Während wir über die aus einer Benachteiligung Nichtgeimpfter folgende Zweiklassengesellschaft und damit verbundene Zwänge diskutieren, wird eine andere Diskriminierung nicht hinterfragt: Wer am Straßenverkehr und damit an einem wesentlichen Teil des öffentlichen Lebens als Lenker eines Kraftfahrzeugs teilhaben will oder muss, ist ganz selbstverständlich staatlichem Zwang unterworfen. Dabei sollte es doch eine persönliche Entscheidung sein, wie Lenker sich im Verkehr verhalten und sich das nötige Können aneignen, tragen doch sie das Risiko für die Folgen ihres Handelns, sollten sie sich verletzen oder ihr Fahrzeug beschädigen. Außerdem sollte niemand gehindert werden, aus eigenen Fehlern zu lernen und authentische Erfahrungen zu machen. Die Geschäftemacherei von Fahrschulen und Behörden ist umso ärgerlicher, als sie Verkehrsunfälle nicht verhindert: Es ist davon auszugehen, dass - praktisch alle Lenker, die an Unfällen beteiligt sind, über eine Lenkerberechtigung verfügen.

Paul Reinbacher ist Sozial- und Wirtschaftswissenschafter. Er besitzt einen Führerschein und ist gegen Covid geimpft. - © privat
Paul Reinbacher ist Sozial- und Wirtschaftswissenschafter. Er besitzt einen Führerschein und ist gegen Covid geimpft. - © privat

Deshalb ist es naheliegend, auf Eigenverantwortung statt auf staatlichen, wenig wirksamen Zwang zu setzen. Dafür spricht neben fragwürdigen Inhalten (wie Rechtsvorrang und Rechtsfahrgebot, die in Zeiten von um sich greifendem Rechtspopulismus kaum noch zeitgemäß sind) die Tatsache, dass die Statistik seit Jahrzehnten einen Abwärtstrend beim Unfallgeschehen ausweist: Angesichts des gleichzeitig gestiegenen Verkehrsaufkommens wird die Bedeutung des Führerscheins überschätzt.

Vieles, das in der Fahrschule gelernt wird, ist für den Alltag ohnehin wenig relevant und nur ein staatlich legitimiertes Ärgernis für freie Bürger. Daher ist es hoch an der Zeit, die individuelle Mobilität mit dem Kraftfahrzeug endlich als fundamentales Freiheitsrecht zu respektieren, dessen Einschränkung eine anachronistische, heute inakzeptable Diskriminierung darstellt. Daraus entstehen zwar Kosten für die Gesellschaft (etwa Belastung öffentlicher Infrastruktur), doch können wir davon ausgehen, dass der Bevölkerung diese Freiheit etwas wert ist. Immerhin scheint ein beachtlicher Teil auch kein großes Problem mit der Externalisierung jener Kosten zu haben, die aus einer niedrigen Impfquote resultieren.

Die Absurdität einer solchen Forderung mag Kopfschütteln auslösen, doch sie erinnert an Fehlvereinfachungen in Diskussionen über die Covid-Impfung: Diese sei eine individuelle Entscheidung, schütze nicht hundertprozentig, sei unnatürlich, man könne ihre Entwicklung nicht nachvollziehen etc. Absurd ist es aber vor allem, anekdotische Einzelfälle und subjektive Freiheitsgefühle absolut zu setzen, statistische Wahrscheinlichkeiten und belastbare Evidenzen hingegen auszublenden. Gleiches gilt für die Ignoranz gegenüber dem Gemeinwesen - nicht nur aufgrund naiver Nächstenliebe, sondern aus individueller Nutzenüberlegung, die am Ast jener Solidarität, auf dem sie sitzt, nicht sägen sollte.