"Auf halben Wegen zu halber Tat mit halben Mitteln zauderhaft zu streben" - diese inoffizielle "Bundeshymne" stammt von Franz Grillparzer. Grundgelegt wurde diese "halbe" Haltung von Kaiser Joseph II., dessen Reformstil die ihm eigene Ungeduld prägte: unrealistische Zeithorizonte, das Ignorieren wichtiger Player, Ressourcenmangel, Strafen bei Reformverweigerung. So hat ängstliche, reformskeptische und misstrauische Bürger herangezüchtet. Metternich, Zwischenkriegszeit und Nationalsozialismus haben diese Haltung verstärkt.

Ernst Smole war Berater der Bildungsminister Fred Sinowatz, Herbert Moritz und Helmut Zilk. Er koordiniert den "Unterrichts:Sozial:Arbeits- und Strukturplan für Österreich 2015 - 2030" (www.ifkbw-nhf.at). - © privat
Ernst Smole war Berater der Bildungsminister Fred Sinowatz, Herbert Moritz und Helmut Zilk. Er koordiniert den "Unterrichts:Sozial:Arbeits- und Strukturplan für Österreich 2015 - 2030" (www.ifkbw-nhf.at). - © privat

Der "eilige" Joseph II., wollte das von ihm als zögerlich empfundene Reformieren seiner Mutter Maria Theresia hinter sich lassen. Doch ihr Vorgehen anlässlich der ersten Großreform der Schulgeschichte, der Einführung der Unterrichtspflicht 1774, war beispielgebend. Entgegen der heutigen Reformpraxis wurden Inhalte, Strukturen und Ressourcen plangeleitet aufeinander abgestimmt, bereitgestellt und verwirklicht. Im Gegensatz zu heute gab es einen klar erkennbaren Verantwortlichen, der allerhöchste Unterstützung genoss - den vom feindlichen Preußen abgeworbenen Schulpraktiker Johann Ignaz von Felbiger.

- © getty / Frederick Florin
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Und heute? Nach den "medaillenbefreiten" Olympischen Sommerspielen 2012 wurde die "tägliche Turnstunde" gesetzlich verankert - wegen Ressourcenmangels ist sie bloß in der Schulwirklichkeit nie flächendeckend angekommen. Es gab auch einen Konsens, die Herabsetzung des aktiven Wahlalters und das Unterrichtsfach "Politische Bildung" aus guten Gründen zeitgleich einzuführen. Das Wahlalter wurde gesenkt, die "Politische Bildung" gibt es in der geplanten Form bis heute nicht. "Halb, halb", frei nach Grillparzer.

Auch die Vorsilbe "Mega" hat Hochkonjunktur: Unser kleinstaatliches Schulsystem nennt sich megakompliziert, eine Megastiftung pumpt Millionen in "Leuchtturm"-Schulen, die dank föderalem Korsett kaum "ausstrahlen". Gar wird Corona als Megachance" gelobt. Wirklich "mega" ist die umfassende Digitalisierung des Unterrichts. Das Ziel? "Die optimale, von Menschen geleitete und verantwortete (!) Zusammenarbeit des Kollegen Mensch und des Kollegen PC", wie es so schön heißt. In diesem Punkt besteht umfassender Konsens - das macht Hoffnung.

Der PC ist dem Speichermedium Gehirn um Lichtjahre überlegen. Doch das Lernen von Computer und Künstlicher Intelligenz ist keines im Sinne des menschlichen Lernens, dessen Ziel letztlich stets der Erkenntnisgewinn ist. Maßgeblich für diesen ist neben Wissen die Intuition, die dem PC fehlt. Das Grunddefizit alles Digitalen ist seine Unfähigkeit zur Abstraktion. Diese bleibt ein Monopol des Menschen - wir eignen sie uns durch Lesen, Schreiben und Rechnen an - und zwar ohne anstrengungsvermeidende Digitalgeräte. Diese Grundlage der Intuition ist gefährdet - der Grad der Lese-, Schreib- und Rechendefizite vieler Pflichtschulabgänger und Maturanten ist erschreckend. Zu oft geht der Digitalunterricht zu Lasten der unverzichtbaren Grundkompetenzen. Planvoller Digitalunterricht kann die Grundkompetenzen jedoch stärken.

Lehrer-Schüler-Schieflage

Erstmals in der Menschheitsgeschichte ist eine große Zahl von Schülern in einem zentralen Bereich - nämlich dem Digitalen - vielen Lehrenden überlegen. Diese Schieflage bringt Reibungsverluste im Unterricht mit sich. Dadurch ist die Digitalisierung heute oft ein den Unterricht behindernder Faktor. Die Wirksamkeit der Digitalisierung ist fächer- und lehrer- und geräteabhängig. Das Digitalkönnen der Lehrer reicht von Spitzenleistungen bis zur Totalverweigerung.

Das rasche, den Unterrichtsfluss nicht beeinträchtigende Beheben einfacher technischer Probleme muss eine Kernkompetenz aller (!) Pädagogen werden. Dies sollte bei der Pädagogenbildung neben der Beziehungsarbeit - dem Sichern einer unterrichtsfähigen, störungsfreien Klassensituation - ein Schwerpunkt sein. Beziehungsarbeit sichert ein Verhalten aller - auch der Lehrer -, das andere nicht beeinträchtigt; es geht um positiv verstandene Disziplin.

Die Durchdigitalisierung braucht Breitbandanschlüsse und Hochleistungsnetze inklusive WLAN - auch an entlegenen Orten. Fehlt dies, so gleicht eine mit besten Endgeräten ausgestattete Schule den im Landesinneren gelegenen, nach der Wende 1989 als Konjunkturmotoren errichteten ostdeutschen Hochseehäfen, die von Frachtschiffen nicht erreicht werden können, weil die Fahrrinnen einfach zu schmal und zu seicht sind.

Unumgänglich sind die im angloamerikanisch/ostasiatischen Raum üblichen, mit hochqualifizierten Technikern besetzten EDV-Werkstätten direkt an den Schulen. Diese leisten im Interesse eines nicht durch Pannen gestörten Unterrichts die Wartungs- und Reparaturarbeiten. Im Interesse rascher Erledigung müssen sich diese Werkstätten direkt in den Schulen befinden. Campusstrukturen begünstigen die Effizienz. Für sehr kleine Schulen sichern lokale Lösungen, dass Reparaturarbeiten nicht die Lehrer belasten. Solche Werkstätten schaffen tausende krisensichere Jobs und wirken befruchtend auf den teils sträflich vernachlässigten Werkunterricht. Sie müssen bei allen Planungs- und Beschaffungsvorgängen mitgedacht werden, denn nie wird eine von Kindern genutzte Digitaltechnik durchgehend pannenfrei funktionieren.

Die Digitalisierung darf nicht zur "Türtaferlreform" werden, wie dies bei der Reform von Hauptschule und Neuer Mittelschule (NMS) oder bei der "Bildungsreform 2017" passiert ist. Letztere hat intentionswidrig gar eine Steigerung der Systemkomplexität gebracht.

Die große Herausforderung beim großen Digitalisierungsprojekt sind also die Beschaffungsvorgänge. Jene Branchen, in denen es um Milliardengewinne geht - Glücksspiel, Fußball, Finanzwesen, Kommunikation -, sind oft in Korruptionsskandale verwickelt. Angesichts des Ankaufs von insgesamt 350.000 digitalen Endgeräten und einer nicht absehbaren Zahl zusätzlicher Apparaturen und Dienstleistungen sollten vorsorglich die Alarmglocken läuten. Das Projekt "Schuldigitalisierung" muss ohne Untersuchungsausschüsse und ohne weiteren Vertrauensverlust in Politik, Schule und Demokratie funktionieren.

Auf die Lehrer hören

Lobbyisten sind auch bei der Schuldigitalisierung tätig. Sie werden in zwei Ausprägungen auftreten: Einerseits jene, die die Interessen der Bieterfirmen vertreten - sie versprechen meist sehr viel, liefern mitunter aber nicht in vereinbarter Qualität und Menge (siehe Impfproblematik). Die zweite Art von Lobbyisten findet sich in den Schulen selbst - es sind jene Lehrer, die sich seit Jahrzehnten (!) ohne "amtlichen Arbeitsauftrag", aber mit umso mehr Einsatz an Freizeit und Privatgeld mit der Frage auseinandersetzen, wie die Digitalisierung das Lehren und Lernen optimieren, die Schulfreude aller und den Nutzen der Schule steigern kann. Kraft ihrer persönlichen Stärke gelingt es ihnen, autonom - also eigenverantwortlich - handelnd, beispielhafte digitale Unterrichtsmodelle in einzelne Klassen zu bringen. Diese Pädagogen sind vierfach am Puls der Zeit: digitaltechnisch, theoretisch/pädagogisch/didaktisch, ethisch und vor allem schulpraktisch. Auf sie muss man hören.

Hauptberufliche Firmenvertreter werden gefragt und gehört - es ist ihr Arbeitsauftrag, die Produkte ihrer Auftraggeber als die besten darzustellen. Sie verfügen über die nötigen Kontakte und kennen alle offiziellen und geheimen Wege, über die sich etwas bewegen lässt. Sie verfügen ausreichend über Zeit, Finanzmittel und sind oft am Gewinn beteiligt. Den Experten aus den Schulen fehlt all dies. Lehrer, die sich in ihrer beruflichen Funktion medial zu Problemfragen äußern, geraten aus dienstrechtlichen Gründen rasch mit der Schulobrigkeit in Konflikt. Dies ist einer der unwürdigsten Aspekte unseres Schulwesens. Das Rezept dagegen: eine akkurate, klare und knappe Bundesgesetzgebung, eine hilfreich kontrollierte Rundumautonomie an den Schulen und statt der dysfunktionalen, hybriden Bildungsdirektionen hilfreiche Servicestellen ohne Behördenfunktion auf Länderebene.

Wenig geglückte Projekte wie das digitale "Kaufhaus Österreich" zeigen, dass in der öffentlichen Verwaltung nicht immer die Fähigsten zum Zug kommen und auch Strukturprobleme optimale Lösungen vereiteln. Ging es beim "Kaufhaus Österreich" um Steuermittel und Kammerbeiträge, so ist das beherrschende Thema bei der Schuldigitalisierung der Nutzen für mehr als eine Million junger Menschen, die unsere Zukunft sind. Hier nicht mit äußerster Akribie vorzugehen, wäre fahrlässig.

Das "digitale Schulhaus"

Es muss vermieden werden, was bei Renovierungen und Schulneubauten die Norm ist: Lehrer verfolgen die Planungs- und Umbauphasen in ihren Schulen - und versichern einander, dass sie das Vorhaben kritisch sehen. Tatsächlich beeinträchtigen die befürchteten Mängel den Unterricht. Die Standardreaktion der Lehrer? "Uns fragt ja niemand!" Gleiches droht bei der digitalen Ausstattung. "Wer wartet, bis er von der Bildungspolitik gefragt wird, stirbt ungefragt." Diese Erkenntnis eines Ministers ist brandaktuell. Lehrpersonen muss es ermöglicht werden, sich dienstrechtskonform, vernehmbar und wirkmächtig zu Problemfragen zu äußern, und Politik und Verwaltung müssen offensiv fragend auf die Experten aus den Schulen zugehen. Hier gilt es für Entscheidungsträger, der eigenen Intuition vertrauend die richtigen Gesprächs- und Kooperationspartner zu finden.

Um Grillparzers "Halb, halb" zu vermeiden, braucht es zur pannen-, korruptions-, ärger- und demotivationsfreien Verwirklichung der Schuldigitalisierung viererlei:

ein ausgeprägtes Bewusstsein aller für die Summe der Gelingens- und Misslingensbedingungen des Megaprojekts "Schuldigitalisierung";
einen stringenten, Flexibilität ermöglichenden Gesamtplan, der alle nötigen Schritte umfasst und darstellt;
eine realistische Prognose hinsichtlich der Gesamtkosten und deren gesicherte Bereitstellung;
ein durchdachtes Konzept, in welcher Reihenfolge die Schritte zur Errichtung des "digitalen Schulhauses" zu setzen sind.

Die Fundamente des optimalen "digitalen Schulhauses" sind der politische Wille zu diesem Megaprojekt, Breitbandanschlüsse und ordentliches WLAN überall. Das Dach steht für die dank der gelungenen Digitalisierung neu hinzugewonnenen Lehr- und Lernfreude aller, die von der Schule betroffen und von ihr abhängig sind. Dies klingt nach einem Wunschtraum - doch er kann durch bestes plangeleitetes, aber auch flexibilitätssensibles Zusammenwirken aller Beteiligten Wirklichkeit werden. Aber das Nachdenken darüber, in welcher Unterrichtssituation der analoge, der digitale oder ein kombinierter Weg der für die Schüler nutzbringendste ist, kann dem einzelnen Lehrer niemand abnehmen - nicht die Schulbehörde und schon gar nicht der Computer.