Längst schon haben wir verlernt, uns für die Interessen der Gemeinschaft hintanzustellen, geschweige denn, unser Glück darin zu finden. Längst schon haben wir verlernt, sachlich zu streiten, statt zu denunzieren. Längst schon haben wir verschmäht, dass uns der Freund seine Wahrheit nicht schuldig bleibt. Und wir sind auf dem besten Weg, Demokratie zu verspielen.

Auch der pädagogische Diskurs wird im Keim erstickt. Als emsig-weltoffene Dogmatiker stehen wir auf Förderklassen oder lieben Inklusion, sind für Strenge oder Liebe, für demokratisch oder autoritär. Wir glauben an den Wert des Frontalen oder plädieren für Freiheit, frönen dem Digitalen oder mögen es analog. Vermeintliche Antinomien fesseln unsere Köpfe in die eine Richtung oder eben in die andere. Der Feind ist der, der (anders) denkt.

Andrea Vanek-Gullner ist Volks- und Sonderschullehrerin in Wien. - © EVAPIX
Andrea Vanek-Gullner ist Volks- und Sonderschullehrerin in Wien. - © EVAPIX

Aus Angst vor Erkenntnis schreien wir uns lautstark ins Recht, jonglieren mit Begriffen, bejahen emsig alles menschlich-demokratisch Anmutende. Überfordert durch die Freiheit, bleiben wir brav in der Spur: Hier fühlen wir uns safe - und verkennen, dass wir ohne moralischen Kompass zu blökenden Schafen mutieren.

Es sind die Paradigmen missverstandener, zu Willkür entarteter emanzipatorischer Pädagogik, die uns am meisten gefährden - vor sich hin wuchernd in mächtigen Formen "demokratischer Erziehung" - erkennbar an fehlendem Sinn für die Notwendigkeit richtig verstandener Disziplin. Und letztlich spürbar in der mangelnden Bereitschaft jedes und jeder Einzelnen, die Vernunft über die eigene Lust zu erheben (um Platon zu bemühen). Was fehlt, ist die Landkarte der eigenen Seele, die uns niemand vorzeichnen kann. Was fehlt, ist die Freude an der Bindung der eigenen Freiheit an das Gewissen. Hier, in diesen Lücken, stecken sie fest, die Wurzeln des Bösen.

Wie es nun weitergeht? Wir wissen es nicht. Und doch: Er ist schon zu hören, der lockende Ruf der besseren Welt - der Ruf nach einer noch besseren Schule. Nach jenem bunten, visionären Miteinander, das jede und jeden Einzelnen zum Malen der Landkarte der eigenen Seele einlädt - und Erziehung zur Demokratie zum höchsten Prinzip erhebt.

Erziehung 4.0: Die neuen Lehrpersonen

Die neuen Lehrpersonen nutzen die Arbeit mit Regeln und Konsequenzen für Erziehung zur Mündigkeit. Sie glauben an die Vernunft und den Dialog, setzen auf Begründen, Argumentieren, kritischen Geist - und schenken die Möglichkeit, zu verstehen.

Konkret: Die Klasse erarbeitet Regeln für die Klassengemeinschaft und die Arbeitsphasen. Dabei steht zunächst das konkrete Erleben im Vordergrund: Während der Stunde tanzen ein paar Kinder und Lehrer auf dem Tisch, während andere ihre Aufgaben erledigen. Später versuchen alle gemeinsam, konzentriert zu arbeiten. Das laute Denken über das Erlebte mündet nach der Abstimmung gegebenenfalls im Festhalten der Regel: Während der Arbeitsphasen bemühen wir uns um Stille.

Klar ist: Auch diejenigen, die gegen eine Regel gestimmt haben, haben sich an die beschlossene Regel zu halten; dies darf jedoch den kritischen Geist der Kinder, den Diskurs und die Frage nach richtig oder falsch niemals außer Kraft setzen.

Die Notwendigkeit legitimer Konsequenzen

Wodurch sind Konsequenzen mit Achtung vor dem Menschen vereinbar? Wodurch wird eine Konsequenz als Notwendigkeit zur Wahrung der Gruppeninteressen statt als persönlicher Angriff empfunden? Wodurch kann verhindert werden, dass Konsequenzen Erziehung zur Mündigkeit konterkarieren? Wodurch stehen Konsequenzen vielleicht gar im Dienst der Erziehung zur Mündigkeit? An den Antworten darauf entscheidet sich, ob Konsequenzen pädagogisch verantwortbar sind oder nicht - und die Gemeinschaft fördern oder zerstören.

Klar ist: Vor dem Hintergrund der Erziehung zur Mündigkeit müssen Konsequenzen im Schulalltag hinterfragbar, kritisierbar und in ihrer (prinzipiellen) Notwendigkeit verstehbar gemacht werden; daher sind sie im Regelfall gemeinsam mit den Kids zu erarbeiten und stehen in nachvollziehbarem Zusammenhang mit etwaigen Vergehen. Um zu gewährleisten, dass sie nicht als persönlicher Angriff empfunden werden, haben vereinbarte Konsequenzen grundsätzlich für jede und jeden Einzelnen zu gelten.

Konkret werden im Gespräch mit den Kindern Konsequenzen entwickelt, die breiten Konsens finden (ausgenommen sind Situationen, in denen Gefahr im Verzug zu raschem Handeln verpflichtet). Der Ausgangspunkt ist folgende Frage: Wie können wir einander helfen, uns an die Regeln zu halten und mit den anderen an einem Strang zu ziehen - vor allem dann, wenn es schwerfällt?

Wichtig ist Folgendes: Nahezu jede in Frage kommende Konsequenz ist Fluch oder Segen (man denke zum Beispiel an Time-outs), und eine Beurteilung ihrer pädagogischen Legitimation bedarf differenzierter Betrachtung. Die Verantwortbarkeit einer Konsequenz im Rahmen erziehenden Unterrichts braucht klaren Verzicht auf Machtmissbrauch und die Demut der Lehrperson vor der zu fördernden Mündigkeit der Heranwachsenden.

Dabei ist klar, dass einer Konsequenz die endgültige Bejahung hinsichtlich ihrer Bedeutung für Erziehung zur Mündigkeit erst in der Erübrigung ihrer selbst durch gewonnene Einsicht zugesprochen werden kann. Daher sind im Schulalltag Konsequenzen immer aufs Engste mit dem Dialog zu verflechten - der natürlich nicht immer sofort und im Augenblick möglich ist.

Hohes Ziel: Moralität

Das Ziel unseres erziehenden Unterrichts sollte stets sein, dass Jugendliche unabhängig von der Beaufsichtigung durch Erwachsene oder von etwaigen Konsequenzen "das Richtige" tun: Ausgehend von der gemeinsamen Beantwortung der Frage: "Wann ist es richtig, eine unserer Arbeitsphasenregeln auch einmal zu brechen?", wird das gute Miteinander zunehmend der Eigenverantwortung der Schüler übergeben.

Die Überforderung durch die Freiheit verlangt ein klares Bekenntnis zu Erziehung zur Demokratie, die mit "demokratischer Erziehung" wenig gemein hat. Zweitere entartet zu Willkür und blinder Bejahung des Zeitgeistes, Erstere will eigenverantwortliche Bindung an Werte und Normen - und letztlich Moralität als Krone der Mündigkeit. Es gilt, das Kind in der sensiblen Balance zwischen Disziplinierung und Erleben der persönlichen Freiheit im Sinne Immanuel Kants auf diesen Weg zu führen. Die grundsätzliche Gewöhnung an tugendhaftes Verhalten durch im Dialog erarbeiteten Regeln und Konsequenzen ermöglicht das gemeinsame Erahnen der Ästhetik des Guten.

Es ist unser pädagogischer Auftrag, auch im Gespräch ein Bewusstsein zu schaffen - und das Kind zu Einsicht und letztlich Mündigkeit zu begleiten. Oder individualpsychologisch konnotiert: Die Kinder sollen in erziehendem Unterricht spüren dürfen, dass sich das Zurückstellen der subjektiven Interessen für das Gemeinwohl echt cool anfühlen kann. So cool, dass sie letztlich eigenverantwortlich das Gute wählen.