Das erste Mal bin ich nach Österreich mit dem Schiff angereist. Damals war mir noch nicht bewusst, wie ungewöhnlich das ist. Ich war zwölf und hatte noch nicht viel Auslandserfahrung. Als wir im Sommer 1978 in Bregenz von einem Ausflugsdampfer an Land gingen, zeigten wir unsere Ausweise und wechselten Mark in Schilling - exotisch, unvergesslich.

Ralf Beste ist seit September 2019 deutscher Botschafter in Österreich. Davor war der studierte Historiker als Journalist tätig, unter anderem für die "Berliner Zeitung" und den "Spiegel". - © Deutsche Botschaft Wien
Ralf Beste ist seit September 2019 deutscher Botschafter in Österreich. Davor war der studierte Historiker als Journalist tätig, unter anderem für die "Berliner Zeitung" und den "Spiegel". - © Deutsche Botschaft Wien

Daran musste ich denken, als ich vorige Woche von Wien auf dem Landweg nach Bregenz reiste. Die Anreise schien mir wieder ungewöhnlich, nämlich weitgehend durch Deutschland. Für den schnellsten Weg zog das Auto auf der Karte eine bemerkenswerte Flugbahn: Zuerst ging es ab Linz bis Deggendorf aufwärts, danach erst sachte und im Allgäu immer steiler bergab, bis man fast in den Bodensee plumpste. Wieder wurde mir erst langsam klar, wo ich eigentlich war, nämlich in einer Art "Außerösterreich". Wie soll ich es sonst deuten, dass Vorarlberger den Rest des Landes gerne mal "Innerösterreich" nennen?

Der Stolz, mit dem in Österreich die Menschen die Besonderheit ihrer Bundesländer betonen, beeindruckt mich immer wieder. Aber nirgends erschien mir diese Eigenständigkeit so selbstverständlich wie hier: die Sprache kantig, die Menschen zurückhaltend, die Unternehmen familiengeführt. Man ist offen in die Welt, aber im Osten stehen halt die Bergmassive vom Arlberg bis zum Piz Buin. Seitdem ich Arlbergpass und Bieler Höhe mit dem Rad erklommen habe, kann ich das etwas nachvollziehen.

Die Distanz zwischen "the west and the rest", wenn ich mal auf Englisch reimen darf, wird übrigens auf beiden Seiten ähnlich beschrieben. Ganz beiläufig erzählt man in Wien, dass rein geografisch die Ukraine so nah sei wie der Bodensee. In Bregenz dagegen erfuhr ich, nach Paris sei es in etwa so weit wie nach Wien. Wir können auch anders, soll das wohl heißen.

Mich als Deutschen erinnerte Vorarlberg an Baden-Württemberg. Zwar sind die Bayern mit dem hübschen Bodenseehafen Lindau die eigentlichen Nachbarn, doch die Schwaben sind hier wohl noch ein bisschen beliebter. Und irgendwo auf dem Seegrund findet sich auch eine direkte Grenze zu Baden-Württemberg. Was für eine gute Nachbarschaft spricht: Der Verlauf dieser Seegrenze ist unklar, das stört aber wenige. Hoffentlich bleibt es dabei, solange ich Botschafter bin.

Statt "Außerösterreich" scheint mir der Spitzname "Ländle" also der passendere zu sein. "Wir können alles, außer Hochdeutsch" - damit wirbt Baden-Württemberg seit Jahrzehnten. In Vorarlberg kann man alles, außer Wienerisch. Passt.