"It’s all over now" tönte es vor 18 Jahren von der Wiener Donauinsel. Falco hatte gerade sein legendäres Konzert beendet und gleichzeitig seine Live-Tournee abgeschlossen. Auch Covid-19 scheint in Österreich beendet. Gestern sind wieder weitreichende Lockerungsmaßnahmen in Kraft getreten. Die Wirtschaft erholt sich laut den aktuellsten Prognosen der beiden Wirtschaftsforschungsinstitute rasant. Laut Wifo könnte das Vorkrisenniveau bereits im Sommer erreicht werden. Das Bundeskanzleramt bedankt sich nächste Woche mit einer Veranstaltung in der Aula der Wissenschaften "bei den Expertinnen und Experten aus den unterschiedlichen Wissenschaften, die der Politik und den Österreicherinnen und Österreichern im vergangenen Jahr mit ihrer Expertise zur Verfügung gestanden sind." Normalere Zeiten scheinen langsam wieder einzukehren. Die Politik dürfte in Zukunft wohl wieder stärker interessengeleitet als evidenzbasiert agieren.

Harald Oberhofer ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Wirtschaftsuniversität (WU) Wien. - © Roman Reiter / WU
Harald Oberhofer ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Wirtschaftsuniversität (WU) Wien. - © Roman Reiter / WU

Und das, obwohl sich die Wissenschaft in der Krise bewährt hat. Angefangen von der Entwicklung mehrerer wirksamer Covid-19-Impfstoffe bis hin zum Design von wirtschaftspolitischen Unterstützungs- und Rettungsmaßnahmen. Überall war die Wissenschaft direkt beteiligt oder stand mit Rat und Expertise zur Verfügung. Es wäre fahrlässig, die Wissenschaft nun wieder in den Elfenbeinturm zu verabschieden. Man erinnere sich an den letzten Sommer: Auch damals wirkte die Lage stabil und Maßnahmen schienen unnötig. Im Herbst wurde Europa dann von einer zweiten Infektionswelle überrollt. Auch diesen Herbst werden noch viele Menschen nicht geimpft sein können. Vor allem in Kindergärten und Volksschulen gilt es, Clusterbildungen zu vermeiden. Es wäre jetzt über den Sommer der richtige Zeitpunkt, diese Orte zu sicheren Umgebungen zu machen. Vorschläge aus der Wissenschaft gäbe es hierzu reichlich, man denke etwa an entsprechende Luftfilteranlagen.

Auch nach der Überwindung der Akutphase der Pandemie wird die Wissenschaft weiter gefordert sein. So brauchen wir mehr Forschung und Evidenz zu den Ursachen und Folgen von Long-Covid, den durch Homeschooling und Distanzlehre entstandenen Bildungslücken, zu den ökonomischen Folgen der Pandemie am Arbeitsmarkt und deren Einfluss auf Firmeninsolvenzen, und vieles mehr. Hierzu muss die Wissenschaft aber entsprechende Rahmenbedingungen vorfinden. Diese reichen von einer soliden Basisfinanzierung über zusätzliche projektspezifische Finanzierungsmöglichkeiten bis zum Zugang zu den für die Analysen notwendigen Datenbeständen. Mit dem Austrian Micro Data Center kann der Datenzugang geschaffen werden. In Bezug auf kompetitive Drittmittelprojekte fehlt dem heimischen Förderungssystem schon jetzt das Geld. Exzellent bewertete Forschungsprojekte in Höhe von 60 Millionen Euro können durch den "Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung" nicht finanziert werden. Wie wichtig der österreichischen Politik die Wissenschaft mittelfristig ist, wird sich spätestens im Herbst zeigen. Da verhandeln alle heimischen Unis ihre Budgets für die nächste Leistungsperiode von 2022 bis 2024.