Zahlen allein zählen nicht. Man braucht auch den Hausverstand. Das ist der vorläufige Schlusspunkt eines argumentativen Schlagabtausches innerhalb der Regierungskoalition, der mit der Meinung des Gesundheitsministers startete, Lockerungen vom Lockdown müssten auf der Basis von Daten und Fakten vollzogen werden. Diese Kontroverse ist nicht untypisch für viele politische Entscheidungen und verleitet zu einem Nachdenken, woher die Daten und Fakten kommen, und wer den sogenannten Hausverstand formt.

Stefan Schleicher ist Professor am Wegener Center für Klima und globalen Wandel an der Karl-Franzens-Universität Graz.
Stefan Schleicher ist Professor am Wegener Center für Klima und globalen Wandel an der Karl-Franzens-Universität Graz.

Was die Fundierung von Daten und Fakten zur Covid-19-Pandemie in Österreich anbelangt, so taucht ein überraschendes Phänomen auf: Nicht die offizielle AGES, die Österreichische Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit, scheint dafür die beste Quelle zu sein, sondern private Initiativen, wie jene des Statistik-Professors Erich Neuwirth. Seine Website (covidanalysen.at) ist zu einem One-Stop-Shop für Daten und Fakten zur Pandemie in Österreich und der Welt geworden. Er repräsentiert Aktivitäten der Zivilgesellschaft, die eigentlich Aufgaben der öffentlichen Verwaltung wären.

Was prägt aber den Hausverstand? Wenn schon die Daten und Fakten nicht leicht zugänglich sind, dann werden es vielleicht die Experten sein, die diese aufbereiten und kommunizieren. Aber auch hier ist Vorsicht angebracht. Zu erinnern ist an die österreichische Praxis, Experten bestimmten politischen Positionen zuzuordnen, sichtbar etwa in der Beauftragung von Gutachten oder in der Nominierung für Hearings im Parlament. Wann sind somit Experten "gute" Experten und wie steht es mit der meist abwertenden Einschätzung von "selbsternannten" Experten? Das Rammbock-Argument, einfach den Hausverstand walten zu lassen, scheint aber sogar den Umweg über Experten zu meiden.

Dieser beobachtete Lockdown-Lockerungsstreit offeriert durchaus Lektionen für die Kursbestimmung der Wirtschaftspolitik. Auch hier ist zu fragen, wo welche Daten und Fakten zu finden sind und wie diese kommuniziert werden. Die naheliegenden Antworten, dafür die Webseiten von Statistik Austria oder der Wirtschaftsforschungsinstitute aufzusuchen, führt zu Erfahrung, dass das zumindest kein niederschwelliger Eintritt ist.

Zusätzlich wird aber noch ein anderes Problem sichtbar: Werden wirklich die relevanten Indikatoren der Wirtschaft gemessen und angesprochen? Wo wird in den verlautbarten Werten beispielsweise sichtbar, dass die Covid-19-Krise viele Familien in den Ruin treibt, weil ein Einkommen weggebrochen ist, oder der Erwerb von Wohnungseigentum wegen der bei Realitäten explodierenden Inflationsraten zu einer Illusion wird?

Riskant wird jedoch im Bereich der Wirtschaft die Argumentation mit dem Hausverstand. Legendär ist die Angela Merkel zugeordnete politische Metapher der nicht über ihre Verhältnisse lebenden schwäbischen Hausfrau. Mit diesem Bild wurden viele öffentlichen Budgets in Mitgliedsstaaten der Europäischen Union unterfüttert und in Sackgassen geführt. Nicht erst mit Covid-19 entstand die Einsicht, dass der öffentliche Sektor ganz neue Aufgaben der Zukunftssicherung wahrzunehmen hat und dass dafür auch innovative Finanzierungskonzepte zu entwickeln sind.