Wer erinnert sich noch an die große Osteuropa-Euphorie in den 2000ern? Die globale Finanzkrise, geopolitische Spannungen und eine andauernde Pandemie haben die Goldgräberstimmung jäh beendet. Beim Blick gen Osten regiert unter Österreichs Wirtschaftskapitänen mittlerweile Realismus, zuweilen aber auch Pessimismus, wie die Episode rund um neue EU-Wirtschaftssanktionen gegen das autokratisch regierte Belarus unter Alexander Lukaschenko zeigt. Österreichische Unternehmen sind dort der drittgrößte Investor und werden darunter leiden.

Mario Holzner ist Direktor des Wiener Instituts für Internationale Wirtschaftsvergleiche (wiiw) und unterrichtet an der Fakultät für Wirtschaftswissenschaften der Universität Wien. Seine Forschungsschwerpunkte umfassen den Westbalkan, Makroökonomie und den Europäischen Integrationsprozess. - © wiiw
Mario Holzner ist Direktor des Wiener Instituts für Internationale Wirtschaftsvergleiche (wiiw) und unterrichtet an der Fakultät für Wirtschaftswissenschaften der Universität Wien. Seine Forschungsschwerpunkte umfassen den Westbalkan, Makroökonomie und den Europäischen Integrationsprozess. - © wiiw

Dennoch besteht für Österreichs Wirtschaft in Osteuropa wieder Grund zur Hoffnung. Das verdeutlicht unsere Sommerprognose für die 23 Volkswirtschaften der Region. Im Schnitt sollten diese 2021 um 4,2 Prozent wachsen, nachdem bereits der Einbruch durch Corona viel moderater ausgefallen ist als in Westeuropa. Besonders gut durch die Krise gekommen sind etwa Polen und Rumänien. Einerseits, weil die Corona-Beschränkungen vielerorts weniger streng ausfielen als im Westen, andererseits aber auch aufgrund eines kleineren Dienstleistungssektors und einer beachtlichen ökonomischen Anpassungsfähigkeit. Trotz der immer noch deprimierenden Gesundheitssituation hat Osteuropa im ersten Quartal viel besser abgeschnitten als erwartet. Getrieben wird das Wachstum vom privaten Konsum und vom starken Zufluss ausländischer Direktinvestitionen.

Davon sollte Österreich überproportional profitieren. Immerhin gehören heimische Firmen in zwölf osteuropäischen Ländern zu den Top-5- und in vier weiteren zu den Top-10-Investoren. Die Erholung der Region wird sich positiv auf die Gewinne der dort tätigen österreichischen Unternehmen, Banken und Versicherungen auswirken. Nach Abklingen der Pandemie dürften auch wieder verstärkt osteuropäische Touristen in die Alpenrepublik strömen. Österreichs Auslandsinvestitionen liegen vor allem in den Visegrád-Staaten und in Rumänien. Sie alle sollten nach einer schweren Rezession im vergangenen Jahr heuer und im kommenden Jahr wieder ein starkes Wachstum verzeichnen. Das EU-Wiederaufbauprogramm "NextGenerationEU" wird für zusätzliche Dynamik sorgen.

Besonders spannend ist die Situation am Westbalkan. Österreichische Unternehmen sind dort bereits heute die drittgrößten Auslandsinvestoren. Mit durchschnittlich 5,1 Prozent werden Albanien, Bosnien-Herzegowina, Kosovo, Montenegro, Nordmazedonien und Serbien 2021 in ganz Osteuropa am schnellsten wachsen. Als Wachstumslokomotive fungiert dabei Serbien. Bereits im ersten Quartal flossen ausländische Direktinvestitionen von annualisiert rund 8 Prozent der Wirtschaftsleistung ins Land. Auch die Industrieproduktion erhöhte sich im Jahresvergleich um 34 Prozent.

All das könnten erste Anzeichen für Produktionsverlagerungen beispielsweise von deutschen, österreichischen oder niederländischen Firmen auf den Westbalkan sein. Corona hat vor Augen geführt, wie verwundbar die globalen Lieferketten sind. Angesichts des attraktiven Lohnniveaus, relativ gut ausgebildeter Arbeitskräfte und der geografischen Nähe zu Westeuropa wäre ein solches "Nearshoring" nur naheliegend.