Beim Fußball-EM-Achtelfinalspiel England vs. Deutschland pilgerten 45.000 Fans ins Londoner Wembley-Stadion. Zu den Halbfinalspielen dürfen in diesen heiligen Fußballtempel gut 60.000 Schlachtenbummler pilgern. Aber zu welchem Preis? England zählt bekanntermaßen zum europäischen Hotspot der Delta-Variante des Coronavirus. Da hat das sportliche, völkerverbindende Großereignis einen Knick in der Optik, den man so schnell nicht geradebiegen kann.

Andreas Raffeiner lebt als Historiker, Autor, Herausgeber und Rezensent in Bozen. - © privat
Andreas Raffeiner lebt als Historiker, Autor, Herausgeber und Rezensent in Bozen. - © privat

Die Spiele sind spannend. Die Akteure auf dem grünen Rasen laufen dynamisch dem runden Leder nach. Tragik und Jubel wechseln einander ab. Die Ukraine zog gegen Schweden in buchstäblich letzter Sekunde ins Viertelfinale ein; die tapferen Eidgenossen rangen in einer Elfmeter-Lotterie Weltmeister Frankreich nieder; die ÖFB-Elf bot Italien 120 Minuten lang mehr als nur Paroli; Deutschland hingegen muss bis auf die gute Vorstellung gegen Portugal sein fußballerisches Dasein hinterfragen. Die EM-Duelle waren und sind herzzerreißend, hochemotional und durchaus beflügelnd.

So soll es ja auch sein. Die Fans sind sehr nahe dran am Geschehen und jubeln ihren Idolen zu. Es ist fast so wie früher: Der Funke springt vom Fanblock auf die Stars auf dem Platz über. Jeder weiß, dass das Zusammenspiel funktioniert. Verwaiste Fußballarenen gab es zu lange in der Corona-Zeit. Die Bilder von tausenden Fans zeigen, dass man nicht nur den Gegner auf dem Platz, sondern auch das Virus besiegen will. Doch das schier normale Bild, das uns nun beinahe täglich zur besten Sendezeit präsentiert wird, hat eine große Schattenseite. Die Fans müssen aufpassen, höllisch aufpassen. Auf dem ganzen Erdenrund wird vor Virusmutationen gewarnt. Die Delta-Variante ist gefährlich, die geballte Offensive lässt die standhafteste Abwehrkette alt aussehen. Die Ansteckungsgefahr ist um ein Vielfaches höher. Ist es seitens der Uefa dumm, tausende Fußballanhänger ins Wembley-Stadion pilgern zu lassen und dem Virus auszusetzen?

Dass Geld die Welt regiert, ist nichts Neues. Aber wer mit der Gesundheit der Menschheit spielt, spielt mit dem Feuer. Bei allem Respekt vor dem Mutterland des Fußballs sind diese Schritte mit dem normalen Hausverstand nicht mehr nachvollziehbar. Wir halten fest: Mit der Fußball-Euromeisterschaft verdient die Uefa gutes Geld, aber ihre Glaubwürdigkeit hat sie aufgrund dieser fahrlässigen Handlungen längst schon verspielt. Der Schlusspfiff könnte womöglich auch für sie, nachdem sie den Gesundheitszustand der Fans ins sprichwörtliche Abseits schiebt, ertönen. Da hilft dann auch kein Videobeweis.