Neulich hatte ich Gelegenheit zu einem Besuch, der mein Diplomatenherz ein paar Schläge schneller schlagen ließ: im Haus-, Hof- und Staatsarchiv. Am Wiener Minoritenplatz, auf der Rückseite des Kanzleramts mit Blick aufs Außenministerium, verbirgt sich auf neun Etagen aus begehbaren Eisenregalen nichts weniger als das Gedächtnis des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation und des Hauses Habsburg.

Ralf Beste ist seit September 2019 deutscher Botschafter in Österreich. Davor war der studierte Historiker als Journalist tätig, unter anderem für die "Berliner Zeitung" und den "Spiegel". - © Deutsche Botschaft Wien
Ralf Beste ist seit September 2019 deutscher Botschafter in Österreich. Davor war der studierte Historiker als Journalist tätig, unter anderem für die "Berliner Zeitung" und den "Spiegel". - © Deutsche Botschaft Wien

Prunkstück ist eines von zwei Exemplaren der Goldenen Bulle von 1356, so etwas wie das Grundgesetz des Reiches und natürlich Unesco-Weltkulturerbe. Aber auch für den Gast aus der westfälischen Provinz hatten die Hüter des Reichsgedächtnisses ein kleines Schmankerl aufgelegt: Gerichtsakten aus meiner Heimatstadt Witten an der Ruhr aus dem 17. Jahrhundert.

Andere mögen am Sisi-Museum Schlange stehen, auch die Albertina zieht wieder die Besucher an. Aber mein persönlicher "Hidden Champion" in Wien ist dieses Archiv, das auf Anhieb tatsächlich kaum zu finden ist. Als ähnlich magisch empfand ich zuvor einen Besuch in der Schatzkammer in der Hofburg. Die Aura der historischen Originale berührt, egal ob es der Westfälische Friedensvertrag ist oder die Kaiserkrone der Ottonen. Schriftstücke und Schmuckstücke dokumentieren gleichermaßen, wie eng verzahnt das Haus Österreich und die anderen deutschen Länder waren - und wie komplex und zäh sich die Auflösung des Reiches vollzog.

Als ich nach Österreich kam, war ich überrascht, ein Land zu erleben, das sich mit seiner Geschichte ähnlich schwer tut wie mein eigenes. Seitdem ich Archiv und Schatzkammer besucht habe, wächst mein Verständnis dafür.

Denn wenig verbindet Deutsche und Österreicher mehr als diese Geschichte. Ich weiß, das ist ein großes Wort angesichts der engen sprachlichen, geografischen und wirtschaftlichen Bande. Aber in der Geschichte drückt sich eben am besten die Ambivalenz unseres Verhältnisses aus. Nach der katastrophalen dritten Ausgabe des "Reiches" haben sich die meisten Deutschen sogar weitgehend vom Begriff selbst verabschiedet; für Österreicher ist das natürlich wegen des Eigennamens schwieriger.

Lösen kann man sich von der Last der Geschichte ohnehin nicht. Aber immerhin bietet sie auch Erkenntnis: Minoritenplatz und Hofburg sind für mich Symbole dafür, wie selbstverständlich und einträchtig Forscher aus unseren beiden Ländern heutzutage dieses Erbe wahren und für die Nachwelt aufbereiten. "Reich" ist in diesem Sinne, wer solche kulturellen Schätze hat.