Derzeit läuft wieder eine Debatte zum Umgang mit dem christlich-sozialen Wiener Bürgermeister Karl Lueger (1897 bis 1910) beziehungsweise mit seinem Denkmal. Die einen sind für die Entfernung von Luegers Statue vom nach ihm benannten Platz und für dessen Umbenennung in einem öffentlichen Prozess im Rahmen der Positionierung gegen Antisemitismus. Andere, etwa aus Politik und Geschichtswissenschaft, plädieren im selben Rahmen gegen eine Entfernung der Statue und für Kontextualisierungen.

Gabu Heindl ist Architektin und Stadtplanerin, unter anderem mit Fokus auf Geschichtspolitik im öffentlichen Raum. - © privat
Gabu Heindl ist Architektin und Stadtplanerin, unter anderem mit Fokus auf Geschichtspolitik im öffentlichen Raum. - © privat

Zwei (informelle) Meinungsgruppen also - allerdings einig darüber, dass Lueger ein Akteur von politischem Antisemitismus war und dies ein wesentlicher Bestandteil der historischen Figur ist. Das erübrigt Fragen wie: "War er ein echter Antisemit, oder hat er den Hass nur instrumentalisiert?" Es geht nicht um Herzensschau an einer Privatperson, sondern um öffentliches politisches Handeln mit (Nach-)Wirkungen.

Drehli Robnik ist Theoretiker, Essayist und Kritiker mit den Forschungsschwerpunkten Politik und Geschichte. - © privat
Drehli Robnik ist Theoretiker, Essayist und Kritiker mit den Forschungsschwerpunkten Politik und Geschichte. - © privat

Weiters besteht Einigkeit im Engagement gegen Antisemitismus und für ein demokratisches Geschichtsverständnis. Und über den Handlungsbedarf in Sachen Lueger-Denkmal. Vor diesem Hintergrund werden einige Argumente gegen dessen Entfernung als wiederkehrende Standardmotive vorgebracht. Umso mehr Grund, ihre innere Logik und ihren demokratischen Sinn zu prüfen.

- © WZ / Moritz Ziegler
© WZ / Moritz Ziegler

So heißt es etwa, Lueger war doch nicht der einzige Antisemit Wiens. Zweifellos. Aber - so ist zu hoffen! - der einzige, der als Spitzenpolitiker durch eine Zentralplatz-Benennung plus Statue geehrt wird. Nun setzt ja jede Kritik an einem bestimmten Punkt an, und Lueger ist nicht irgendein Punkt. Wenn es aber heißt, ihn könne man erst angehen, wenn etliche andere Antisemitismus-belastete Orte aufgelistet und durchgeklärt sind, dann erinnert das an ein bewährtes Mittel zum endlosen Aufschieben eines Anfangs, der das Terrain der Auseinandersetzung verändern und an dessen Setzungscharakter ein Folgeprojekt anknüpfen könnte. Aber gut: Es gab Schlimmere, heißt es. Und: Wenn er vom Sockel muss, müssen das ja viele. Ja, genau diesem Gedanken sollten wir nähertreten - am (derzeit noch) Lueger-Platz.

Geschichte ist nicht Vergangenheit

Weiters heißt es, die Statue zu entfernen, bedeute Geschichte "auszulöschen", käme gar einer "Cancel-Culture" nahe (ein Begriff, der kooptiert wurde zum Gottseibeiuns-Wort hegemonialer Gruppen gegenüber minoritärem Protest, der ihnen ein wenig an Definitionshoheit nehmen könnte). Dem Geschichtslöschungsvorwurf lässt sich entgegnen: Geschichte ist nicht Vergangenheit. Sie ist ein Verhältnis zur Vergangenheit, nicht deren Fortsetzung. Die Geschichte von Wien ist in Ausverhandlung, durch Auseinandersetzung mit seiner Vergangenheit in der Gegenwart. Der Geschichtslöschungsvorwurf läuft auf eine Verpflichtung hinaus, Vergangenheiten zu kontinuieren: in diesem Fall die Würdigungsagenden der Erinnerungskultur jener Zeit von 1926, aus der Lueger-Denkmal und Lueger-Platz stammen.

Der Löschungsvorwurf wird auch stadtästhetisch formuliert: Das Denkmal zu entfernen wäre Teil einer Verdrängung der "schmutzigen" Geschichte Wiens, zugunsten einer "antiseptischen" Stadt. Nach dieser Logik droht Wien die Antiseptik. Selbst wenn - zu deren Verhinderung eignet sich die fortgesetzte Ehrung eines Propagandisten von Antisemitismus kaum. In diesem Kontext heißt es auch, ohne Lueger-Statue lasse sich Leuten, die die Stadt besuchen, deren Antisemitismus-Geschichte schlecht vermitteln. War also die Rückbenennung des Rathausplatzes 1945 geschichtsvermittlungsstrategisch gesehen ein Fehler? Aber wenn es beim Argument "Vermittlung braucht Denkmal" um taugliche Mittel in der Auseinandersetzung mit Antisemitismus geht: Können wir uns mit etwas nur dann kritisch auseinandersetzen, wenn es einen Würdigungsort hat? Wohlgemerkt: Ein solcher, nicht ein Memorial, ist Luegers Denkmal.

Gegen ein Zuviel an Auseinandersetzung richtet sich die Mahnung, die Statuen-Entfernung spalte die Gesellschaft. Das heißt aber letztlich: Sie provoziert Identitäre und Gruppen, die Antisemitismus bagatellisieren. Aber genau deren Agenda setzt sich durch, wenn etwas unterlassen wird, weil es ihnen missfällt. Seltsam auch, dass es immer die Rechten sind, deren Gefühl, attackiert zu werden, Rücksichtnahme gebietet; was ist mit jenen, die sich durch die Ehrung eines Antisemiten attackiert fühlen?

Aber bitte: Luegers Leistungen für Wien! Ebenso gewiss wird das Andenken der vielen, die an der Errichtung von Wiens zweiter Hochquellenleitung mitwirkten, demokratischere Formen öffentlicher Würdigung finden. Es wird auch angemahnt, statt Lueger zu "entsorgen", doch den Antisemitismus der Gegenwart zu konfrontieren. Letzteres: Unbedingt! Es wird hier jedoch unterstellt, wer für Luegers Entfernung votiere, glaube, damit sei alles erledigt, und unterschätze jüngere Formen von Antisemitismus. Lässt sich der Kampf gegen diesen besser führen, wenn Lueger an seinem Platz bleibt?

Ganz grundsätzlich ist schließlich der Hinweis, eine Entfernung der Statue würde der Ambivalenz der Geschichte, ihren Grautönen, nicht gerecht. Nun, Ambivalenz ist mehr als ein nobles Wort für Unentschiedenheit; sie ist eine Errungenschaft und als solche ihrerseits selbst ambivalent, kein Universalgrundsatz. Es gibt Kontexte, da tut statt Ambivalenz strikte Positionierung not. Antisemitismus ist ein solcher. Außerdem: Nach 95 Jahren Ehrung bedarf es schon der Statuenentfernung und Platzumbenennung, damit ein Hauch von Ambivalenz entsteht.