Wer sich um einen Job in einem der vielen Spitäler, Pflegeheime oder anderen medizinischen Einrichtungen der Stadt Wien bewirbt, benötigt seit Ende Mai einen Corona-Impfnachweis. Ohne diesen braucht man nicht einmal daran zu denken, einen der rund 30.000 Arbeitsplätze im Gesundheitsverbund Wien zu ergattern. Wien hat, ohne allzu viel Aufsehen, damit die Impfpflicht im Gesundheitsbereich eingeführt, und zwar nicht nur für all jene, die direkt mit Patienten Kontakt haben, sondern auch für die gesamte Verwaltung bis hin zum Reinigungspersonal.

Dies ist eine delikate, aber letzten Endes richtige Entscheidung des städtischen Gesundheitsmanagements, der sich andere Bundesländer bald anschließen werden.

Delikat ist sie, weil ein De-facto-Impfzwang natürlich immer ein gewisser Eingriff in die Freiheitsrechte des Einzelnen ist; ganz besonders im Falle eines Arbeitgebers wie diesem, der im Raum Wien eine monopolartige Dominanz hat. Ein Problem, das nicht dadurch entschärft wird, dass gerade im Gesundheitsbereich viele junge Frauen Berufseinsteiger sind, bei denen die Risiko/
Nutzen-Abwägung der Corona-Impfung unter Umständen nicht so eindeutig ausfallen wird wie bei 60-jährigen Primarärzten mit häufigem Patientenkontakt.

Und delikat ist der Impfzwang im Gesundheitsverbund Wien schließlich auch, weil alle bestehenden Dienstverhältnisse davon nicht betroffen sind - der junge Pfleger, der seit einem Jahr in einem der Krankenhäuser Dienst macht, muss sich auch weiterhin nicht impfen lassen; offenkundig aus rechtlichen Erwägungen der Stadt. Das heißt: Ein Patient oder Heimbewohner wird auch künftig nicht sicher sein können, ob er gerade von einer Geimpften oder einem Ungeimpften betreut wird.

Trotz all dieser Einwände und Problematiken ist es unter dem Strich richtig, dass sich Wien zu dieser Lösung entschlossen hat. Denn das Recht hunderttausender Kranker, teils naturgemäß in kritischer Verfassung, sich nicht auch noch dem Risiko aussetzen zu müssen, von medizinischem Personal mit Covid infiziert zu werden, wiegt einfach schwerer als das allfällige Recht von Berufsanfängern, ohne Impfung zu arbeiten. Schon allein deshalb, weil dies ja für eine ganze Reihe anderer Impfungen schon seit Jahren genauso geregelt ist, ohne dass dies beanstandet worden wäre. So sind seit 2017 Impfungen gegen Diphtherie, Masern, Mumps, Röteln und Hepatitis B für alle vorgeschrieben, die einen Job im Wiener Gesundheitsverbund antreten wollen, und das aus gutem Grund. Auch diese Impfungen sind bekanntlich gelegentlich mit unerquicklichen Nebenwirkungen verbunden, und trotzdem gibt es keinen vernünftigen Grund, deshalb von der Impfpflicht abzusehen.

Dass es noch vor einem halben Jahr gerade unter den Pflegekräften eine erhebliche Impfskepsis gegeben hat, wird der Impfbereitschaft in der Bevölkerung nicht gerade genützt haben. Wenn der größte medizinische Arbeitgeber des Landes in dieser Sache nun klare Pflöcke einschlägt, ist das ein notwendiger und sinnvoller Beitrag zur Lösung dieses Problems.