Zu den vielen interessanten Aufgaben eines Botschafters gehört der Besuch von Parteitagen, denn sie sind wichtige Orte unserer parlamentarischen Demokratien; dank der Impfung ist das jetzt wieder möglich. Als ich neulich bei der ÖVP-Versammlung in St. Pölten meinen Sitzplatz suchte, musste ich an den letzten Parteitag zuvor denken - das war vor der Pandemie, in Salzburg, bei den Grünen. Freie Plätze waren damals rar, und als ich endlich eine Stuhlreihe erspähte, war diese für das "10. Bundesland" reserviert.

Ralf Beste ist seit September 2019 deutscher Botschafter in Österreich. Davor war der studierte Historiker als Journalist tätig, unter anderem für die "Berliner Zeitung" und den "Spiegel". - © Deutsche Botschaft Wien
Ralf Beste ist seit September 2019 deutscher Botschafter in Österreich. Davor war der studierte Historiker als Journalist tätig, unter anderem für die "Berliner Zeitung" und den "Spiegel". - © Deutsche Botschaft Wien

Als Deutscher fand ich es witzig, dort Platz zu nehmen. Wie würde mein geschätzter österreichischer Kollege Peter Huber in Deutschland das wohl machen, fragte ich mich, wenn er auf einem Parteitag ein Schild mit "17. Bundesland" sähe? Als Deutschland-Kenner wüsste er natürlich, für wen dieser Sitz reserviert ist. Denn in meiner Heimat ist unumstritten, dass als 17. Bundesland Mallorca gilt.

In Österreich ist das - wie so häufig - etwas komplexer. Zwar sind viele österreichische Länder älter als so manches deutsche Bindestrich-Land, aber Wien ist ja auch erst recht spät aus Niederösterreich herausgelöst worden. Die Grünen in Salzburg jedenfalls informierten mich, dass der Begriff "zehntes Bundesland" ursprünglich die vielen hunderttausend Österreicher im Ausland gemeint habe. Ihre Partei wähle den Begriff jedoch für die hiesigen Einwohner mit Migrationshintergrund. Ich sah also keinen Grund, den Platz zu räumen.

Vor ein paar Tagen habe ich ein weiteres zehntes Bundesland kennengelernt. Im "Weißen Rössl" am Wolfgangsee diskutierte ich mit einer kleinen Gruppe sehr sympathischer Salzkammergütler über den Tourismus nach der Pandemie, den legendären Seebesucher Helmut Kohl und die Beziehungen unserer Länder. Seit Kaisers Zeiten habe das Salzkammergut stets eine Sonderrolle gespielt, erklärte mir eine belesene Gütlerin - wegen seiner Schönheit, aber auch wegen der wirtschaftlichen Bedeutung der Salzgruben. Formal erstrecke sich das Salzkammergut über die Länder Oberösterreich, Salzburg und Steiermark - in Wahrheit verstehe es sich aber als eigenes, zehntes Bundesland.

Schon wieder eine Nummer zehn. Ich habe dann noch ein bisschen geforscht. Besonders interessant: Auch die zahlreichen Moore und Sümpfe, auf deren Trockenlegung man vor Jahrzehnten noch stolz war, wurden einmal als virtuelles, natürlich zehntes Bundesland gewürdigt. Wenn ich weitersuche, komme ich vielleicht auch für Österreich bald auf 16 Bundesländer, wie in Deutschland. Nummer 17 bleibt für uns aber Mallorca.