In seinem jüngsten Gastkommentar riet Christian Ortner: "Statt um die Lufttemperatur im Jahr 2051 sollte sich die EZB lieber um die Inflation kümmern." Klar, Journalisten müssen Dinge zuzuspitzen. Wir wollen dennoch hier die Fakten etwas zurechtrücken. Gleich vorweg können wir die Leserinnen und Leser beruhigen: Das Euro-System bleibt "primär der Stabilität des Geldwertes verpflichtet". Grundlage dafür ist Artikel 127(1) des Vertrages über die Arbeitsweise der Europäischen Union (AEUV).

Andreas Breitenfellner ist Lead Economist in der Auslandsanalyseabteilung der Oesterreichischen Nationalbank. Davor war er in der EU-Kommission in Brüssel sowie in der österreichischen OECD-Vertretung in Paris tätig. - © OeNB
Andreas Breitenfellner ist Lead Economist in der Auslandsanalyseabteilung der Oesterreichischen Nationalbank. Davor war er in der EU-Kommission in Brüssel sowie in der österreichischen OECD-Vertretung in Paris tätig. - © OeNB

Der Klimawandel betrifft allerdings selbstverständlich nicht nur den Anstieg der Lufttemperatur, sondern bringt auch weitreichende ökonomische und gesellschaftliche Herausforderungen mit sich. Deshalb widmet sich das Euro-System (EZB und nationale Zentralbanken) in seiner aktuellen Überprüfung der geldpolitischen Strategie auch der Klimafrage als einem unter 13 Themen, neben Digitalisierung, Globalisierung, Produktivitätswachstum, Beschäftigung und eben auch Inflation.

Thomas Zörner ist Assistenzprofessor für Makroökonomie an der Wirtschaftsuniversität Wien (WU) und in der Abteilung für die Analyse wirtschaftlicher Entwicklungen im Ausland der Oesterreichischen Nationalbank tätig. Er hat unter anderem als Consultant für die Vereinten Nationen (UNIDO) gearbeitet und war Gastforscher an der Masaryk Universität in Brünn. - © OeNB
Thomas Zörner ist Assistenzprofessor für Makroökonomie an der Wirtschaftsuniversität Wien (WU) und in der Abteilung für die Analyse wirtschaftlicher Entwicklungen im Ausland der Oesterreichischen Nationalbank tätig. Er hat unter anderem als Consultant für die Vereinten Nationen (UNIDO) gearbeitet und war Gastforscher an der Masaryk Universität in Brünn. - © OeNB

Der Klimawandel kann nämlich sehr wohl Auswirkungen auf die Preisstabilität zeigen. Einerseits können geänderte Umweltbedingungen sowie häufigere Extremwetterphänomene wie Dürren oder Überschwemmungen die Nahrungsmittelproduktion, den Kapitalstock und die Produktivität ganzer Industriezweige beeinträchtigen. Das wiederum ließe stärkere Preisschwankungen oder eine generelle Erhöhung des Preisniveaus erwarten. Andererseits ist die Klimapolitik ein Faktor sogenannter Transformationsrisiken: Eine Stop-and-go-Klimapolitik macht es für Wirtschaftstreibende schwer, ihre Investitionen zu planen, was wachstumsdämpfend wirkt.

Der Klimawandel ist selbstverständlich auch für die EZB ein relevantes Thema. - © apa / dpa / Boris Rössler
Der Klimawandel ist selbstverständlich auch für die EZB ein relevantes Thema. - © apa / dpa / Boris Rössler

Natürlich ist es unklar, wann solche Ereignisse eintreten werden. Deshalb ist es notwendig, die möglichen Auswirkungen auf die Preisniveaustabilität über den üblichen mittelfristigen Horizont hinaus zu analysieren. Die EZB ist aber nicht so "naiv", eine exakte Prognose bis zur Mitte des Jahrhunderts erstellen zu können. Sie bedient sich vielmehr der Szenarioanalyse, die nur eine Idee von "Was wäre, wenn . . ." gibt. Wie schnell es jedoch gehen kann, dafür ist der derzeitige (und vermutlich nur vorübergehende) pandemiebedingte Inflationsanstieg ein gutes Beispiel. Man denke nur an die ausgefallene Halbleiterproduktion in Taiwan aufgrund anhaltender Dürre.

Negative Auswirkungen auf die Finanzmarktstabilität

Der Klimawandel kann zudem negative Auswirkungen auf die Finanzmarktstabilität haben, die ebenfalls unter Beobachtung von Zentralbanken und anderen Finanzaufsichtsorganen steht. Da die Finanzmärkte die Risiken extremer Klimaphänomene und abrupter Klimaschutzmaßnahmen derzeit nur unzureichend eingepreist haben, besteht die Möglichkeit einer destabilisierenden Wirkung starker Kursschwankungen oder unerwarteter Pleiten. Im Zuge dessen könnten nicht zuletzt das Euro-System und damit auch die Steuerzahlerinnen und Steuerzahler Verluste erleiden.

Es ist manchmal schwer, bei einem so generationsübergreifend existenziellen Thema einen ruhigen Kopf zu behalten, hier sind Notenbankerinnen und Notenbanker nicht ausgenommen. Die extreme Unsicherheit langfristiger Klimaszenarien lässt weder Pessimisten noch Optimisten eindeutig widerlegen. Der Irrtum auf der einen Seite hätte jedoch ungleich katastrophalere Konsequenzen als auf der anderen. Deshalb gilt hier das Vorsorgeprinzip anzuwenden.

OeNB-Gouverneur Robert Holzmann hat im Übrigen in der "Wiener Zeitung" bereits bemerkt, dass die EZB beim Klimaschutz nicht im Fahrersitz ist. Dort sitzen eigentlich die Fachministerinnen und Fachminster. Ökonominnen und Ökonomen bevorzugen grundsätzlich eine Bepreisung von Treibhausgasemissionen, weil diese beim ursprünglichen Problem mangelnder Kostenwahrheit ansetzt. Vorausschauend umgesetzt, lässt sie den Wirtschaftsakteuren Technologiefreiheit und Planungssicherheit.

Corona hat gezeigt, wie wichtig es ist, Risiken mit geringer Wahrscheinlichkeit - in der Finanzwelt "Schwarze Schwäne" - nicht zu ignorieren. Dies gilt umso mehr für eine Entwicklung, die prinzipiell absehbar und für eine Institution wie die OeNB relevant ist. Ob und in welchem Ausmaß, wird gerade ausgelotet. Für den sehenden Auges auf uns zuschwimmenden "Grünen Schwan" rüsten sich die Notenbanken jedenfalls.