschaft durchlebt einen Turbozyklus mit Aussicht auf nachhaltig höheres Wachstum. Das hat Auswirkungen auf die Kapitalmärkte. Für Anleger heißt das: Eine abwartende Haltung zahlt sich nicht aus, da ein Teil der Zuwächse - zum Beispiel an den Aktienmärkten - eher früh im Zyklus anfallen wird. Die Kurse könnten aber gut unterstützt sein. Gleichzeitig steigen die Zinsen nur langsam, vor allem am langen Ende.

Historische Beispiele sind in diesem Umfeld schlechte Ratgeber, denn die aktuelle Situation ist in vielerlei Hinsicht einzigartig. Die Welt nach Corona wird auch wegen der vielen strukturellen Brüche, die sich andeuten, eine andere sein als davor. Die Pandemie teilt die Märkte in strukturelle Gewinner und Verlierer. Diesen Effekt können Investoren für sich nutzen.