Menachem Begin (1913 bis 1992) ein Terrorist und die von ihm geführte zionistische Untergrundbewegung Irgun Zwai Leumi eine Terrorgruppe, deren Anschlag auf die Zentrale der Briten im King-David-Hotel in Jerusalem 1946 der größte Terroranschlag für Jahrzehnte war - dieses irreführende Bild hat Dieter Reinisch jüngst in seinem Artikel "Der ‚Höhepunkt‘ einer Terrorwelle" (17. Juli) gezeichnet. Doch man sollte den politisch-historischen Hintergrund der Situation in Palästina ab den 1920ern und bis Ende der 1940er nicht außer Acht lassen. Diverse jüdische Gruppierungen versuchten damals, die in Europa von den Nationalsozialisten verfolgten Juden nach Palästina zu bringen. Auf arabischen Druck, der insbesondere vom Mufti von Jerusalem, Hadsch Amin al-Husseini, ausging, reduzierten die Briten die Quoten (Einreisezertifikate) für immigrierende Juden dramatisch.

Fritz Rubin-Bittmann wurde 1944 in Wien als Sohn jüdischer Eltern geboren und überlebte als "U-Boot". Er ist Arzt für Allgemeinmedizin (2016 mit dem Berufstitel Professor ausgezeichnet) und hat zu Zeitgeschichte und Religionsphilosophie publiziert. - © Parlamentsdirektion / Johannes Zinner
Fritz Rubin-Bittmann wurde 1944 in Wien als Sohn jüdischer Eltern geboren und überlebte als "U-Boot". Er ist Arzt für Allgemeinmedizin (2016 mit dem Berufstitel Professor ausgezeichnet) und hat zu Zeitgeschichte und Religionsphilosophie publiziert. - © Parlamentsdirektion / Johannes Zinner

Al-Husseini war die treibende Kraft aller feindseligen Aktionen gegen die Juden, ein politischer Brandstifter par excellence. Er hatte große Sympathien für Adolf Hitler und wurde dennoch aufgrund seiner Position als religiöser Führer der Moslems von den Briten zumindest in den ersten eineinhalb Jahrzehnten respektiert und toleriert. Er proklamierte den Kampf zur Verteidigung des Islams gegen Briten und Juden und erklärte die Vernichtung Letzterer zur heiligen Mission aller Araber. Die Briten nahmen seine Brandreden auch gegen das British Empire schweigend hin.

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Theodor Herzls Idee vom eigenen jüdischen Staat bekam durch Hitlers Machtergreifung starken Auftrieb. Die deutschen Juden waren im Gegensatz zu den osteuropäischen weitgehend assimiliert; sie fühlten sich mehr als Deutsche denn als Juden und standen dem Zionismus erst eher indifferent bis ablehnend gegenüber. Es waren vielfach Akademiker - Mediziner, Juristen, Wissenschafter, Künstler -, die sich zu spät zum rettenden Zionismus bekannten.

Als Protest gegen die jüdische Einwanderung rief der Mufti zum Generalstreik auf. Die Aktivisten der Haganah und anderer jüdischer Selbstverteidigungsgruppen in Palästina befürchteten eine Wiederholung der Pogrome des Jahres 1929 in Hebron. Damals waren friedliche orthodoxe jüdische Familien abgeschlachtet worden, auch in anderen Städten hatten gewalttätige Ausschreitungen viele jüdische Opfer gefordert.

Al-Husseini hatte in Hitler einen mächtigen Verbündeten. Judenhass und Feindschaft gegen die britische Mandatsherrschaft waren bei den Arabern stark verbreitet. Etwa 500 gemäßigte Araber, die Al-Husseinis Hetzpropaganda ablehnten, starben durch dessen Meuchelmörder. Ohne den arabischen Druck hätten hunderttausende Juden durch Einwanderung nach Palästina gerettet werden können. Die Briten errichteten eine Seeblockade, um alle Schiffe nach Palästina mit jüdischen Flüchtlingen aufzuhalten. Viele wurden zurück nach Europa in den sicheren Tod geschickt.

Die Situation in Palästina wurde immer prekärer. Offiziell war der Jischuw-Zentralrat als Vertretung der Juden in Palästina bemüht, kämpferische Aktivitäten jüdischer Untergrundbewegungen zu unterbinden. Es war aber ein offenes Geheimnis, dass die Haganah im ganzen Land eine bewaffnete Bürgerwehr von etwa 30.000 Männern und Frauen hatte und die illegale jüdische Einwanderung (Mossad Aliyah Bet) organisierte. Waffen und Munition kamen auf abenteuerliche Weise nach Palästina, was die Briten zu unterbinden versuchten.

Das Arsenal der Juden bestand aus alten Gewehren und Pistolen, schwere Waffen fehlten. 1936 inszenierte der Mufti Übergriffe im ganzen Land, denen vorwiegend wehrlose alte und strenggläubige Juden zum Opfer fielen. Die Briten verhielten sich defensiv, was Al-Husseini zu weiteren Gewalttaten ermunterte. Die Zurückhaltung der Haganah war dem Einfluss des Jischuw-Zentralrats geschuldet, der ein gutes Verhältnis zu den Briten suchte.

Tausende Juden in der britischen Armee

Der revisionistische Zionist Vladimir Jabotinsky war überzeugt, nur ein bewaffneter Kampf gegen Araber und Briten könne das Überleben der Juden in Palästina sichern. Er wollte einen jüdischen Staat in den Grenzen des britischen Mandatsgebietes. Dazu gehörte auch das vom britischen Premier Winston Churchill auf Initiative von Gertrude Bell 1922 gegründete Transjordanien, das wesentlich größer war als das Restgebiet Palästinas. Der Irgun Zwai Leumi war die zionistische Untergrundbewegung, die Jabotinskys Ideen verwirklichte.

Die gesamte Situation in Palästina änderte sich mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs. Sofort meldeten sich rund 140.000 jüdische Freiwillige bei den Briten, die sie erst nicht militärisch ausbilden wollten. Doch dann zwang sie der Kriegsverlauf (speziell Erwin Rommels Siege) dazu, und erstmals nach 2.000 Jahren gab es in der britischen Armee eine eigene jüdische Brigade, bestehend vorwiegend aus deutschen und österreichischen Juden, mit dem Davidstern als Flagge. Sie wurden in deutschen Uniformen mit deutschen Waffen und deutschen Liedern trainiert, für Sabotageakte gegen Rommels vorrückende Armee - die Soldaten sprachen von waghalsigen Selbstmordkommandos. Aus Sorge vor dem Einmarsch der Wehrmacht in Palästina - es gab eigene Sondereinheiten für die Vernichtung der Juden - kämpften sie mit dem Mut der Verzweiflung.

Bald steckten die Briten in der Klemme, zur Freude der Araber. Doch etwa 50.000 Juden kämpften für die Briten. Und mit der Ermordung eines hohen britischen Beamten 1937 war der Mufti zu weit gegangen. Er versteckte sich erst in der Al-Aqsa-Moschee und floh dann nach Berlin. Bis dahin hatte Al-Husseini die arabische Welt gegen die Briten aufgestachelt. Im ganzen Nahen Osten hatten die Briten nur einen einzigen wirklichen Freund: die jüdische Bevölkerung Palästinas.

Dennoch verhinderten sie auch nach Kriegsende die Einreise von Holocaust-Überlebenden und unterstützten sogar die Araber, indem sie etwa die Abstimmung der UNO in Lake Success 1947 boykottieren wollten, um einen jüdischen Staat zu verhindern. Nicht nur Außenminister Ernest Bevin war ein prononcierter Judenfeind, auch in der britischen Armee gab es viele Antisemiten. Ungeachtet der rund sechs Millionen ermordeten Juden hatten hohe Offiziere der Royal Air Force auch Churchills Wunsch, Krematorien in Auschwitz und die Bahngleise nach Birkenau zu bombardieren, verworfen. Dabei war der große Industriekomplex Auschwitz-Monowitz laufend bombardiert worden. In der Royal Air Force sprach man offen aus: "The Germans are doing the dirty job for us by killing the Jews."

Die Briten glaubten der Warnung des Irgun nicht

Als Bevin jede weitere jüdische Einwanderung nach Palästina verbot, wollte der neue Irgun-Anführer Begin - Kommandant David Raziel war 1941 im Kampf gefallen - den Willen der Juden zum bewaffneten Widerstand demonstrieren. Und zwar, indem der Irgun das britische Hauptquartier in Jerusalem, im rechten Flügel des King-David-Hotels, sprengte. Im Keller des Hotels deponierten ein Dutzend als Araber verkleidete Irgun-Aktivisten zahlreiche Milchkannen, mit 350 Kilo Dynamit.

Dann wurden - darauf sei in aller Deutlichkeit hingewiesen - das britische Hauptquartier, die französische Botschaft und eine nahe Poststelle via Telefon eindringlich gewarnt, dass es in 20 bis 30 Minuten eine riesige Explosion geben werde und der Hoteltrakt evakuiert werden sollte. Doch die Briten hielten das für einen Trick des Irgun, dem sie so einen Anschlag nicht zutrauten. Die Explosion zerstörte dann den rechten Flügel des Hotels und forderte zahlreiche Opfer, die vermieden hätten werden können. Begin wollte keine unnötigen Toten, war jedoch wie Jabotinsky überzeugt, dass nur ein bewaffneter Kampf gegen die Briten diese zum Abzug aus Palästina veranlassen würde.

Der Staat Israel wurde schließlich am 14. Mai 1948 von David Ben-Gurion (1886 bis 1973) als erstem Premier ausgerufen - und einen Tag später von den Armeen von sieben arabischen Staaten angegriffen, unterstützt von Marodeuren und Guerilla-Einheiten zweier arabischer Terrorgruppen. Aufgestellt hatte sie niemand anderer als der alte Judenfeind Al-Husseini. Obwohl waffentechnisch und zahlenmäßig unterlegen, konnten sich die Juden in Israel erfolgreich verteidigen.

Ben-Gurion, ein erbitterter politischer Gegner Begins - der 1977 Ministerpräsident wurde -, wurde durch die normative Kraft der Fakten überzeugt, dass der politische Weg von Jabotinsky und dessen Gefolgsleuten einen wesentlichen Beitrag zur Erreichung der Unabhängigkeit von Großbritannien erwirkte und damit die Gründung des jüdischen Staates 1948 ermöglichte.

Opfer des größten Terrors der Menschheitsgeschichte

Begin als Terroristen zu bezeichnen, hieße, auch die Hitler-Attentäter des 20. Juli 1944 als Terroristen anzusehen. Der deutsche Widerstand gegen Hitler hatte lange Zeit zahlreiche Gegner, und die Existenz des Staates Israel ist nach wie vor vielen ein Dorn im Auge. Unabhängig von der Frage nach der Richtigkeit und der Bedeutung des Kampfeinsatzes des Irgun und der politischen Aktivitäten bedeutender Zionistenführer wie Chaim Weizmann, Mosche Scharet und Ben-Gurion waren die wichtigsten Kämpfer für die Gründung eines jüdischen Staates die sechs Millionen ermordeten Juden. Sie waren die Opfer des größten Terrors der Menschheitsgeschichte.

Der US-Schriftsteller Leon Uris (1924 bis 2003) hat der Weigerung der Briten, jüdische Überlebende auf dem Schiff "Exodus" nach Palästina einreisen zu lassen, ein literarisches Denkmal gesetzt. Der "Exodus"-Vorfall löste in der Weltöffentlichkeit eine Welle der Empörung gegen Großbritannien aus und brachte nachhaltige Sympathie für die Schaffung eines jüdischen Staates.

In diesem Zusammenhang sei auf Esther Raziel-Naor (1911 bis 2002) verwiesen, die Schwester von David Raziel. Ich habe sie in den 1980ern kennengelernt, als ihr Mann für die Jewish Agency einen wichtigen Auftrag in Bezug auf russische Einwanderer hatte. Sie war 1946 als Hochschwangere von den Briten gefoltert worden, um Waffenverstecke und Aufenthaltsorte ihres Mannes, Begins und anderer Irgun-Kämpfer herauszubekommen. Trotz schmerzhaften Bastonade hatte sie nichts verraten. Nach der Gründung des Staates Israel war sie Kultursprecherin der Cherut und drei Jahrzehnte lang Mitglied der Knesset. Dort saß sie direkt neben Begin - und wenn Ben-Gurion bei einer Sitzung über seinen Intimfeind sprechen wollte, bezeichnete er Begin als "jenen Abgeordneten der Knesset, der rechts neben Esther Raziel-Naor sitzt".