Der einstige Pisa-Musterschüler Finnland wird aktuell für sein digitalgestütztes Distanzlernen gelobt. Warum gelingt dort Innovation? Hierzulande kaum bekannte Fakten geben den Ausschlag. Finnland hat nur zwei föderale Ebenen: den Bund und die Kommunen. Bundesländer und bremsende Bund-Länder-Mischbehörden (Bildungsdirektionen) oder Bezirksbehörden gibt es nicht. Der finnische "Traditionsrucksack" ist weit leichter als unserer, den wir seit einem Vierteljahrtausend mit Ballast füllen - Finnland tut dies erst seit dem Ende des 19. Jahrhunderts.

Ernst Smole war Berater der Bildungsminister Fred Sinowatz, Herbert Moritz und Helmut Zilk. Er koordiniert den "Unterrichts:Sozial:Arbeits- und Strukturplan für Österreich 2015 - 2030" (www.ifkbw-nhf.at). - © privat
Ernst Smole war Berater der Bildungsminister Fred Sinowatz, Herbert Moritz und Helmut Zilk. Er koordiniert den "Unterrichts:Sozial:Arbeits- und Strukturplan für Österreich 2015 - 2030" (www.ifkbw-nhf.at). - © privat

Finnland-Erfahrene erleben dort subjektiv eine von halbjähriger Düsternis mitgeprägte Mentalität. In Skandinavien pflegen die Menschen dem Staat gegenüber einen liberalen Umgang mit persönlichen Daten, elektronische Gesundheitsakte etwa lösen dort keine Debatten aus. Auch das transparente (!) Testen der Leistungen von Schülern, Schulen und Lehrern ist - anders als bei uns - in Finnland möglich. Die finnische Datenfreigiebigkeit ist darin begründet, dass dem Staat mehr Vertrauen entgegengebracht wird, und das hat historische Gründe. Nicht geringzuschätzen ist das Faktum, dass protestantisch/lutherisch/calvinistisch geprägte Gesellschaften mitunter Innovation gegenüber sehr aufgeschlossen sind und den Leistungsgedanken und das private Unternehmertum positiver bewerten als Kulturräume mit anderer konfessioneller Prägung. In Finnland ist Verantwortung oft weit "einzelpersonenzentrierter" als bei uns. Wer dort zum Lehramtsstudium zugelassen wird, entscheidet in der Regel eine einzige kompetente Person, die ein Maximum an Vertrauen genießt.

Finnen meinen, dass sie eher evidenzgeleitet agieren als entlang großer Emotionen. Daher bringt Finnland Evidenzen auch problemlos in die Schulen. Das Faktum, dass Kinder von Kindern am besten lernen, ist in Finnlands Schulpraxis systemprägend. Bei uns provoziert diese Erkenntnis immer noch ungläubiges Staunen. Beispielhaft war Finnlands "Reparaturstil" bei der Behebung des Fachkräftemangels, der sich durch die starke Akademisierung als Nebenwirkung der eher geistig/abstrakt ausgerichteten Schulbildung eingestellt hatte. Temporär konnte Finnland seinen Bedarf an Fachkräften nur mit Personal aus Russland decken. Man ging rasch dazu über, alle üblicherweise geistigen Lernvorgänge mit haptischen Elementen zu bereichern - durch bezug- und damit sinngebende Bewegungen, einfache Papierfaltarbeiten oder interessenindividuelle kleine Werkstücke aus leicht verfügbaren Materialien. Und siehe da, dieses einen Motivationsturbo darstellende verknüpfende Lernen hat die Arbeitskräfteproblematik merkbar entspannt.

Wir sollten Finnland nacheifern - doch wir müssen uns aller tief liegender Gelingensbedingungen bewusst werden. Jüngst beantwortete uns das finnische Bildungsministerium eine Anfrage binnen rekordverdächtiger elf Minuten. Wie das? Nun, Finnlands Schulverwaltung ist im Vergleich zur österreichischen knapp dimensioniert, Zuständigkeiten und Verantwortlichkeiten sind klar positioniert. Das garantiert kurze Wege und rasches Handeln.