In der "Wiener Zeitung" wurden zuletzt in mehreren Gastkommentaren die verschiedenen Wurzeln des Antisemitismus analysiert - die immer wieder tradierten religiösen, wirtschaftlichen, nationalistischen und zuletzt rassistischen Vorurteile gegen Jüdinnen und Juden. Der Antisemitismus hat in Österreich Tradition - von milden bis zu gewaltsamen Formen. Dazu traten in jüngster Zeit aggressive Töne gegen den Staat Israel. Auch wenn größere antisemitische Manifestationen in Österreich Gott sei Dank ausbleiben, kommt es doch immer wieder zu Schmieraktionen oder verbalen Entgleisungen.

Im Gastkommentar vom 4. Mai wurde unter dem Titel "Erinnerungsmängel" die These aufgestellt, dass nur ein aktives Engagements der Katholischen Kirche eine grundlegende Gesinnungsänderung bewirken könne. Leider gibt es diesbezüglich keine Anzeichen - der jüngste Hirtenbrief der Erzdiözese Wien wurde im Jahr 2015 veröffentlicht und befasste sich mit rein organisatorischen Fragen. Um das Schweigen der Kirche zu brechen und eine Diskussion über die Überwindung aller Formen rassistischer Vorurteile zu initiieren, wurde das folgende fiktive (!) Hirtenwort verfasst.

Peter Diem (Jahrgang 1937) studierte Jus und Dolmetsch in Wien sowie Politikwissenschaft in den USA. Er war Leiter der Grundlagenforschung der ÖVP, Leiter der Medienforschung im ORF und Online-Forscher bei GfK. Sein aktuelles Hauptarbeitsgebiet ist die Symbolforschung. - © privat
Peter Diem (Jahrgang 1937) studierte Jus und Dolmetsch in Wien sowie Politikwissenschaft in den USA. Er war Leiter der Grundlagenforschung der ÖVP, Leiter der Medienforschung im ORF und Online-Forscher bei GfK. Sein aktuelles Hauptarbeitsgebiet ist die Symbolforschung. - © privat

Liebe Mitbrüder und Ordensangehörige, liebe Schwestern und Brüder im Herrn,

Der Friede sei mit Euch!

Die österreichischen Bischöfe verfolgen mit großer Sorge die in jüngster Zeit häufiger auftretenden Fälle von Antisemitismus. Feindschaft gegen Juden und Jüdinnen - egal ob aus religiösen, wirtschaftlichen, nationalen oder rassistischen Motiven - ist ein Vergehen gegen den Geist des Evangeliums. Sie ist ein schwerer Frevel, den wir mit aller Kraft überwinden müssen. Das ist nicht leicht, aber wir müssen uns dieser Aufgabe stellen.

Wir Katholiken müssen zunächst unser Gewissen erforschen und eine "Reinigung des eigenen Gedächtnisses" vollziehen. Die Führung unserer Kirche hat schwere Schuld auf sich geladen - seit den ersten Jahrhunderten nach der Geburt von Jesus von Nazareth bis in die jüngste Vergangenheit.

Das Christentum entfaltete sich aus dem Judentum. Dieser Ursprung wurde vergessen, ja verleugnet. Es entwickelten sich verschiedene Formen einer christlichen Judenfeindschaft. Anknüpfungspunkt war die Auffassung, dass Judas Iskariot seinen Meister "verraten" habe und die Juden "Gottesmörder" wären.

Prominente Kirchenväter begannen die Juden zu diskreditieren:

Ambrosius von Mailand (339 bis 397) fragte: "Soll dem Unglauben der Juden ein Platz geschaffen werden auf Kosten der Kirche?"

Johannes von Antiochia (349 bis 407) meinte, der Mord an Christus sei ein schlimmeres Verbrechen als Kindesmord.

Augustinus von Hippo (354 bis 430) beschuldigte die Juden des "Gottesmordes" und bezeichnete sie als "triefäugige Schar" und "aufgerührten Schmutz".

Agobard von Lyon (769 bis 840) hielt judenfeindliche Predigten und versuchte, den Kaiser von der Sündhaftigkeit der Judenbegünstigung zu überzeugen.

Der mittelalterlichen Kirche dienten die Juden als willkommenes Feindbild. Die Vernichtung jüdischer Siedlungen durch christliche Kreuzfahrer, Zwangstaufen und die Stigmatisierung der Verfemten mit dem spitzen "Judenhut" und dem gelben "Judenfleck" waren die Folge. Der Name "Judas" wurde zum Schimpfnamen; "Judaskuss" und "Judaslohn" wurden zu stehenden Redewendungen. Das alles hatte langfristige Auswirkungen.

Auch in unserer Heimat wütete die mittelalterliche, von der Kirche mitverantwortete oder mindestens geduldete Judenfeindschaft. Im Mai 1420 ließ der streng katholische Habsburgerherzog Albrecht V. sämtliche Juden Wiens gefangen nehmen. Die Ärmeren, etwa 800, wurden auf Booten ausgesetzt und mussten die Donau abwärts treiben. Die wohlhabenderen Juden blieben in Haft. Am 12. März 1421 kam es zu einer Massenhinrichtung auf der sogenannten Gänseweide - ungefähr dort, wo heute das Hundertwasserhaus steht. 120 jüdische Frauen und 92 jüdische Männer wurden in einem mörderischen Massenspektakel verbrannt.

Auch an anderen Orten Österreichs gab es Judenvertreibungen - von einer Intervention der Kirche gegen diese Schandtaten ist nichts bekannt. Johannes Capistranus (1386 bis 1456), Ordensbruder der Franziskaner und 1690 heiliggesprochen, ist in Österreich kein Unbekannter. Mehrere Pfarren und Straßen sind heute nach ihm benannt. Er setzte sich vehement für die oben beschriebene "Judentracht" ein. Nach Vorwürfen der Hostienschändung wurden am 2. Mai 1453 in Breslau 318 Juden inhaftiert und gefoltert. 41 von ihnen ließ Capistranus auf dem Scheiterhaufen verbrennen. Die übrigen wurden vertrieben, ihre Kinder mussten sie zurücklassen; sie wurden zwangsgetauft.

Das "Anderl von Rinn": Nach einer Ritualmordlegende wurde Andreas Oxner, ein dreijähriger Bub aus Rinn bei Innsbruck, angeblich an durchreisende Juden verkauft und von diesen geschächtet. Daraus entwickelte sich ein irrationaler Kult, der 1753 von der römischen Ritenkongregation approbiert wurde. Er wurde erst 1989 vom Innsbrucker Diözesanbischof Reinhold Stecher beendet.

Im Spanien des ausgehenden Mittelalters wütete die Inquisition unter den vielfach zwangsgetauften Juden. Sie wurden "marranos" (Schweine) genannt und beim Verdacht, heimlich ihrem alten Glauben anzuhängen, öffentlich verbrannt. Am 31. März 1492 erließen die katholischen Könige das "Alhambra-Edikt", das die Vertreibung der Juden aus Spanien innerhalb von vier Monaten anordnete. Wer sich nicht taufen ließ, musste das Land verlassen. So traten rund 100.000 sephardische Juden die Reise ins Ungewisse an. Das "Alhambra-Edikt" wurde erst 1992 durch den spanischen König Juan Carlos I. außer Kraft gesetzt.

Aus heutiger Sicht unvorstellbar sind die Hasstiraden und Gewaltaufrufe des ehemaligen Augustinermönchs Martin Luther (1483 bis 1546) gegen die "frevelhaften Gottesmörder, Brunnenvergifter und Kindesmörder", die man notfalls "wie die tollen Hunde" verjagen müsse (1543).

Im Österreich des 19. Jahrhunderts entwickelte sich vor allem durch das Wirken von Georg Schönerer (1842 bis 1921) ein deutschnational geprägter Antisemitismus. Leider begleitete der österreichische Klerus diese Bewegung durch eine religiös begründete Judenfeindschaft bis 1933. Führende Vertreter waren der Theologe und päpstliche Hausprälat Sebastian Brunner (1814 bis 1893) und der Pfarrer von Wien-Weinhaus, Joseph Deckert (1843 bis 1901), der die Juden des Ritualmords und der Weltverschwörung beschuldigte. 1920 forderte Prälat Ignaz Seipel (1876 bis 1932) einen Numerus Clausus für Juden im höheren Bildungswesen.

1925 veröffentlichte Adolf Hitler das Buch "Mein Kampf". Es wurde trotz seiner rassistischen Inhalte nicht in den bis 1965 bestehenden "Index der verbotenen Bücher" aufgenommen. Am 27. März 1938 wurde die "Feierliche Erklärung der österreichischen Bischöfe", bei der Volksabstimmung am 10. April über den "Anschluss" an Deutschland zu stimmen, in allen Kirchen von den Kanzeln verkündet. Sie endete mit den Worten: "Wir erwarten von allen gläubigen Christen, dass sie wissen, was sie ihrem Volk schuldig sind."

Erst 1958 ließ Johannes XXIII. die Formulierung von den "treulosen Juden" ("perfidis judaeis") aus der Karfreitagsliturgie streichen. In "Nostra Aetate" (1965) beklagte das Zweite Vatikanische Konzil "alle Manifestationen des Antisemitismus, die sich zu irgendeiner Zeit und von irgendjemandem gegen die Juden gerichtet haben".

Die österreichischen Bischöfe nehmen diese Worte zum Anlass, sich für alle antisemitischen Aussagen ihrer Vorgänger zu entschuldigen. Wir bereuen alle Unterlassungen, die dazu beitrugen, dem jüdischen Volk auch in Österreich Schaden zuzufügen. Gleichzeitig anerkennen wir die Verdienste aller, die nicht damit einverstanden waren, wenn Juden gedemütigt wurden, oder die Widerstand gegen das NS-Regime geleistet haben wie Irene Harand und andere, die damals keinen Rückhalt durch die kirchlich Verantwortlichen erhielten.

Doch Worten müssen Taten folgen. Tiefsitzende tradierte Vorurteile sind zu überwinden. Denn: "die Wahrheit wird euch befreien." (Joh 8,32) Die katholischen Bischöfe sind bereit, die führende Rolle in der Bekämpfung der Reste von Judenfeindschaft und Antisemitismus in Österreich zu übernehmen. Aus diesem Grunde ordnen wir an:

Dieses Hirtenwort trägt den Titel "Wir sind Geschwister" und ist in allen Pfarren am kommenden Sonntag zu verlesen.

Bis Ende Oktober sind in allen Pfarren drei Predigten zu jenen Stellen der Evangelien zu halten, in denen Jesus - aus der Tora schöpfend - zu Nächstenliebe und universeller Geschwisterlichkeit aufruft.

Im kommenden Herbst ist in allen Pfarren ein außerordentlicher Pfarrgemeinderat zum Thema "Von der Judenfeindschaft zum Dialog" abzuhalten - mit Grundsatzreferaten von Theologen, Historikern und Psychologen. Dazu ist mit dem Koordinierungsausschuss für christlich-jüdische Zusammenarbeit Kontakt aufzunehmen. Wenn möglich, sollen jüdische Mitbürger zum freundschaftlichen Dialog eingeladen werden.

Die Bischofskonferenz wird bis September auf ihrer Homepage ausreichendes Material zum Thema "Wir sind Geschwister" bereitstellen, das von den Pfarren auf ihre Websites und in ihre Sozialen Medien übernommen werden soll.

Die Bischöfe werden diese Kampagne publizistisch unterstützen, denn der "Dialog und die Freundschaft mit den Kindern Israels gehören zum Leben der Jünger Jesu" (Enzyklika "Evangelii Gaudium", 248).

Möge der Hauch Gottes unser Denken von allem Bösen befreien und das Feuer der Liebe in unseren Herzen entzünden!

Mit Segensgruß

Die österreichischen Bischöfe