Die Corona-Pandemie hat uns gelehrt, dass sie auch mit unserem Lebensstil zu tun hat. Unser auf immer mehr Konsum und weltweiter Arbeitsteilung basierendes Wirtschaftssystem ist nicht nachhaltig, weder im nationalen Rahmen und schon gar nicht global. So betrachtet, kann diese Pandemie sogar ihr Gutes haben: Sie lässt uns hoffentlich auch darüber nachdenken, was wir gegen die drohende Klimakatastrophe tun können. Je früher wir (hier auch global) gegensteuern, etwa nach dem Motto "mehr Qualität statt Quantität", desto weniger Einschränkungen werden wir später hinnehmen müssen. Wobei die stärker industrialisierten Länder als größte Klimasünder auch den größten Handlungsbedarf haben.

Das Umdenken sollte aber nicht nur in Bezug auf das Klima und eine bessere Pandemievorsorge erfolgen (die nächste Pandemie kommt bestimmt). Es gilt einmal, den ständig zunehmenden beruflichen Stress zu vermindern. Es macht wenig Sinn, dass tendenziell immer weniger Menschen immer mehr arbeiten und immer weniger Zeit haben, die Früchte ihrer Arbeit auch zu genießen. Es macht auch wenig Sinn, den Leistungsdruck immer mehr zu steigern und dabei in Kauf zu nehmen, dass psychische Erkrankungen massiv zunehmen. Die Politik ist gefordert, etwas gegen zunehmenden Leistungsdruck und für eine bessere Verteilung der Arbeit zu unternehmen (Stichwort: Arbeitszeitverkürzung).

Teurer kann günstiger sein

Walter Wotzel studierte Volkswirtschaft, Rechtswissenschaften und Politikwissenschaften und wurde durch langjährige Tätigkeit beim Sozialtelefon (Bürgerservice des Sozialministeriums) zu einem profunden Kenner des österreichischen Sozialsystems. Seit bald sechs Jahren ist er im Ruhestand. - © privat
Walter Wotzel studierte Volkswirtschaft, Rechtswissenschaften und Politikwissenschaften und wurde durch langjährige Tätigkeit beim Sozialtelefon (Bürgerservice des Sozialministeriums) zu einem profunden Kenner des österreichischen Sozialsystems. Seit bald sechs Jahren ist er im Ruhestand. - © privat

Es macht wenig Sinn, für etwas mehr Gewinn ganze Produktionen in Niedriglohnländer mit niedrigeren Sozial- und Umweltstandards zu verlagern. Hier könnte ein Lieferkettengesetz, das auf Einhaltung gewisser Mindeststandards abzielt, eine Verbesserung bringen. Es macht wenig Sinn, beim Einkauf nur auf den Preis zu schauen und damit eine Negativspirale zu immer weniger Qualität und damit auch Ressourcenverschwendung zu unterstützen. Mehrweg- statt Einwegverpackungen sind ein sinnvoller Ansatz. Langfristig betrachtet, können sich teurere Qualitätsprodukte sogar als günstiger herausstellen. Oder auch teurere Bioprodukte der räumlich nahen Landwirtschaft im Vergleich zur Konkurrenz aus dem globalen Supermarkt.

Es macht wenig Sinn, klimaschädliche Flugreisen wieder groß zu bewerben. Vielleicht könnte hier eine Bepreisung der Luftschadstoffe helfen. Der Wegfall der kontraproduktiven Befreiung von der Kerosinsteuer sollte hier einen raschen Anfang machen. Es macht wenig Sinn, weitere Autobahnen zu bauen, wenn das bestehende Netz für einen künftig trotz E-Mobilität geringeren Individualverkehr ausreicht. Die Voraussetzung dafür ist natürlich ein qualitativer und quantitativer Ausbau der Öffis, auch im ländlichen Bereich.

Ist mehr immer mehr?

Wir alle wissen bei nüchterner Betrachtung, dass es ewiges Wachstum in einer endlichen Welt nicht geben kann. Wir wissen um die Grenzen des Wachstums wegen der drohenden Klimakatastrophe. Aber kaum ein Politiker macht sich Gedanken über eine nachhaltige Wirtschaft, geschweige denn lässt zu diesem Zukunftsmuss forschen. Im Gegenteil - alle Entscheidungsträger peilen schon wieder weiteres Wachstum an, weil sie glauben, dadurch nichts gegen die extrem unterschiedliche Verteilung von Einkommen und Vermögen unternehmen zu müssen.

Das Gesetz vom fallenden Grenznutzen gilt nicht nur in der Volkswirtschaft, sondern auch in unserem Alltag. Irgendwann, beim dritten Fernseher oder beim dreißigsten Paar Schuhe, beim dritten Flug nach Thailand oder beim dreißigsten Besuch in einer Disco, schleicht sich (freilich nicht bei allen) das schale Gefühl ein, dass es nicht mehr so ganz passt.

Sich mit dem Ausreichenden zu bescheiden, muss keinen Verzicht darstellen. Das sagen auch die Bewohnerinnen und Bewohner der boomenden "tiny houses", die vielen, die wieder zurück aufs Land ziehen (oder erstmals dorthin). Es kann im Gegenteil sogar ein Mehr an Lebensqualität bedeuten, ein Mehr an Zufriedenheit. Auch der Zufriedenheit, etwas mit eigenen Händen geschaffen, anstatt es im globalen Supermarkt erworben zu haben.

Nicht für alle ist weniger mehr

Langsam, aber stetig steigt die Einsicht, dass ein gutes Leben nicht mit einem ständigen Mehr an Gütern zu tun hat. Wir haben nur begrenzte Bedürfnisse: nach Wohnung, Selbstbestimmung, Sicherheit, Anerkennung und Liebe. Die Wirtschaft aber gaukelt uns schier unendliche Wünsche vor, wobei bei vielen der Blick zum Nachbarn zur Triebfeder dieser Wünsche wird.

Dabei darf freilich nicht übersehen werden, dass es viele gibt, für die ein Weniger keine Option ist. Wir kennen sie kaum, weil sie meist unsichtbar sind: die vielen Abgehängten, Arbeitslosen, Wohnungslosen . . . Ihnen sollte in einer reichen Gesellschaft wie der österreichischen geholfen werden, am besten in Form von Hilfe zur Selbsthilfe in Verbindung mit einer Mindestsicherung, die im Gegensatz zu unserer derzeitigen Sozialhilfe diesen Namen auch verdient.

Armut ist eine Schande, das steht fest. Aber sie sollte nicht die Schande derer sein, die von ihr betroffen sind, sondern vielmehr eine der Gesellschaft, die Armut zulässt. Gegen die existenzielle Not der unteren 20 Prozent wird ein Programm aufzustellen sein, damit deren wirtschaftliche und letztlich auch politische Teilhabe wieder hergestellt werden kann.