Der heurige Erderschöpfungstag ("Earth Overshoot Day" war am 29. Juli, so wie schon im Jahr 2019 (vor der Pandemie - im Corona-Jahr 2020 war er drei Wochen später). Bis zu diesem Tag hat die Menschheit statistisch gesehen ihre diesjährigen Ressourcen aufgebraucht. Was dabei allerdings oft vergessen wird: In Österreich fand dieser Tag, wie in vielen reichen Ländern, eigentlich schon im April statt. Würden alle Menschen weltweit so leben wie wir, bräuchte es fast vier Erden, um den jährlichen Ressourcenverbrauch zu decken. Der hohe Ressourcenverbrauch spiegelt sich dabei auch in den Treibhausgasemissionen wider.

Joel Tölgyes ist Ökonom an der sozialökologischen Denkfabrik Momentum Institut. - © www.moment.at
Joel Tölgyes ist Ökonom an der sozialökologischen Denkfabrik Momentum Institut. - © www.moment.at

Dabei gibt es Fortschritte: In der Energieerzeugung, und beim Heizen von Gebäuden wurden in den vergangenen Jahren Millionen Tonnen CO2 reduziert. Aber umsonst: Sämtliche Emissionseinsparungen wurden durch das Problemkind Verkehrssektor wieder zunichtegemacht. Denn im Verkehr sind die Emissionen stärker gestiegen, als die anderen Sektoren sie eingespart haben. Die Treibhausgasemissionen des Verkehrssektors sind seit 1990 explodiert. Und so waren sie im Jahr 2019 um 75 Prozent höher als im Jahr 1990 - bei einem Sektor, der für rund 30 Prozent der Gesamtemissionen verantwortlich ist.

Wir müssen unser Mobilitätsverhalten drastisch umstellen. Mit Eigenverantwortung hat das wenig zu tun: Einerseits ist Autofahren noch immer viel zu günstig und spiegelt nicht die wahren Kosten der Umweltverschmutzung wider. Hier muss eine CO2-Bepreisung ansetzen. Andererseits haben wir uns durch einen Fokus auf den motorisierten Individualverkehr jahrzehntelang selbst in eine Abhängigkeit manövriert. Wer auf Hochtouren Schnellstraßen baut und Bahnstrecken einstellt, kann sich nicht auf individuelle Entscheidungen ausreden.

Denn die erforderlichen umweltfreundlichen Alternativen stehen oft schlicht und einfach nicht zur Verfügung. Daten der Österreichischen Raumordnungskonferenz zeigen, dass rund 46 Prozent der österreichischen Gemeinden nur unzureichend mit öffentlichen Verkehrsmitteln erschlossen sind. Haltestellen sind oft nicht in Gehdistanz, die Öffi-Intervalle sind zu lang und die Verbindungsqualität an sich zu schlecht.

Hier zeigt sich enormes Potenzial. Intervalle müssen verdichtet und Streckennetze besser durchdacht werden. Auch Lösungen für die "letzte Meile" - den Weg zwischen erster beziehungsweise letzter Haltestelle und Start beziehungsweise Ziel der Reise - müssen umgesetzt werden. Hier gibt es bereits viele Ideen, an der Umsetzung hapert es aber. Politikerinnen und Politiker sollten sich ihrer Verantwortung bewusst werden. Sie müssen für eine Zukunft sorgen, in der unsere Mobilitätsbedürfnisse gestillt werden, ohne die Umwelt zu zerstören. Ein Abschieben der Verantwortung auf die Bürgerinnen und Bürger bei gleichzeitiger Angstmache vor der Zukunft ist das Gegenteil von dem, was wir brauchen. Ein bundesweiter Öffi-Ausbauplan mit Mindestqualitäten wie in der Schweiz wäre sinnvoll, sodass benutzerfreundliche Öffis auch auf dem Land eine Alternative sind.