Der nicht gerade üppige Wortschatz des politischen Alltags - vergleichbar im Umfang mit jenem von mittelmäßigen Sportreportern oder manchen professionellen Ökonomen - erhielt mit dem Stichwort Steinzeit eine aufsehenerregende Erweiterung. Ein Faktencheck ist aber auch hier zu empfehlen: Nicht eine Rückkehr in die Steinzeit droht, wie vom Urheber dieses Codeworts - dem Bundeskanzler - behauptet. Eher wäre ein Abschied von versteinerten Strategien und Strukturen anzustreben, wenn diese Ansage Bestandteil der politischen Bildersprache werden soll.

Stefan Schleicher ist Professor am Wegener Center für Klima und globalen Wandel an der Karl-Franzens-Universität Graz.

Stefan Schleicher ist Professor am Wegener Center für Klima und globalen Wandel an der Karl-Franzens-Universität Graz.

Anlassfall für diese Erweiterung des Politik-Vokabulars sind kontroverse Straßenbauprojekte, deren Entstehungsgeschichte zwar nicht in die Steinzeit zurückreicht, aber doch in Zeiten, wo der Blick in die Zukunft durch den Rückspiegel in die Vergangenheit erfolgte. Von der S18 in Vorarlberg bis zum Tunnel unter der Lobau in Wien erhoffen sich die von der täglichen Verkehrslawine Betroffenen eine Entlastung durch die Realisierung der umstrittenen Bauprojekte. Ohne eine Ferndiagnose samt unzulänglichen Therapien zu wagen, soll dem Steinzeit-Sager dennoch eine Chance für seine Politiktauglichkeit gegeben werden. Im aktuellen Verkehrssystem hat der Individualverkehr mit Pkw nämlich steinzeitliche Qualitäten. Aus der Sicht eines E.T., einem Extra-Terrestial, verwundert beispielsweise, dass diese Fahrzeuge von den 24 Stunden eines Tages sich im Schnitt nur etwas mehr als eine halbe Stunde bewegen und somit eher die Bezeichnung Stehzeuge verdienen. Ist dieser E.T. zusätzlich noch mit etwas Thermodynamik vertraut, dann verwundern Technologien, die von den getankten Treibstoffen gut vier Fünftel zur Erzeugung von Wärme statt zur mechanischen Bewegung verwenden.

Noch sollen daraus aber keine vorschnellen Empfehlungen für elektrische Antriebe gezogen werden, die zumindest das Wärmedefizit nicht aufweisen. Vorher ist noch zu fragen, was die Wurzeln unseres aktuellen Mobilitätsbedarfs sind. Auch hier werden steinzeitliche Strukturen sichtbar. Bei allen Kollateralschäden der Corona-Lockdowns war Home-Working ein Real-Time-Experiment, das in vielen Unternehmen die Arbeitsorganisation dauerhaft zu verändern beginnt, weil die tägliche Anwesenheit am Arbeitsplatz nicht mehr eingefordert wird. Aufmerksamkeit bekommen jene neuen Gebäudestrukturen, die unter der Bezeichnung Quartiere und Areale die Integration unserer täglichen Aktivitäten, vom Wohnen und Arbeiten bis zum Chill-out und vom Kindergarten bis zum Squash-Court, schaffen. Das Ergebnis sind nicht nur kurze Wege, sondern auch emissionsarme lokale Energiesysteme.

Solche Überlegungen sind nicht ausreichend, um betroffene Anrainer von den Verkehrslawinen zu entlasten. Aber von der Errichtung peripherer Büros in nicht genutzten Gebäuden am Rand der Zentralräume bis zur Forcierung der nächsten Generation der Video-Kommunikation wären viele kurzfristig umsetzbare Experimente denkbar. Vor solchen Innovationsimpulsen sollten sich auch die Spitzen der Politik nicht scheuen. Sie würden damit den Eindruck korrigieren, dass ihre argumentative Basisausstattung fragil wie ein Glashaus ist, in dem man bekanntlich nicht mit Steinen werfen soll.