Mehr als 100.000 offene Jobs gibt es aktuell in Österreich. Der öffnungsgetriebene Wirtschaftsaufschwung steht in den Startlöchern. Die Unternehmen wären bereit. Was fehlt? Die notwendigen Fachkräfte. In den Medien liest man von Gastronomiebetrieben, die typischerweise "händeringend" nach Arbeitskräften suchen, aber nicht bereit sind, in Knochenjobs mehr als das Mindestkollektivertragsgehalt zu zahlen. In der Folge werden Arbeitslose, die sich lieber nach einem besser bezahlten Angebot umsehen, pauschal als arbeitsunwillig verurteilt.

Mattias Muckenhuber ist Arbeitsmarktexperte am sozialliberalen Momentum Institut. - © Momentum Institut
Mattias Muckenhuber ist Arbeitsmarktexperte am sozialliberalen Momentum Institut. - © Momentum Institut

Bei der Debatte herrscht vielerorts Aufklärungsbedarf. Oft wird von Fachkräftemangel gesprochen, wo es gar keinen gibt. Denn Servierpersonal etwa wird in der Gastronomie vor allem ohne fachliche Ausbildung gesucht. Andererseits liegt bei mehr als 13.000 arbeitslosen Kellnerinnen und Kellnern im Vergleich zu 6.000 offenen Stellen objektiv kein Mangel vor. Eher rächt sich aktuell, dass Gastronomie- und Beherbergungsbetriebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nach Beginn der Krise auf die Straße setzten, statt sie zur Kurzarbeit anzumelden. Gleichzeitig kommen tausende Saisonarbeitskräfte aus den östlichen Nachbarstaaten, auf die Österreichs Tourismus offenbar stark angewiesen ist, nicht im erwarteten Ausmaß zurück. Ihnen blieb wenig übrig, als sich seit dem Frühling 2020 andere Jobs suchen.

Wie kann man die offenen Gastronomiejobs jetzt noch besetzen? Ein erster Schritt wäre es, sich der Wirkung von Angebot und Nachfrage zu besinnen: Wer schwer Arbeitskräfte findet, muss die Löhne erhöhen. Monetäre Anreize sind aber nicht alles, was für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer zählt. Genauso wichtig wäre wohl eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen. Kellnerinnen und Kellner etwa können jederzeit unter Einhaltung einer zweiwöchigen Frist gekündigt werden - Angestellte erst mindestens vier Wochen nach dem Monatsletzten. Außerdem müssen, da hat Hotelier und Ex-Neos-Abgeordneter Sepp Schellhorn ganz recht, Möglichkeiten gefunden werden, Arbeitskräfte ganzjährig anzustellen. Denn in der Branche werden sie gerne in der Nebensaison beim AMS zwischengeparkt. Das führt neben starken individuellen Einkommenseinbußen und hoher Fluktuation auch zu hohen Kosten für die Allgemeinheit.

Braucht es mehr Druck auf Arbeitslose? Soll man sie, wie der Arbeitsminister es formuliert, "mit Sanktionen motivieren"? Eingesparte variable Kosten haben in Kombination mit teils üppigen Hilfen vielen Unternehmen auch im Krisenjahr Gewinne beschert. Nun wäre es an der Zeit, in die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu investieren. Das Arbeitslosengeld zu senken, ist mit Sicherheit die schlechteste Option. Kein Betrieb hat viel Freude mit Arbeitskräften, die durch Existenzängste in einen Beruf gedrängt werden, den sie so gar nicht ausüben wollen. Im schlimmsten Fall ziehen sich Menschen dadurch aus dem Arbeitsmarkt zurück. Jedenfalls würde ein weiteres Senken des in Österreich ohnehin niedrigen Arbeitslosengelds die Armutsgefahr für Arbeitslose vergrößern. Und das sollte niemand wollen.