Mit Österreichs Wirtschaft gehe es wieder steil bergauf, meldeten zuletzt zahlreiche Schlagzeilen. Ein kleiner Schatten drohe vielleicht noch durch eine mögliche vierte Corona-Welle im Herbst. Aber im Großen und Ganzen seien wir, so heißt es vielerorts, zumindest ökonomisch wieder gut auf Kurs. War ja alles halb so schlimm, oder wie? Dieser übertriebenen Euphorie kann man bei genauerer Betrachtung keineswegs folgen. Mehr als 10.000 kaum überlebensfähige Unternehmen werden nach wie vor unbeirrt durch die Krise getragen, ihre Insolvenz künstlich verhindert. Tausende "Zombie-Unternehmen" freuen sich über Ratenvereinbarungen, die sie mit aller Kraft am Leben halten wollen. Die toten Pferde werden weiterhin gefüttert, früher oder später werden sie aber den Arbeitsmarkt und unsere gesamte Volkswirtschaft massiv belasten.

Daniel Knuchel ist Equity-Partner der Advicum Consulting GmbH. - © Advicum Consulting
Daniel Knuchel ist Equity-Partner der Advicum Consulting GmbH. - © Advicum Consulting

Der Blick auf die Insolvenzstatistik könnte ja tatsächlich zum kapitalen Trugschluss verleiten, der Wirtschaft gehe es so gut wie selten zuvor. Zahlreiche Analysen wurden durchgeführt, und siehe da: In Zeiten der größten Pandemie der jüngeren Geschichte verzeichnete Österreich 40 Pro-
zent weniger Unternehmenspleiten als im langjährigen Durchschnitt. Wie ist das möglich? Des Rätsels Lösung ist im Grunde eine triviale Insolvenzverzögerung, die drei simplen Schritten folgt:

Im ersten Schritt verändert man ganz einfach die Regeln, anhand derer gemessen wird, ob Insolvenz zu beantragen ist oder nicht.

In Schritt zwei flutet man die Märkte direkt oder indirekt mit Geld und versorgt auch jene Unternehmen, die schon lange notleidendend sind, mit ausreichenden finanziellen Mitteln, um sich vorerst über Wasser zu halten.

Und schließlich werden im dritten Schritt die Fristen mehrfach verlängert, bis sich irgendwann das System an diesen Zustand gewöhnt hat.

Am Ende der Krise droht natürlich trotzdem der Systemkollaps: Förderungen und Stundungen werden gestoppt oder müssen nun zurückgezahlt werden, und das auch noch mit Zinsen. Spätestens jetzt sollte sich die Spreu vom Weizen trennen, würde man meinen. Doch weit gefehlt, denn nun greift das Instrument der Ratenvereinbarung, und der Zustand wird nochmals verlängert. Gerade rechtzeitig, damit wir den Sommerurlaub genießen können und uns erst im Herbst wieder mit diesem höchst unangenehmen Thema auseinandersetzen müssen.

Dieses Vorgehen schafft nicht nur eine trügerische Sicherheit, in der man sich ganz gut einnisten kann. Es verstellt auch den Blick auf die wesentlichen Probleme, die viele Bereiche unserer Wirtschaft belasten: strukturelle Probleme, Produktivitäts- und Effizienzschwächen, Zurückhaltung in der digitalen Transformation. Der weit verbreiteten Ansicht, Österreichs Wirtschaft habe nach der Pandemie das Schlimmste längst überstanden, kann man sich also kaum anschließen. Denn irgendwann kommen die toten Pferde vom Urlaub zurück und müssen ihre Schulden begleichen oder letztlich doch den Weg der Insolvenz gehen. Also: Genießt den Urlaub, ihr toten Pferde - es könnte euer letzter sein.