Als junger Mensch habe ich das Wort "anständig" häufiger gehört als jetzt im Alter. Selbst aus "anständig essen" ist "Iss wos G’scheit’s" in der Werbung geworden. Synonyme für "anständig" sind: glaubwürdig, wahrhaftig, aufrecht, fair, freimütig, loyal, offen, offenherzig, ohne falsch, lauter, rechtschaffen, unverhüllt, vertrauenswürdig, bieder, ehrlich, ordentlich, höflich, dem Anstand, der Vorschriften der Sitte entsprechend, gesittet, sittlich, sittsam, unbescholten, tugendhaft, angemessen, sorgfältig, dezent, gesinnt, ordentlich, korrekt, integer.

Manfried Welan ist Politik- und Rechtswissenschafter sowie Schriftsteller. Er war Verfassungs- und Verwaltungsjurist, Politologe, Lehrer für politische Bildung und ÖVP-Stadtrat in Wien. - © privat
Manfried Welan ist Politik- und Rechtswissenschafter sowie Schriftsteller. Er war Verfassungs- und Verwaltungsjurist, Politologe, Lehrer für politische Bildung und ÖVP-Stadtrat in Wien. - © privat

Als Student las ich von einer Rede, die Heinrich Himmler Anfang Oktober 1943 vor SS Offizieren gehalten hatte. Darin heißt es: "Ein Grundsatz muss für den SS-Mann absolut gelten: Ehrlich, anständig, treu und kameradschaftlich haben wir zu Angehörigen unseres eigenen Blutes zu sein und sonst zu niemandem." Die Vernichtung anderer Menschen wird als historische und natürliche Notwendigkeit bezeichnet. Und zur Ausrottung des jüdischen Volkes heißt es da: "Von euch werden die meisten wissen, was es heißt, wenn hundert Leichen beisammen liegen, wenn fünfhundert daliegen, oder wenn tausend daliegen. Dies durchgehalten zu haben und dabei - abgesehen von Ausnahmen menschlicher Schwächen - anständig geblieben zu sein, das hat uns hart gemacht und ist ein niemals geschriebenes und niemals zu schreibendes Ruhmesblatt unserer Geschichte."

45 Jahre später hörte ich auf dem Wiener Rathausplatz die Rede Viktor Frankls "In memoriam 1938". Darin sagte er: "Der Nationalsozialismus hat den Rassenwahn aufgebracht. In Wirklichkeit gibt es aber nur zwei Menschenrassen, nämlich die ‚Rasse‘ der anständigen Menschen und die ‚Rasse‘ der unanständigen Menschen. Und die ‚Rassentrennung’ verläuft quer durch alle Nationen und innerhalb jeder einzelnen Nation quer durch alle Parteien." Diese Rede hat sich mir ins Gedächtnis eingeschrieben.

In der Operette "Die lustige Witwe" kommt die Textzeile vor: "Ich bin eine anständige Frau." Baron Zeta liest diesen Satz auf dem Fächer Valenciennes, seiner Frau, unter der Liebeserklärung eines Verehrers. Lange Zeit war in meiner Familie davon die Rede, dass ich "etwas Anständiges" lernen sollte. Damit war nicht ein Studium gemeint, sondern ein Handwerk. Im Studium lernte ich, dass "anständig" ein unbestimmter Rechtsbegriff ist, der auslegungsbedürftig ist, und zwar nach Ordnungen etwa des Handels oder des Gewerbes oder der Familie. Das Lauterkeitsrecht bestimmt, dass verboten ist, was den "anständigen Gepflogenheiten" in Gewerbe oder Handel zuwiderläuft. Im Eherecht gibt es unter anderem die Pflicht zur "anständigen Begegnung".

Anlässlich des 60. Todestages von Ludwig Adamovich Senior publizierte die "Wiener Zeitung" am 22. September 2015 einen Gastbeitrag des damaligen Bundespräsidenten Heinz Fischer. Darin zitierte er die "Arbeiterzeitung" vom 30. April 1950, in der Adamovich als Konservativer demokratischer Gesinnung bezeichnet wird, der sich wegen seines hervorragenden Wissens allgemeiner Wertschätzung erfreue. Es gibt keinen Grund, das heute anders zu sehen, kein Geringerer als Hans Kelsen nannte Adamovich Senior - der sein Wissen und seine Freude an exakter rechtswissenschaftlicher Tätigkeit auch an seinen Sohn Ludwig Adamovich Junior weitergegeben hat - einen "anständigen Menschen". Eine solche Äußerung hat ihren Wert und ihre Gültigkeit bis heute nicht verloren. Wahrscheinlich hätte mein Vater Adamovich sogar als "hoch anständigen Menschen" bezeichnet. Denn diese Qualifikation teilte er ähnlichen Menschen zu.