Den Gewerkschaften wird manchmal vorgeworfen, vor allem die bestehenden Arbeitsplätze schützen zu wollen. Das sei schlecht, denn die Wirtschaft verlange Wandel. Manchmal ist diese Kritik an den Gewerkschaften nicht ganz unberechtigt. Sie vertreten eben die Interessen der jetzt beschäftigten Arbeitskräfte. Sie sind nicht die Planungsbehörde des wirtschaftlichen Fortschritts, und sie beanspruchen auch nicht, es zu sein. Die Arbeitskräfte, die durch wirtschaftlichen Wandel möglicherweise einen besseren Arbeitsplatz finden werden, sind keine in einer Gewerkschaft organisierte Gruppe.

Peter Rosner war a.o Professor am Institut für Volkswirtschaftslehre an der Universität Wien (Buchtipp: "Reden wir über Ökonomie", Verlag Metropolis). - © www.orange-foto.at
Peter Rosner war a.o Professor am Institut für Volkswirtschaftslehre an der Universität Wien (Buchtipp: "Reden wir über Ökonomie", Verlag Metropolis). - © www.orange-foto.at

Wie ist das mit den Wirtschaftskammern? Welche Interessen vertreten sie? Jene der Wirtschaft, die für Wohl und Wehe aller zuständig ist? Das ist ein emphatischer, aber doch abstrakter Begriff von Wirtschaft. Sie kann nicht Mitglied einer Kammer oder eines anderen Interessenverbands sein, etwa der Industriellenvereinigung. Deren Mitglieder sind Unternehmen, nämlich jetzt bestehende Unternehmen. Das ist keine Fehlkonstruktion, es entspricht der Logik von Interessenverbänden.

Es ist sicher legitim, dass sich die staatlichen Institutionen der Politikgestaltung um die von den Wirtschaftsverbänden vertretenen Interessen kümmern, also um die Probleme der jetzt bestehenden Unternehmen und der jetzt vorhanden Arbeitsplätze.

Aber das ist nicht die Wirtschaft im emphatischen Sinn dieses Wortes. Das wurde deutlich bei der Stellungnahme der Wirtschaftskammer Österreich (WKÖ) zur angekündigten Grünen Wende. Darin wird davor gewarnt, sich damit zu beeilen. Das schade der Wirtschaft, wurde von der WKÖ betont.

Es stimmt, für viele Unternehmen wird diese Wende große Schwierigkeiten bringen. Aber für andere Unternehmen eröffnet die Umorientierung gute Chancen. Das Fliegen soll reduziert werden. Das wird die Fluggesellschaften treffen und auch die Zulieferer der Produktion von Flugzeugen, etwa die Firma FACC in Ried. Aber die Eisenbahnverbindungen sollen ausgebaut werden. Auch diese werden von Unternehmen gebaut, und sie haben Zulieferer. Der Umstieg auf Elektroautos wird der österreichischen Zulieferindustrie sicher Probleme bringen, ebenso den Tankstellen und den Reparaturbetrieben. Es gibt auch Wirtschaftszweige, die vom Klimawandel negativ betroffen sein werden. Für den Wintertourismus in den niedriger gelegenen Regionen besteht große Gefahr, wenn es zu warm für weiße Pisten geworden ist. Was das bedeutet, konnte man im vergangenen Winter sehen.

Es ist verständlich und auch nicht verwerflich, dass die WKÖ sich für diese Unternehmen einsetzt. Sie vertritt eben die jetzt bestehenden Betriebe, so wie die Gewerkschaften sich für die jetzt beschäftigten Arbeitskräfte einsetzen. Aber für die Wirtschaft im Sinne von Wohl und Wehe für uns alle kann weder die WKÖ noch die Industriellenvereinigung sprechen. Der Klimawandel verlangt einen wirtschaftlichen Wandel. Der schadet manchen Unternehmen und eröffnet für andere Chancen. Die Interessen der gegenwärtigen Mitglieder sind nicht einheitlich.