Vorige Woche hat Bildungsminister Heinz Faßmann endlich sein Corona-Konzept für den Schulbeginn präsentiert. Der Plan, der wohl für Sicherheit und Planbarkeit sorgen sollte, löste vor allem Unbehagen aus. Auch, wenn die Grundpfeiler - Tests, Impfungen und Luftfilter - begrüßenswert sind, wird Faßmanns Plan seiner Ankündigung, dass "die Jungen jetzt im Mittelpunkt stehen sollten", nicht gerecht. Im Gegenteil: Too little, too late.

Mati Randow (17) ist Schulsprecher des GRG 6 Rahlgasse in Wien. Im kommenden Schuljahr will er seine Matura absolvieren. - © privat
Mati Randow (17) ist Schulsprecher des GRG 6 Rahlgasse in Wien. Im kommenden Schuljahr will er seine Matura absolvieren. - © privat

Das Bildungsministerium handelt mit der Trägheit einer Schildkröte. Für die seit Herbst 2020 breit geforderte Beschaffung von Luftfiltern gab es bis vorige Woche keinen Cent. Während Wien schon flächendeckende Gratis-PCR-Tests ausgerollt hat, wurde in Schulen auf die nahezu willkürlichen Nasenbohrer-Tests gesetzt. Und erst mehr als ein halbes Jahr nach der Zulassung der ersten Covid-Impfstoffe kommt der Minister nun darauf, dass Impfungen der Schlüssel für einen sicheren Schulbetrieb sind. Schnelle Reaktionsfähigkeit und solides Krisenmanagement sehen anders aus.

"Ninja"-Pickerl statt Luftfilter

Die Werbung für die "Ninja-Pässe" kostete so viel wie Luftfilter für rund 1.000 Klassenzimmer. - © apa / Hrbert Neubauer
Die Werbung für die "Ninja-Pässe" kostete so viel wie Luftfilter für rund 1.000 Klassenzimmer. - © apa / Hrbert Neubauer

Der Bildungsminister hat sein Unvermögen, mit der Pandemie umzugehen, wiederholt unter Beweis gestellt. Wir jungen Menschen müssen das seit fast eineinhalb Jahren ausbaden. Mehr als 50.000 von uns haben sich infiziert, hunderte sind laut einer neuen Studie durch Covid zu Waisenkindern geworden. Kinder- und Jugendpsychiatrien sind weiterhin überlastet. Währenddessen durften wir zur Beruhigung im ungeschützten Klassenzimmer "Covid-Ninja"-Pickerl in unseren "Ninja-Pass" kleben. Allein für die Bewerbung dieses Stücks Papier, das ohnehin alle Schülerinnen und Schüler ausgehändigt bekommen haben, gab das Bildungsministerium 430.000 Euro aus. Damit hätten auch mehr als 1.000 Klassenräume mit Luftreinigern ausgestattet oder eine Kampagne für die Impfung von 12- bis 18-Jährigen finanziert werden können. Eigen-PR hatte Vorrang - auf dem Rücken unserer Sicherheit.

Lobbylose Kinder

Es ist höchste Zeit, uns wirklich in den Mittelpunkt zu stellen. Stattdessen wird eine eher banale Debatte über "Privilegien" für geimpfte Schülerinnen und Schüler geführt. Während wegen Impflappalien eine drohende Klassen-Gesellschaft ausgerufen wird, sieht es für noch nicht impfbare Kinder wirklich düster aus. Sicherheitskonzepte für Volksschulen und Kindergärten gibt es de facto nicht. Die neuen Vulnerablen - Kinder und insbesondere jene, die einer Risikogruppe angehören - werden nicht geschützt. Stattdessen wird ihr Recht auf Gesundheit entwertet, werden Infektionen mit all ihren möglichen Konsequenzen einfach in Kauf genommen. Hätte man das im Frühling 2020 mit Seniorinnen und Senioren gemacht, wäre der Aufschrei groß gewesen. Doch Kinder haben keine Lobby, die einzige Möglichkeit für viele Eltern lautet: Schulabmeldung zum Schutz des Kindes.

Das zeigt, wie sehr die Pandemie unsere Lebensstandards durcheinandergebracht hat. Es ist normal geworden, ständig eine Covid-Infektion im Hinterkopf zu haben. Die Gefahr lauert überall, daran haben wir uns gewöhnt. Doch die meisten von uns haben inzwischen wieder ein großes Privileg. Es besteht darin, kostenlos eine Impfung erhalten zu können, die vor einem schweren Verlauf oder gar dem Tod schützt. Jetzt geht es schlicht darum, alle mit diesem Privileg auszustatten.

Es braucht Informationskampagnen gezielt für besorgte Eltern von 12- bis 14-Jährigen, denn kein Elternteil möchte, dass sein Kind an einem gefährlichen Virus erkrankt. Es müssen über 14-Jährige aufgeklärt werden, denn keine Schülerin und kein Schüler entscheidet sich aktiv dafür, seine Klassenkolleginnen und -kollegen oder seinen Freundeskreis zu gefährden, wenn es eine so sichere und niederschwellige Alternative gibt. Und es muss für den Schutz von unter 12-Jährigen gesorgt werden, etwa durch eine Impfpflicht für Kindergarten- und Volksschulpersonal.

Endlich im Mittelpunkt

Doch nicht nur bei den Impfungen müssen Benachteiligungen überwunden werden. Es braucht Sicherheit durch drei PCR-Tests pro Woche für alle statt weniger Tests für auf dem Land lebende Schülerinnen und Schüler. Es braucht Schutz durch Luftreiniger in jeder Klasse statt Abhängigkeit von den bürokratischen Fähigkeiten der Schuldirektion. Und auch soziale Gerechtigkeit muss wieder hergestellt werden. Während die Bildungslücken immer größer werden, schwinden die Ausgleichsmaßnahmen. Es braucht Entlastung und gezielte Unterstützung statt sozialer Selektion.

Um das Unbehagen unzähliger Schülerinnen und Schüler zu bekämpfen, muss nicht nur in Faßmanns Konzept zum Schulstart nachgeschärft werden. Es braucht in der Corona-Politik insgesamt einen längt überfälligen Paradigmenwechsel, der Privilegien für alle jungen Menschen schafft und uns endlich in den Mittelpunkt stellt.